Franz Fischler

Wege abseits ausgetretener Pfade

29. Jänner 2010 17:26

Die Europäische Kommission hat Diskussion über qualitatives Wachstum angestoßen

Starkes Wirtschaftswachstum als oberstes Ziel auf der einen Seite - massiver Ressourcenverbrauch, Klimawandel und Umweltschäden auf der anderen Seite: Diese globale Gleichung geht schon lange nicht mehr auf. Das hat die Europäische Kommission längst erkannt und eine Diskussion über qualitatives Wachstum angestoßen.

In Wien fand in dieser Woche genau zu diesem Thema die Konferenz "Wachstum im Wandel" statt, auf der nach neuen Wegen jenseits von rein quantitativem Wachstum gesucht wurde. In der Realpolitik hingegen wird neuerlich das BIP-Wachstum als Krisen-Troubleshooter Nummer eins propagiert. Aber die Arbeitslosigkeit oder die Staatsverschuldung dauerhaft ausschließlich mithilfe hoher Wachstumsraten lösen zu wollen, wird aufgrund der Klimaproblematik und der Ressourcenverknappung scheitern. Wenn wir es allerdings schaffen, sowohl unsere Produktion durch eine "dritte industrielle Revolution" als auch unseren Konsum durch bewussteres Einkaufen nachhaltig zu verändern, können wir mit weniger Ressourcenverbrauch und weniger Wachstum sogar ein Mehr an Lebensqualität in einer intakteren Umwelt erreichen.

Grundlagen für diese Veränderung unserer Wirtschaftsweise sind die gesellschaftliche Akzeptanz und ein innovatives, ethisch verantwortliches Entrepreneurship. Das lässt sich nicht verordnen, allerdings durch gesetzliche Rahmenbedingungen und finanzielle Anreize fördern. Innovationsgeist, UnternehmerInnentum und der Spaß daran, intelligente Ideen auch umzusetzen, sollten bereits in der Schule und an den Universitäten und Fachhochschulen vermittelt werden, denn wir brauchen mehr "Bill Gates" und "Google-Gründer" in der Klima-, Energie- und Umwelttechnologie. Die Wissenschaft, als Voraussetzung für Innovationen, muss die künftigen komplexen Aufgaben interdisziplinär, grenzüberschreitend und anwendungsorientiert lösen. Start-ups in Uni-Nähe können den Grundstein für intelligente, ressourcenschonende Unternehmen legen, die langfristig überlebensfähig sind, gerade wenn umweltschädliches Wirtschaften und Handeln teurer wird.

Derzeit liegt die Selbstständigenquote in Österreich mit knapp neun Prozent unter dem EU-Schnitt, die Anzahl der Unternehmensgründungen ist seit 2005 rückläufig. Daher ist es notwendig, ein unternehmerfreundliches politisches Klima zu schaffen und mehr Risikokapital zur Finanzierung der Startphase von neuen Business-Ideen, die auch einem Corporate-Social-Responsibility-Check (CSR) standhalten, bereitzustellen. Junge, innovative Unternehmen können sich auch zur Chance für den ländlichen Raum entwickeln. Corporate Social Responsibility wird insbesondere dann im Alltag gelebt, wenn UnternehmerInnen in ihrer Region im sozialen und kulturellen Umfeld eingebettet sind.

Bis 2050 dürfen wir, geht es nach Erkenntnissen der Wissenschaft, um 80 Prozent weniger Treibhausgase in die Atmosphäre blasen. Dieses Ziel ist mit den heute üblichen Technologien nicht machbar. Der weitgehende Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter jedoch bedeutet eine riesige Chance für innovative Länder und innovative Köpfe. Und er bedeutet eine Chance, mehr Lebensqualität für alle - auch für kommende Generationen - zu erreichen. Diese Chance sollten wir nicht mit dem Beharren auf ausgedienten Strategien vertun. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30./31.1.2010)

Zur Person

Franz Fischler, promovierter Agronom,war Landwirtschaftsminister undEU-Agrarkommissar. Derzeit ist er Präsident des Ökosozialen Forums.

bloody-nine
01.02.2010 12:25
fischlers kolumnen sind

auf eine geradezu rührende weise optimistisch und idealistisch.

während jeder weiss dass gerade die notwendige innovationskraft in österreich durch die partei, der fischler mwn immer noch angehört, entscheidend geschwächt wird.

