Dusch dich, kleine Schwester

2. Februar 2010, 07:00
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Jubiläumsstaffel: In zehn Jahren "Big Brother" hat sich das Hauptaugenmerk des Menschenzoos auf mehr Porno und mehr Schicksal verlagert

Es geht um Erektionen, Plastikbrüste, Egoismus und Plärranfälle. Menschen, die sich zwei Tage zuvor erstmals gesehen haben, bieten einander recht intime Körperpflegeservices an der Akne- und Haarwuchsfront an. Kette zu rauchen scheint DAS gemeinschaftsstiftende wie beschäftigungstherapeutische Mittel der Wahl zu sein, Tattoos und Piercings Aufnahmekriterium in den Kreis ebenso wie eine Karriere in der Sexindustrie vorweisen zu können auch nicht schaden kann. Das muss "Big Brother" reloaded sein.

Vor zehn Jahren nahm sich der Menschenzoo bei seiner Premiere im deutschsprachigen Raum vergleichweise unschuldig aus, auch wenn schon damals das sexuelle Intermezzo zweier BewohnerInnen zum großen Aufhänger gemacht wurde. Die beiden - Kerstin und Alex - dachten, es sei dunkel und keine/r kriegt es mit. Nix da - hätte ihnen auch schon der Titel des Projekts sagen müssen, und den BewohnerInnen der folgenden Staffeln erst recht: Die mussten gar nicht mehr spekulieren, sondern konnten via TV und Internet mitverfolgen, inwieweit Endemol - Ideenfabrik hinter BB und Produzent - den TeilnehmerInnen Würde lässt. Von Staffel zu Staffel wurde das - auch durch die Livestreams im Netz - immer deutlicher: Kein Stück weit. Alles, was zählt, ist Quote, und Quote steigern, so die Lektion, lässt sich am einfachsten über nackte Haut und Sex.

In den ersten drei Staffeln hat man den BewohnerInnen zumindest ein kleines bisschen Anstand gegönnt, als sie ihre Körperpflege noch hinterm Duschvorhang verrichten konnten. Undenkbare Zustände heutzutage: Aus Big Brother ist "Dusch dich, kleine Schwester" geworden. Sich beim Poritzen einseifen filmen lassen, um via Internet von interessierten und zahlungswilligen BB-Fans ganz genau beäugt zu werden, das gehört mittlerweile zum BewohnerInnen Sein dazu. Wobei die von BB gecasteten - mit unter auch engagierten, wie zu vermuten ist - Showbiz-Menschen mit exibitionistischer Grundhaltung und SelbstvermarkterInnen in Sachen Sex-Karriere den übrigen BewohnerInnen den Bärendienst abnehmen: Wenn die Pornodarstellerin dieser Staffel, Cora, duscht, kennt die Kameraführung kein Pardon. Nur gerecht - bzw. abgemacht -, denn die für weniger "erotisch" befundenen - weil zu alt, zu kleinbrüstig oder einfach zu männlich - BewohnerInnen haben ja auch keinen Zusatznutzen vom Duschen wie Absatzsteigerung von Pornofilmchen.

Dass sich trotz der zunehmenden Pornografisierung auch im zehnten Jahr Menschen beworben haben, die eigentlich nicht in das Beute-Raster dieser Reality Show anno 2010 passen, erstaunt: Da haben wir Eva und Jessy, die beiden nicht durch intellektuelle Einschränkungen auffälligen Studentinnen; mit an Bord auch Tobi, ohne erkennbaren Selbstvermarktungsgrund. Oder Daniel und Kristina - die sind jung und brauchen das Geld. Diese BewohnerInnen erinnern ein wenig an vergangene Zeiten, als eine Andrea oder ein John (siehe Foto) PionierInnenspuren im TV-Format setzten. Der Rest des Ensembles ist 2010 entweder mit dabei, weil sie/er/Tochter/Neffe oder wer auch immer Fernsehkarriere machen will - oder weil sie/er "Schicksal" hat.

"Schicksal" ist in seiner banalisierten Form und in Jingle-Länge ein Erfolgs-Ticket für Castingshows jeder Art. Das hat auch BB erkannt und die zehnte Jubiläumsstaffel danach ausgerichtet: "Jede/r hat ein Geheimnis!" Da werden dann persönliche Hintergründe aufgefahren wie Obdachlosigkeit, HIV und Homosexualität - Hauptsache Gespräch- und Konfliktstoff, Baby. Dass allerdings kein Thema für mehr Aufregung bei der/beim DurchschnittszuschauerIn sorgt als Weiblichkeit, die nicht in gemeinhin anerkannte Rollen passt, weiß BB auch. Das haben die Onlineforen-Diskussionen um die "Rabenmutter" Nadine in Staffel 4 oder die "Stripperinnen" Isi (Staffel 8) und Nadja (Staffel 4), das "Luder" Jeanette, die "Transe" Nicole oder die geschlechtsangepasste Maxine (alle drei Staffel 5) deutlich gezeigt. Und auch diesmal ist die Reibefläche Cora - und nicht, zum Beispiel, ihr männliches Branchen-Äquivalent Porno-Klaus. Schicksal. Oder? (bto/dieStandard.at, 2.2.2010)

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    Damals hießen die BewohnerInnen Andrea, Zlatko, Jürgen und John, heute Sexy Cora und  Porno-Klaus: Zehn Jahre "Big Brother" und die Vermarktung der BewohnerInnen-Clips im Internet hat seine Spuren am Konzept hinterlassen.

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