Die EU-Sanktionen und wie wir sie zu deuten haben

29. Jänner 2010, 18:52

Darf man über die Maßnahmen der EU-14 gegen die Wenderegierung nachdenken, ohne als Anti-Europäer und Haider-Apologet punziert zu werden?

  1.  Kommenden Dienstag ist im Wiener Republikanischen Klub eine Diskussion zum Thema "Sanktionen - 10 Jahre danach" anberaumt. Anlass: die Präsentation des gleichnamigen, von den Konzeptkünstlern Martin Strauß und Karl-Heinz Ströhle herausgegebenen Buches; Mitwirkende - neben Koherausgeber Strauß - Nina Horacek, Sebastian Kurat, Doron Rabinovici, Anneliese Rohrer und - bis vor kurzem - der ehemalige Chefredakteur des Standard, Gerfried Sperl.
  2. Vergangenen Montag hatte Sperl in seiner Kolumne ("Sanktionen und die österreichische Opferrolle") das Buch rezensiert und unter Bezugnahme auf einen Text von Strauß problematisiert, weil dieser "die Haltung der EU-14 bedingungslos gutheißt und jede Kritik daran als antieuropäisch geißelt".
  3. Chronologie der Reaktionen:

(26. 1.) Gerfried Sperl wirft in seinem Kommentar neuerlich die These auf, dass die so genannten "Sanktionen" von jenen europäischen Regierungen initiiert worden seien, die "von den rechtsradikalen Parteien in den eigenen Ländern ablenken wollten". Das Gegenteil ist richtig. Die Maßnahmen gegen Österreich wurden gerade von Staaten wie Frankreich oder Belgien forciert, deren Regierungen bei sich zu Hause den Kampf gegen die Rechtsextremen am entschiedensten führten und diese jeweils am konsequentesten ausgrenzten.

Warum sich Herr Sperl über meinen Text derart echauffiert, hat freilich andere Gründe als die von ihm genannten. Es wird in meinem Buchbeitrag nämlich auch eine merkwürdige Neigung erwähnt, mit der damals selbst qualifizierte Journalisten versteckte und geheime Ursachen der Krise herbei fantasierten. Jene obskuren Theorien, in denen die kleine Alpenrepublik etwa als wehrloses Objekt einer gesamteuropäischen Entlastungsprojektion halluziniert wurde. In diesem Zusammenhang verweise ich in einer Fußnote auch auf Herrn Sperls im selben Jahr erschienenes Buch "Der Machtwechsel", das als "ein extremes Beispiel für diesen seltsamen Erfindungsgeist" charakterisiert wird: "Sperl bemüht selbst abseitigste Spekulationen: von jener lächerlichen 'Sündenbock-Theorie', die über Seiten hin ausgebreitet wird, bis zu der abstrusen Idee, die Sanktionen seien von Frankreich aus nationalem Hegemoniestreben mobilisiert worden, 'um einen Keil zwischen Deutschland und Österreich zu treiben'. Das wirkliche Motiv - Haiders immer wiederkehrendes, unsägliches NS-Geschwätz, das ihn und damit die FPÖ für alle europäischen Regierungen schlicht inakzeptabel gemacht hatte - wird dagegen im gesamten Buch nicht ein einziges mal explizit angeführt."

Mich würde interessieren, ob Herr Sperl seine Publikation in dieser Frage rückblickend ebenfalls jenen "differenzierteren Positionen" zurechnet, die ich in meinem Text angeblich attackierte.
Martin Strauß

(27. 1.) Sg. Herr Strauß: Sie ignorieren nach wie vor meine Kommentare vom Februar 2000 und meine permanente Kritik der FPÖ und Jörg Haiders. In diesem Licht habe ich keine Lust, an der Diskussion am 2. Februar teilzunehmen. Gerfried Sperl

(28. 1.) Sehr geehrter Herr Dr. Sperl, darf ich das klarstellen: In meinem Buchtext behaupte ich nicht, dass damals im Standard - unter anderen von Ihnen - sowie in den anderen liberalen Medien überhaupt keine Kommentare und Artikel erschienen, die die europäische Position vertraten. Dies wäre auch schlicht unwahr und entspräche nicht den Fakten. Meine Beobachtung war vielmehr, dass nach einem ersten Schock sich zusehends auch in diesen Medien die EU-kritischen Beiträge häuften, wobei das Niveau der Argumentation (die Unterstellung einer "sozialistischen Verschwörung gegen Österreich", die Bezichtigung eines "überheblichen Moralisierens", der Vorwurf der "Heuchelei", genauso aber derjenige der "Hysterie" usw.) im selben Maße nach unten absank.