1116er
01.02.2010 11:37
Der weitgehende Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter jedoch bedeutet eine riesige Chance für innovative Länder und innovative Köpfe

zumindest!

das nämlich wird DIE schlüsselindustrie dieses jahrhunderts sein.
und wer da zu spät kommt, den bestraft die geschichte !

Toni Meister
31.01.2010 16:54
Kurz und prägnant

" Wes ´Pension´ ich ess, des Lied ich sing ".

I Need Space
30.01.2010 13:30
Die Kriterien bedingen das Ergebnis aber

sie bringen uns nicht notwendigerweise dem Ziel näher. Das gilt nicht nur für die vieldiskutierte Beziehung zwischen dem Kriterium Wachstum und dem Ziel Wohlstand. Man sieht es ebenso in der Forschungs-/Innovationsförderung, in der Umweltpolitik; überall. Es geht um ein "Monitoring"problem im Sinne von data-information-knowledge-wisdom. Prozesse die auf Basis unpassender Daten, aus denen irreführende Indikatoren abgleitet werden, gesteuert/geregelt werden, emanzipieren sich vom gesellschaftlichen Ziel. Dazu gehört aber auch die Einsicht, dass marginale Entwicklungen, dieses Radar unterfliegen können; und in diesem Bereich braucht es dann z.B. Ethik als Orientierung.

rica serendipity
30.01.2010 13:21

In Österreich wurde auch von der ÖVP gegen Gentechnik gewettert, auf EU Ebene wurden dann vom Herrn Fischler Förderungen für genau diese Lobby vergeben. Monsanto hat sich gefreut und konnte fortfahren lokale Bauern unter Druck zu setzen und zu "zerbröseln", um das eigene Monopol auszubauen. Da ging es nicht um Nachhaltigkeit usw., sondern lediglich um Profit (für Aktionäre, "upper-management", aber sicher nicht für die große Allgemeinheit).
Natürlich muss etwas in Richtung verantwortungsvollerer und nachhaltiger Umgang mit Ressourcen passieren, jedoch ist es nicht damit getan ein paar "Allgemeinplätze" anzusprechen und schwammig von Innovationen (die Atombombe war auch Teil einer "Innovation") daherzuschwafeln....

nonsens
31.01.2010 13:52

stimme zu

fischler ist eh nur durch den parteiapparat gross geworden - zitat "2maliger repitent im gymnasium"

si non e vero e ben trovato
30.01.2010 08:41
Wer soll "Wir" sein?

Ja das höre, sehe und lese ich jeden Tag; "Wir" sollen mit Ressourcen haushalten, bewusst sollen "Wir" einkaufen und dann wird es UNS gut gehen. Ich (wir eigentlich, denn "es" betrifft somit auch unsere ganze Familie) versuche auch mich daran zu halten. Dabei fällt mir folgendes auf. Von Politikern wird dieses "Wir" immer dann eingesetzt, wenn es um unangenehme Pflichten geht, deren Erfüllung nicht immer leicht umzusetzen ist, um das Boot vor dem Untergang zu bewahren. Also lastet "man" das einfach dem Volk an, welches sich als "Wir" zu verstehen hat, die s.g. "Upper-Classes", empfinden sich selbst aber nicht mehr als Bestandteil von "Wir" und lenken unter dem Kommando von Kapitän "Wirtschaft" das Boot in Richtung Skylla und Charybdis.

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