Europa sucht seine Identität

1. Februar 2010, 19:25
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Was macht uns eigentlich zu EuropäerInnen? Ein Plädoyer für partizipative Demokratie in der EU

Umfragen unter den europäischen BürgerInnen stellen deren Wissen und Identifikation über die EU regelmäßig verheerend schlechte Zeugnisse aus. Die EU ist zu distanziert, zu undemokratisch, zu bürgerfern. Was macht uns eigentlich zu EuropäerInnen? Gibt es zu dem politischen Konstrukt der letzten 50 Jahre so etwas wie ein gemeinsames Lebensgefühl, das uns alle miteinander verbindet, eine europäische Identität? Und vor allem: brauchen wir so etwas überhaupt?

Johannes Waldmüller beschäftigte sich mit diesen großen Fragen in seiner Diplomarbeit in Philosophie und Internationale Entwicklung und anhand seiner Erfahrung im ersten BürgerInnenforum 2006/07.

Die europäische Identität - eine brauchbare Utopie?

Eine gemeinsame europäische kulturelle Identität wird von den Einen ersehnt und von den Anderen als Bedrohung dargestellt oder als gänzlich unmöglich abgetan. Wozu aber ist solch eine "Einheit spendende Größe" überhaupt dienlich? Dafür gibt es laut Waldmüller ganz praktische politische Gründe: Nicht nur für ein gemeinsames Vorgehen bei der Reformierung des maroden Agrarsystems wäre das Gefühl von Gemeinsamkeit hilfreich, gerade auch für die Diskussion von Osterweiterung und Sicherheitspolitik spielt Zugehörigkeit eine entscheidende Rolle. Wie sollen über solche Dinge entschieden werden, "solange wir nicht wissen, was die EU oder Europa ist"? Zu guter Letzt wird die EU auch nur dann handlungsfähig, wenn ihre BürgerInnen mit ihrer Grundausrichtung einverstanden sind.

Identität transportieren

Nach dem Scheitern der des Vertrags von Lissabon im Frühjahr 2008 schien die bürgerliche Identifikation mit der EU an einem vorläufigen Tiefpunkt angekommen zu sein. Das veranlasste die Europäische Kommission ihren Plan D in Sachen Kommunikationsstrategie umzusetzen: Das aktive Transportieren und Kommunizieren von europäischer Identität unter anderem über sogenannte Europäische Bürgerkonferenzen. Bei diesen Konferenzen, an denen Waldmüller selbst als zufällig ausgewählter österreichischer Repräsentant teilgenommen hat, werden aktuelle politische Themen mit BürgerInnen in Europa beratschlagt.

Mehr Bürgerbeteiligung schafft Identität

Obwohl diese Initiative von den Medien wenig beachtet wurde, wird die Idee eines institutionalisierten BürgerInnenforums als permanente vierte Säule der EU von Waldmüller euphorisch beurteilt. Er plädiert dafür, dass nur durch Dialog und Teilnahme der BürgerInnen an der EU eine europäische Gemeinsamkeit geschaffen wird. Eine europäische Identität müsse also auf der Bearbeitung politischer Themen durch BürgerInnen basieren.
Demgemäß müsse die EU ihre BürgerInnen also beratend hinzuziehen, um so Gemeinsamkeit herzustellen, statt sich auf den Begriff einer kulturellen Identität versteifen.

Partizipation ist die Lösung?

Zur Lektüre empfehlen kann man Waldmüllers 300-seitige Ausführungen unter Europas BürgerInnen standfesten PhilosophInnen oder denen, die es noch werden wollen. Die eklektischen und anspruchsvollen Ausflüge in verschiedene Denktraditionen lassen sich jedoch nur schwer als theoretischer Hut über die Praxis stülpen und das Fazit "Mitmachen macht zufrieden" so nicht zu. So anmutig die Idee nach mehr partizipativen Elementen in der EU auch ist, so sehr scheint sich Waldmüllers Euphorie für das BürgerInnenforum auch aus seiner eigenen Teilnahme daran zu speisen. Dabei übersieht er, dass Demokratiedefizit und Bürgerferne nicht die einzigen Gründe für die Ablehnung der EU sind. Da die Forumsbeschlüsse keinerlei bindende Kraft besitzen scheint damit noch keine adäquate Lösung gefunden zu sein. Mit Sicherheit ist dazu aber das letzte Wort noch nicht gesagt, auch von Johannes Waldmüller nicht, der sich dem Thema im Rahmen seines Doktorats weiterhin widmet.

Die Diplomarbeit "Europa auf der Suche nach seiner Identität? Die European Citizens' Consultations", Partizipation in politischer und kultureller Theorie, sowie deren Implikation für die europäische Entwicklungszusammenarbeit" ist auf textfeld.ac.at im Volltext nachzulesen und online bei Amazon.de als Buch zu bestellen.


