"Europa braucht kulturelles Branding"

29. Jänner 2010, 18:19
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    foto: standard/corn

    "Ein Theologe fehlt uns noch": Markenfachmann Peter Deisenberger.

Kein Logo, kein Produkt: Warum Irrtümer zum Thema Marke so häufig sind - Branding-Experte Peter Deisenberger im Gespräch mit dem STANDARD

STANDARD: Herr Deisenberger, Word-Raps stehen meist am Ende von Interviews, ich möchte mit einem anfangen. Was fällt Ihnen zu diesen Marken ein: erstens Apple?

Deisenberger: Für mich eine der vorbildlichsten Marken überhaupt. Das Interessante ist, dass man bei Apple nie weiß, was als nächstes kommen wird. Aber der Kunde erkennt etwas sofort als Apple-Produkt. Es ist innovativ, benutzerfreundlich und exzellent designt, einer speziellen Kultur zugehörig. Apple ist ganz oben in der Markenstratosphäre.

Wenn ich einen Punk vor die Wahl zwischen einem geschorenen Pudel und einem Schäferhund stelle, weiß er sofort intuitiv, was zu ihm passt, was zu seiner Kultur gehört. So sollte auch ein Unternehmen funktionieren, so funktioniert Apple.

STANDARD:  Google?

Deisenberger: Beweist, dass man mit einem ziemlich hässlichen Logo als Marke hervorragend funktionieren kann.

STANDARD: Blausiegel?

Deisenberger: Das gibt's noch? Ich habe gemeint, Durex sei der Weltmarktführer. Zu Blausiegel assoziiere ich andere schöne alte Marken: Schiesser, Saab oder Schuco. Hätte ich viel Geld, würde ich ein paar kaufen und versuchen, daraus neue Kultmarken zu machen.

STANDARD: Red Bull?

Deisenberger: Didi Mateschitz ist ein exzellenter Marketier und führt die Marke hervorragend. Ich hab nur mit dem Produkt ein Problem: Ich verstehe nicht, wie das jemand trinken kann. Aber in relativ kurzer Zeit eine Marke mit einem Markenwert von zwölf Milliarden aufzubauen, noch dazu als Österreicher, das muss ihm erst einmal einer nachmachen.

STANDARD: Warum "noch dazu als Österreicher"?

Deisenberger: Das Verständnis dafür, was eine Marke ist, ist in Österreich völlig unterbelichtet. In Österreich finden Sie jede Menge Unternehmer, die glauben, dass die Werbung die Marke sei. Wenn Sie das einem Amerikaner erzählen, wird er sich vor Lachen auf die Schenkel klopfen.

STANDARD: Wenn nicht die Werbung die Marke ist - was ist die Marke dann?

Deisenberger: Lassen Sie mich ein paar Vorurteile ausräumen: Eine Marke ist kein Logo. Eine Marke ist nicht das Produkt. Eine Marke ist nicht gleich Corporate Design.

All das gehört zur semiotischen, zeichenbezogenen Komponente eines Unternehmens. Es ist verständlich und legitim, dass man nach außen hin in Hongkong auf dieselbe Art in Erscheinung treten will wie in Wien oder London, aber das macht noch lange keine Marke aus. Es gibt eine knappe Markendefinition des amerikanischen Werbefachmanns Eric Marder, die ich sehr mag: Label and Fable. Für eine Marke brauche ich zusätzlich Geschichten, die ich auf allen Sinneskanälen erzähle, visuell, akustisch, taktil und so fort. Die Marke ist, wenn Sie so wollen, die Weltanschauung, die Philosophie, ein zentrales Steuerungssystem, etwas, was einem Unternehmen Identität verleiht.

STANDARD:  Warum sollte das für österreichische Unternehmer so schwer zu verstehen sein?

Deisenberger: Ich glaube, das hat mit einem Mangel an kulturellen Kompetenzen zu tun, der historisch-politische Gründe hat. Das Bürgertum in Österreich ist unter den Nazis ausgerottet worden. Es gibt heute viele Bürger, die dem Geld nach Bürger sind, nicht aber nach ihren kulturellen Fähigkeiten. Zu den bürgerlichen Tugenden gehört auch, dass ich meine Kompetenzgrenzen kenne. Mir ist es im Ausland nie passiert, dass mir ein Auftraggeber meinen Job erklärt. In Österreich herrscht aber eine "Wer zahlt, schafft an"-Mentalität, an der ich immer gelitten habe.

Zweitens glaube ich, dass es in der Managementausbildung grobe Mängel gibt. Es war okay, wenn in den 1950ern ein Techniker oder in den 70ern ein Jurist oder BWLer CEO (Chief Executive Officer) war. Heute müsste ein Manager in Wahrheit zig Kulturtechniken beherrschen, vor allem die Kulturtechnik, eine Marke zu führen. Das ist so wichtig, weil die Marke das eigentliche Orientierungssystem eines Unternehmens ist, weit stärker als die Zahlenorientierung oder eine Unternehmensstrategie. Haben Sie schon einmal einen Schizophrenen erlebt?

STANDARD:  Ja.