Noch gravierender aber war, dass in den österreichischen Medien das zentrale Motiv der Maßnahmen keineswegs in angemessener Weise dargelegt und gegen solche Vorhaltungen in Stellung gebracht wurde: Die Tatsache nämlich, dass die EU nach dem Krieg als Antwort auf die monströsen Verbrechen, die epochale Katastrophe des Nationalsozialismus initiiert wurde - und deshalb die Gefahr, dass nun ein Politiker wie Haider das Recht haben würde, in Brüssel mitzureden, als ein Anschlag auf das innerste politisch-moralische Fundament der Union wahrgenommen werden musste.

Gegenüber diesem Zusammenhang aber sahen all die vorgebrachten "Gegenargumente" sehr schwach aus. - Wie auch immer, 10 Jahre nach dem Eklat ist evident, wie die Deutungshegemonie bezüglich der Einschätzung der "Sanktionen" in der Austro-Öffentlichkeit zu bewerten ist: Die schwarzblaue Regierungskoalition errang einen 100:0 Sieg.

Schon allein dieses Faktum zeigt, dass die Anzahl und das publizistische Gewicht jener EU-freundlichen Stellungnahmen, die Sie rückblickend einmahnen, unterm Strich nicht besonders groß gewesen sein können.

Wir bedauern, dass Sie bei der Diskussionsrunde am nächsten Dienstag nicht dabei sein wollen.
Martin Strauß

(29.1.) Sg. Herr Strauß: Diese Zeitung hat seit ihrer Gründung zu den vehementen Unterstützern der europäischen Einigung gehört. Trotzdem waren und sind wir keine Prawda der EU.
Wir gehörten im Meinungsteil der Zeitung zu den heftigsten Gegnern von Schwarz-Blau und haben daher auch die Sorgen anderer Länder über einen Rechtsruck in einem der beiden Stammländer des Nationalsozialismus geteilt.

Gleichzeitig hatten wir aber rechtliche Bedenken gegen die Sanktionen der EU 14 und kritisiert, dass mit zweierlei Maß gemessen wurde (siehe Italien und Lega Nord). (Gerfried Sperl, DER STANDARD, Printausgabe, 30./31.1.2010)

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MarioV
00

Ich möchte an die Aussage von flotter denker anknüpfen, der meinte, man konnte erkennen wer zu Ö steht.
Nehmen wir diese Ableitung mal als gegeben an.
Dann frage ich mich, wie folgendes zu bewerten ist:
Ein Oppositionschef(nennen wir ihn Fredl), der noch bei EU-Politikern empfangen wird, erklärt sich bereit, im Interesse Österreich herumzureisen.
Reaktion: Ein österr. Politiker(nennen wir ihn Jörgl) behindert diese Arbeit mit unsinnigen Wortmeldungen(mit Feinden Ö Champagner trinken), nur um daraus innenpolitisches Kapital zu schlagen.
Ein anderer Politiker(nennen wir ihn Wolferl) schweigt und duldet somit dieses Verhalten.

Ähnlichkeiten mit realen Personen und tatsächlichen Ereignissen sind beabsichtigt.

Fritz Wunderlich
00

österreichische postnazis mit italienischen postfaschisten zu vergleichen, das fällt auch nur den in österreich "gebildeten" ein
seltsamerweise fällt diesen fundiert ungebildeten nie der vergleich zwischen österreichischen postnazis und österreichischen postfaschisten ein

Erwin Wolfram
00
31.1.2010, 13:22
Uebersetzung

Ist die Diskussion nicht zu frueh? Eventuell in 50 Jahren an der Zeit? Bis dahin koennen Journalisten duemmliche Presseaussendungen abdrucken, anstatt sich selbst der Korruption bei den Institutionen aussetzen zu muessen, die die Lebenserwartung der menschlichen Ziele schon seit Jahrzehnten zuverlaessig minimiert. Fuer demokratische Journalisten ist es ja eine Ehre die Pressestelle der Aerztekammer, Versicherung und des AMS zu sein, anstatt nur einen einzigen Unterstandslosen zu befragen welche Winkelzuege die Institutionen implementieren um Einkommen und Macht zu zementieren. Mediale Arbeitgeber verdienen an den Missgeschicken, die ganze Generationen ausrotten doch bestens, sollten sie endlich zu Gewalt werden.

Jaromir Edler von Eynhuf
00
31.1.2010, 12:51
Schnee aus dem Ordovicium

snufkin
01
31.1.2010, 10:37
Darf man über die Maßnahmen der EU-14 gegen die Wenderegierung nachdenken, ohne als Anti-Europäer und Haider-Apologet punziert zu werden?