Der Autor

Johannes Waldmüller absolviert ein Ph.D. in Development Studies am Institut de hautes études internationales et du développement (IHEID), sowie ein Doktorat in Philosophie an der Universität Wien zum Thema "Kosmopolitismus und Armut". Über seine Arbeit können Interessierte auf www.mynous.org nachlesen.

Die Rezensentin

Margarete Lengger (geb. 1985, Mag. phil.) studierte von 2003 bis 2009 Politikwissenschaft an der Universität Wien.

 












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Kommentar posten
12 Postings
naomi stein
00
15.2.2010, 00:30
was uns zu Europaern macht

ist die Moeglichkeiten welche auch die EU geschaffen hat zu nutzen. Heisst z.b. im europ. "Ausland" zu arbeiten und die Sprache zu lernen, die anderen Laender als eine Art erweiterter Heimat zu empfinden.

Klar kann man das auch ein anderen Weltregionen machen, aber es ist einfach doch so dass man immer wieder Spuren der Gemeinsamkeiten aus der langen europaeischen Geschickte findet. Das ist dann witzig!

Gilgamesh
00

Außer der Tatsache, dass wir auf dem selben Kontinent geboren wurden, macht uns leider nichts zu Europäern.
Es handelt sich um verschiedene ethnische Gruppen, die auch noch zum Teil verschiedene Ansichten haben.

Was uns zu Europäern machen könnte, wäre eine EU, die sich um die Bürger kümmert, nicht nur um die Wirtschaftslobbys.
Wenn wir endlich gemeinsam an einem Strang ziehen würden und nicht an unsinnigen Subventionen, Maßeinheiten aus nationalen Gründen festhalten würden.
Wenn wir gemeinsam bei z.B: olympischen Spielen auftreten würden,....

John Waters
01
Dann lasst uns gliech damit beginnen!

Zuerst wäre eine Abstimmung über den Lissabon-Vertrag fällig. Und zwar nicht gesamteuropäisch - so etwas geht nach den Statuten der EU gar nicht - sondern in jedem Mitgliedsstaat. Dann werden wir sehen, ob die Vorratsdatenspeicherung, die geplante EU-Armee, das Kippen des Gentechnikverbotes, der Alpentransit, das Öffnen der Universitäten für Studenten die daheim keinen Studienplatz bekommen, das Kippen des fortschrittlichen österreichischen Tiertransportgesetzes (Liste beliebig verlängerbar) den Europäern in den einzelnen Mitgliedsländern gefällt.

Wenn nicht, muss das Projekt genau an diesen Punkten neu gestartet werden. Das wäre Demokratie - nicht verbindliche Bürgerforen sind Geschwafel.

iohui
00
da wär halt noch das winzige aber entscheidende detail

dass die identität eines eu-bürgerforums mit der identität der europäer und der identität der aktuell zufällig grad als solche eingeteilten eu-europäer genau gar nichts zu tun hat.

deiml
00
identität ist eine chimäre

man kann sie auffüllen mit was auch immer, notfalls mit bier.

so lange wir an einer europäischen identität arbeiten sind wir nicht so gefestigt dass wir im namen irgendeiner dummheit alte fehler wiederholen. also let`s go on.

Sägnüt
 
12
"Europa sucht seine Identität"

Wie wahr, wenn nicht mal zwischen EU und Europa unterschieden werden kann.

Herb All
01
wie wärs mit...

mit der österreichischen Identität/mentalität??

http://www.respect.de/img/pool/... rreich.jpg

Heitere Hyperinflation, gepflegter Staatsbankrott
 
00
Europa sucht seine Identität

Wird wohl die Putzfrau verräumt haben, schaut mal in der Lade dort drüben.

ilrio xxxxx
 
01
europa hat ihre identität, aber

die eu hat seine noch nicht gefunden.

mikromalist
 
00
USE mit einem Europa-Pass.

Alles andere gäbe sich ....

Seria
21

diese gemeinsame Identität ist in unserer Geschichte und der in den letzten 40 Jahren stattgefundenen und immer noch stattfindenden Vermischung, der innereuropäischen Völkerwanderung, zu finden. Bildung, allgemein vorhandenes Wissen über diese Geschichte und daraus resultierend die Vorteile des Miteinander sind verbindende Elemente. Machtbündelung, zentralisierung der Verwaltung entsprechend den verfügbaren Technologien, ist ein weiteres wirksames Element die EU Identität zu stärken.
Woher kommst? Sollte mit: "Ich bin Europäer und komme aus Fürstenfeld!" beantwortet werden.

her wig
00

Leichter gehts bei den Dingen die man sich nicht aussuchen kann. Geographie, Politik. Entweder man ist betroffen, dann ist man Europäer. Oder nicht.

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