Deisenberger: Dann werden Sie wissen, dass ein Schizophrener Angst machen kann. Er sagt etwas mit einem unpassenden Gesichtsausdruck und verhält sich dazu noch völlig unpassend. Bei Unternehmen ist das gang und gäbe. Jan Teunen, ein holländischer Kollege, hat es hübsch formuliert: Die meisten Unternehmen behaupten von sich, sie seien eine Rose, aber sie sehen aus wie eine Tulpe und riechen wie ein Maiglöckchen.

Ein Beispiel: Als die Verstaatlichte privatisiert wurde, wollte sie natürlich sofort modern, dynamisch und innovativ sein. Das wurde in der Werbung kommuniziert, aber dann sind Sie beim ersten konkreten Kontakt mit der Firma womöglich zu einem Portier gekommen, der Sie gefragt hat: "No, wos woin S' denn?". Damit hat man die Werbemillionen umsonst hinausgeworfen.

STANDARD:  Was tut eine Brandingagentur wie die Ihre?

Deisenberger: Branding ist in Österreich ein unaufbereiteter Markt. Beim Branding sind wir heute dort, wo wir bei der klassischen PR vor 50 und bei den Investor Relations vor 30 Jahren standen. Die Leute, die für uns arbeiten, sind zu einem Drittel klassische Designer und zu einem weiteren Drittel Unternehmensberater. Das dritte Drittel, das an der Entwicklung von Marken arbeitet, sind Leute, die in den unterschiedlichsten Kulturtechniken zu Hause sind, Philosophen, Soziologen, Medienleute. Ein Theologe fehlt uns noch, den brauchen wir unbedingt.

STANDARD:  Was kann man überhaupt branden? Können Sie mit der "Marke Ich" etwas anfangen?

Deisenberger: Nein, das halte ich für einen Auswuchs der Markentechnik. Aber für mich ist es etwa zulässig, ein Land als Marke zu sehen. Die Marke ist das beste Tool, um die hyperkomplexen Eigenschaften eines Landes zu reduzieren. Im internationalen Umfeld wird das immer wichtiger. Auf einer rein technischen Ebene können uns China und Indien in vieler Hinsicht das Wasser reichen - desto bedeutsamer wird das kulturelle Branding für Europa.

STANDARD:  Ist Österreich ein gut geführtes Markenzeichen?

Deisenberger: Österreichs Markenauftritt ist im Vergleich zu dem der BRD zum Genieren. In Deutschland hat jede staatliche Website, ob Bundesverfassungsgericht oder Ministerium, ein und dasselbe Erscheinungsbild - und wohlgemerkt, da reden wir nur vom äußeren Erscheinungsbild.

In Österreich hat man den Eindruck, jedes Ministerium macht, was es will, und jeder Minister lässt sein eigenes Logo erfinden. Dabei müsste es so sein, dass die Republik die Dachmarke ist und steuert, was sich auf den Ebenen darunter abspielt. Es ist ja nicht so, dass die Ministerien Mitbewerber der Republik wären, die sich gegen sie behaupten müssen.

STANDARD:  Sie sprechen oft von "Kultur". Was würden Sie jemandem sagen, der Ihnen entgegenhält, Markentechnik und Kultur seien unvereinbare Größen?

Deisenberger: Das ist ein altes Vorurteil. Der Kurzschluss geht so: Markentechnik kommt aus der Wirtschaft; Wirtschaft ist gleich Kommerz; ergo ist Markentechnik Kommerzialisierung der Kunst und ein Feind der Freiheit der Kunst. Aber heute kann kein Intendant, kein Leiter einer Kulturinstitution ohne Markentechnik professionell agieren, das hat ja auch mein alter Jugendfreund Klaus Albrecht Schröder bestens verstanden. Würden Sie sagen, die Tate Modern oder die Pinakothek sind Kommerztempel? Natürlich nicht, und trotzdem sind das markentechnisch hervorragend geführte Institutionen. (Christoph Winder, DER STANDARD; Printausgabe, Album, 30./31.1.2010)

Zur Person
Peter Deisenberger, geboren 1954 in Salzburg, hat eine Ausbildung als akademischer Maler. Er ist Gründer und Leiter der Branding-Agentur "brainds, intelligente marken" (vormals Buero 16) in Wien (www.brainds.com).

Kommentar posten
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t-bonesteak
00
hier im forum gibt es immer applaus

wenn österreich als hinterwäldlerisches hirnederlland abgestempelt wird. standing ovations gibt es, wenn dann noch das wort "nazi" auftaucht.

TonyPolar
00
Genug geseiert ihr vermaledeiten Poster.

endlich ein interessantes und auch gescheites interview, daß ohne marketinggewäsch und werbeblabla auskommt

WILLI WILLENDORF
00
ich glaub

du kommst aus seiersdorf

WILLI WILLENDORF
00
schön ist:

der herr scheint ganz anders gestrickt zu sein als die miesepetertruppe aus dem redroom.
vielleicht kann der herr deisenberger ja ein motivationsseminar in der venusschule von willendorf abhalten.

Miss Wonderstanding
10
JA BITTE!!!

mehr solcher coolen Interviews, also mehr Deisenberger, weniger Kobza und hoffentlich gar keinen Demmer mehr!