Si[c]ha!

linx
00
31.1.2010, 01:20
man darf ...

... nicht nur darüber nachdenken, sondern dazu auch ganz laut was sagen.

Walter Bimini
01
30.1.2010, 23:19
strauss versteht offensichtlich nicht, daß jede propaganda ihre grenzen hat.

Nik M
01
31.1.2010, 12:49

Wieso, er hat ja recht. Der Vergleich Oe - Italien ist nicht zutreffend. Forza Italia bzw popolo della liberta' mit der Haider-FPOe zu vergleichen ist Berlusconi gegenueber unfair, dessen Partei mag zwar korrupt sein wie bei uns die Rechten, ist aber politisch eher Mitte-rechts angesiedelt. Und die Lega Nord hat nicht die Bedeutung, die die FPOe in Oe hatte, und nun wieder hat. Und Italien hat eine andere Geschichte als Oe.

Es ist schon so, wie er schreibt - die FPOe ist einzigartig in Europa. Nirgends sonst hat einer korrupte, rechtsextreme Partei soviel Einfluss und soviel Stimmen.

Walter Bimini
21
31.1.2010, 15:10
sehr viele österreicher haben eben die nase voll von der eudssr und es werden immer mehr. dagegen ist propaganda am ende immer machtlos. sonst gäbe es auch die ddr noch immer.

will_nix
02
31.1.2010, 14:29
Andere Geschichte?

Und Mussolini war ein Stalinist, oder so.

Nik M
00
31.1.2010, 15:08
Zwei Punkte:

Erstens - die Faschisten in Italien waren natuerlich keine guten, aber auch keine Massenmoerder wie die Deutschen und ihre oesterreichischen Helfer. Mussolini kann man eher mit Dollfuss vergleichen.

Zweitens hat Italien aus eigener Kraft, noch im 2WK, die Faschisten gestuerzt, und einen Partisanenkampf gegen Hitler begonnen (Bella ciao).

Walter Bimini
00
31.1.2010, 15:08
er hat eben humor, wenn auch unfreiwilligen

Kritifaxe
01
31.1.2010, 14:17
Ich muß Dich auf das allerschärfste in richtige Bahnen weisen!..

Nik, ich muß Dich rhetorisch auf das allerwerteste äh schärfste in richtige Bahnen weisen!..

Die FPO ist so einzigartig wie alles weitere auf der Welt in Italien, Belgien, Haiti oder sonstwo
Diese Undifferentialismus gepaart mit devoter Sado/Maso Höfigkeit gegenüber allem größerem, bedeutungschwereren und opportunen ist Teil der österr. Psyche,
angestaut über Jh. und nicht wegzudenken von den Äußerungen des politischen Lebens
Die FPO regiert nicht durch Korruption, aber in österr. Eigenart des Nichtverarbeitethabens jüngster Zeitgeschichte
Typisch war auch das Auflaufenlassen tirolischer Truppen während man mit Napoleon schon verhandelte..

Harry R.
07
30.1.2010, 22:47
Die Intoleranz unserer EU-Freunde?

Bewegen wir uns schon den Zeiten der ärgsten Diktaturen zu, wenn wir diskutieren, ob man über die "Maßnahmen ... nachdenken darf", ohne gleich als Systemfeind zu gelten? Wenn eine (unwillkommene) Abweichung gleich als "Anschlag ... wahrgenommen werden musste"? Da verstehe ich die differenzierte Sichtweise von Gerfried Sperl doch viel mehr, und seine Reaktion darauf.

Und es kann doch nicht sein, dass das echte, besorgte EU-Freunde sein wollen, die damals die Sanktionen eingefädelt haben. Wenns ums Transit-Durchradeln geht, samma Freunde. Wenn EU-14 was nicht gefiel, ging es nicht ums freundschaftliche Zusammenreden, sondern ums Haxlstellen - Freunde sehen anders aus. Immerhin gab es Millionen Österreicher, die die F nicht wählten.

Andreas Prucha
23
31.1.2010, 00:11
Natürlich gab es millionen Österreicher, die die F nicht wählten

aber die wurden von den sogenannten Sanktionen ja auch nicht getroffen - genauso wenig wie die F- oder ÖVP-Wähler selbst. Alleine die Bezeichnung "Sanktionen" ist übertrieben: Letztendlich handelte es sich nur um eine gemeinsame Missfallensbekundung - und das meiner Ansicht nach vollkommen zu Recht.

Letztendlich war der Inhalt der sogenannten Sanktionen doch nur ein Art "Wir arbeiten selbstverständlich professionell zusammen, aber auf ein Bier gehen wir nach der Arbeit mit Dir nicht".