BostonWhaler
00
18.2.2010, 17:55
Ohne Herrn Deisenberger nahetreten zu wollen, aber

warum Deisenberger ja und Kobza oder Demner, zwei verdiente Werber, die was zum Vorweisen und Sagen haben, nein?
Das kann ja nur dümmlich-persönlich motiviert sein.

WILLI WILLENDORF
00
sehr gut!

headofshoulders
01
deisenberger...

... ist ein guter! das interview auch.

der neue agentur-name ist mir persönlich aber ein zu infantiles verwursten von zwei wörtern. ich fand buero 16 okay!

Apfel V
00
egal wie ihr heißt - ihr seid gut!

Sirius2000
11
31.1.2010, 22:25
sehr gute ansätze

und sehr interessantes interview.
gerne mehr davon!

andreas eberharter1
21
31.1.2010, 21:52

gratuliere zum neuen namen brainds!!!
wie recht er hat, siehe an den kommentaren below! ungebildetes trauriges bürgertum....

Lun
01
31.1.2010, 22:41

Haha! Wenn nicht sophistischem Braindwash und entsprechend seichtem Gewäsch über Kulturtechniken, Bürgertum, Kultur und PR zu gestimmt wird - ja dann hat man es eben mit einem Resultat des Nazi-Regimes, dem österreichischen Ungebildeten zu tun. - Das ist derart ignorant, dass einem die Worte im Mund zerbröseln. Aber genug der Bröseln; lassen wir ihnen ihren Spass; denn woher soll die Selbstbeweihräucherungsclique der Werbefuzzis ihre Anerkennung für das Generien von "zentralen Steuerungssystemen" bekommen, wenn nicht von ihnen selbst?!

Carlito336
12
31.1.2010, 19:19
Alle Macht den Blendern!


Branding?
Gebrannte Kinder sind wir eh.
Ist das nicht genug? Sollen wir alle mit Brandzeichen herumlaufen?

dicheone
11
31.1.2010, 17:08
gute ansätze,

die in typischer österreichischer komunikationsmanier von einigen postern niedergemacht werden. statements über apple, red bull oder österreichische regierungsauftreten sowie die erklärung der marke sind ausgezeichnet. die website ist aus meiner sicht sehr gut und klar

KTHXBYE
14
31.1.2010, 15:23

Auch einer von den unnötigsten Heißluftbläsern

na hallo
11
31.1.2010, 10:58

ewig gestrig.

her wig
00
31.1.2010, 08:24

Was ist jetzt mit dem kulturellen Branding Europas? Soll man dafür eine Dachorganisation aller kulturellen Einrichtungen und Individuen gründen? Und, soll diese Dachorganisation dann ebenso strikt vorgehen wie der Meister von Apple, weil ja die Marke das Wichtigste ist??

Harald Herrmann
12
31.1.2010, 01:09
Man betrachte die website...

dieses Unternehmens - und weiss eigentlich alles...

hubsi9
20
31.1.2010, 16:17

ß

derStandardmeint
10
31.1.2010, 16:13
Bitte genauer.

Ich habe mir die Website angesehen, und weiß auch alles.
Was ist IHR alles?

sukisouk
01
30.1.2010, 22:50

Branding usw interessiert mich nicht, jedenfalls nicht so wie diesen Herrn, hier aber musste ich grinsen und kann das unterschreiben: „Zu den bürgerlichen Tugenden gehört auch, dass ich meine Kompetenzgrenzen kenne. Mir ist es im Ausland nie passiert, dass mir ein
Auftraggeber meinen Job erklärt.“

Abgesehen davon: brainds? Ernsthaft???

Lun
13
30.1.2010, 19:37

Du meine Güte! So etwas verblendetes und affektiertes liest man selten ...

Marcus Octavio
 
12
30.1.2010, 18:56
anspruch und wirklichkeit

er sagt das richtige, tut es aber auch nicht. welche geschichten rund um brands erzählt buero 16 pardon brainds?
sieht man sich die arbeiten durch - alles für österreichische firmen - sieht man doch deutlich, wer zahlt schafft an. kein wehren, kein entwickeln, nichts was wirklich internationale strahlkraft hat.
ich persönlich nehme ihm das gar nicht übel, man muss ja von was leben, infrastruktur und personal wollen bezahlt werden, doch dann sollte man nicht auf edler brand-ritter machen.

Heimwerkerkönig
 
35
30.1.2010, 16:33
So ein notorischer Kommerz-Heini ....

... und Darsteller des täglich zelebrierten Konsum-Pornos, ist natürlich dazu berufen, sich zur EU, der europäischen Polit-Durchsetzungsmaschinerie für Lobbyverbände, siebengescheit zu äußern.




einer im süden
12
30.1.2010, 15:26

Ein mit seiner Kunst offenbar nicht voran gekommener Künstler aus Salzburg muß es schließlich wissen wie das Geschäft mit Kunst & Kultur läuft; hat er ja von klein auf tagtäglich mit ansehen müssen. Positiv wenigstens, dass er den Blödsinns-Drink aus Salzburg nicht mag.

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