Ich frage mich immer wieder, warum sich so viele Österreicher darüber aufgeregt haben. Die Nachwahl-Umfragen waren schliesslich ziemlich deutlich, dass kaum jemand Schwarz/Blau wollte. Warum also darübe raufregen, dass andere es auch nicht wollten?

robinsons freitag
00
Solange die EU eine Gemeinschaft von Nationalstaaten ist, hat jedes Land das selbstverständliche Recht seine Schmutzwäsche ohne Einmischung selbst zu waschen! Eine interne Dynamik ist ja das Wesen des Nationalstaates.

will_nix
02
31.1.2010, 14:32
Nicht betroffen?

Ich wurde in Brüssel und Strassburg angepöbelt. Auch anderen Österreichern und sogar Schulklassen ging es ähnlich. Also "nicht betroffen" ist schon ziemlich schöngefärbt.

Andreas Prucha
00
31.1.2010, 18:59

Das hat aber nichts mit den sogenannten Sanktionen zu tun, sondern mit unserem Wahlergebnis. Nirgens in den sogenannten Sanktionen gab es den Auftrag an Alle, österreichische Bürger anzupöbeln. Inhalt der sogenannten Sanktionen war einzig und alleine die Einschränkung bilateraler Kontakte auf das nowendige Minimum.

Kritifaxe
00
31.1.2010, 14:29
"Wir arbeiten selbstverständlich professionell zusammen"


das glaubst Du doch selber nicht..

Kritifaxe
02
31.1.2010, 14:28
aber die wurden von den sogenannten Sanktionen ja auch nicht getroffen

eigentlich genügt: <"träum weiter">
Als Österreicher ist man also nicht in Österreich eingebunden und nicht betroffen wenn zur schnellen >Flucht von austrias Skipisten< aufgerufen wird.. tss..
Auch dies ist eine Mär der linken Freunde,
denen keine Gelegenheit zu blasser Rede und Spaltung zugunsten exterritorialer Anerkennung zu schlecht ist.
Die Intention der Sanktion (die sie war) war insoferne schlecht, als sich am kleinen Österreich große und kleine Potentaten haftungsfrei austoben konnten. Und war es nicht so, so gab es keine Rechtsbasis dafür.
Auch das ein schweres Vergehen rechtlich demokratischen Zusammenlebens

Andreas Prucha
10
31.1.2010, 19:03

Lies mal das Paper zu den sogenannten Sanktionen nach. Da ging es einzig und alleine um die Einschränkung bilateraler Kontakte auf politischer Ebene.

Dass es auch Bürger anderer Länder gibt und auch einzelne Politiker, die ihre eigenen, darüber hinausgehenden "Sanktionen" definiert haben, hat nichts mit den sogenannten EU-Sanktionen zu tun.

Ich fühle mich in einem Land, in dem so rechtsradikales Gesocks gewählt wird auch nicht wohl. Und bitte vergiss eins nicht: Österreich ist eine Demokratie, das heisst, andere mussten annehmen, dass wir diese Regierung tatsächlich wollten - was wiederum kein gutes Licht auf uns Bürger wirft.

Kritifaxe
00
Demokratie

"wollten"

wenn Österreich keine Demokratie wäre, wäre es nicht zu diesem Ergebnis gekommen

linx
11
31.1.2010, 01:21
woos recht habn, habns ...

... recht.
so schauz aus.

onduras
12
31.1.2010, 00:50

sie verstehen auch gar nichts es ist völlig egal wer her regiert oder wer nicht, es geht alleine darum das die souveränität eines staats aufgrund von demokratischen wahlen hinterfragt wurde
es hat niemand zu interessieren, wir sind eine gesellschaft die selber bestimmt und die tatsache das es weltweit konservative, rechte, linke, gemässigte oder auch radikale staatsformen gibt, aber genau das kleine österreich, daß sich immer mit aktionen wie nachbar in not oder dergleichen hervortat wird sanktioniert, selbst der dümmste weis das diese unseeligen massnahmen hausgemacht waren
es macht unglaublich zornig daß die dafür verantwortlichen niemals zu rechenschaft gezogen wurden
aber an dieser heuchlerischen jagdgesellschaft hat nichts geändert

Reaction Path
00
30.1.2010, 18:05

ein bissi peinlich diese Kleinkrieg im standard zu thematisieren. Unabhängig davon sind da viele Urteile und Vermutungen, die es einem sehr schwer machen, die ganze Sache (Sperl vs. Strauss) abschliessend zu beurteilen, wenn man nicht die entsprechenden Bücher gelesen hat...

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