Rundschau: Die Go-Go-Girls der Apokalypse

20. März 2010, 13:14
28 Postings
Bild 5 von 11
coverfoto: klett-cotta

Oliver Plaschka: "Die Magier von Montparnasse"

Gebundene Ausgabe, 427 Seiten, € 22,60, Klett-Cotta 2010.

Uff. Für einen kurzen panischen Moment dachte ich schon, ich wäre bei der Buchbestellung einer Totalumnachtung zum Opfer gefallen: Erst prangt mir am Buchrücken das unsägliche V-Wort entgegen und dann lese ich noch - der Zufall kann echt boshaft sein - an der ersten willkürlich aufgeschlagenen Stelle was von "Malen am Hals". Aber Entwarnung: Die Vampire dienten nur für einen Vergleich und die Male stammen (juhu!) von einer Strangulation; ganz ohne nervenzerfetzend öde Blutsaugerei. Doppelt erleichternd, weil der Deutsche Oliver Plaschka mit dem Paris der 20er Jahre eines der Settings gewählt hat, in denen andere AutorInnen bevorzugt ihre humanoiden Zecken absetzen würden. Ironie am Rande: Demnächst wird die Stephenie Meyer-Parodie "Nightlight" der Satirezeitschrift Harvard Lampoon auf Deutsch erscheinen - übersetzt von Plaschka.

Es ist Sonntag, der 26. September 1926, als der Zauberkünstler Ravi am Ende eines einwöchigen Engagements noch einmal seinen spektakulären ägyptischen Entfesselungstrick aufführt. Doch diesmal geht etwas schief und Ravi kann sich und seine Assistentin Blanche nur durch den Einsatz echter Magie retten. Die beiden wissen, dass das nicht ohne Folgen bleiben wird, denn die geheimnisvolle Société Silencieuse wacht aufmerksam über jede Anwendung von Magie. Ravis ironische Tarnung als Bühnenzauberer ist aufgeflogen - und dass Blanche am Ende des Tages ein Ritual vollzieht, dessen Bedeutung erst ganz am Schluss einer überraschenden Erklärung zugeführt wird, weckt erst recht Aufmerksamkeit. Die Konsequenzen zeigen sich schon am nächsten Tag: Der ist nämlich wieder der 26. September, ebenso wie der danach und der danach. Zumindest alle weltlichen EinwohnerInnen von Paris sind von nun an in einer Zeitschleife gefangen, ohne es zu wissen - sie spüren nur, wie sich eine Tag für Tag schlimmer werdende Trübnis über die Stadt legt.

Im Aufbau zeigt "Die Magier von Montparnasse" einige erstaunliche Parallelen zu "Lost". Als Insel fungiert hier das kleine Hotel "Le Jardin", das vom Ehepaar Alphonse und Esmée betrieben wird und in dem die junge Justine - einst von einem Verehrer sitzen gelassen - als Kellnerin gestrandet ist. Ravi und Blanche sind hier vor einer Woche abgestiegen, und nach und nach finden sich weitere Charaktere ein: Der britische Magier Barneby, die sphinxhafte karibische Zauberin Céleste und, ganz weltlich, der junge Schriftsteller Gaspard, der sein Manuskript so gerne Hemingway in die Hand drücken würde. All diese Figuren werden abwechselnd zu Ich-ErzählerInnen, aus deren überlappenden Perspektiven sich das Geschehen zusammensetzt. Wie wir nach und nach erfahren, sind die ProtagonistInnen durch ihre Vorgeschichten auf vielfältige Weise miteinander verwoben - teilweise lange vor den Zeitschleifen-Bann zurückreichend, noch einmal verstärkt aber durch die folgenden Tage, die sich nicht identisch, sondern stets mit Abweichungen wiederholen. Beziehungen und Ereignisse scheinen sich selbst zu bedingen, Erinnerungsfragmente an vermeintlich nie Erlebtes lassen das Kausalitätsgefühl der Beteiligten verschwimmen. Und selbst die vom Effekt nicht betroffenen MagierInnen haben an Rätseln zu kauen: Wer ist für die Zeitschleife letztlich verantwortlich und was bezweckt er damit? Wer steht in diesem Spiel der Täuschungen und Möglichkeiten auf welcher Seite? Und wer hat den anfangs erwähnten Mord begangen, bei dem ausgerechnet die Figur zum Opfer wurde, die von allen am gefährlichsten zu sein schien?

Eine hilfreiche Mäuseschar, eine Frau, die zugleich eine Katze ist, ein in Ungnade gefallener Engel und sein gnomenhafter Begleiter, schließlich sogar der Leibhaftige selbst beziehen Stellung im großen Spiel - wobei Plaschka stets sehr geschickt über den Grat zwischen Andeutung und Erklärung wandelt, mit wem die LeserInnen es jeweils zu tun haben. Mit spielerischer Leichtigkeit platziert er auch einige mehrfach symbolbeladene Gegenstände auf dem Brett - allen voran den Apfel, den Blanche für ihr Ritual verwendete und der sie in einen nicht enden wollenden Schlaf schickte: Schließlich ist Blanche-Neige der französische Name für Schneewittchen - zugleich verweist der Apfel aber auch auf die metaphorische Frucht vom Baum der Erkenntnis, was ebenfalls eine Rolle spielen wird. All dies sind Aspekte eines großen Rätsels, und an dessen Rand tummelt sich - ebenfalls wie bei "Lost" - auch eine Reihe kleiner privater Geheimnisse, die es zu entschlüsseln, und Schicksale, die es zu erfüllen gilt. Die gute Nachricht: Es wird auf nichts vergessen werden.

Wenn im allerersten Satz von "Die Magier von Montparnasse" die Ereignisse rückblickend als ein solches Tohuwabohu beschrieben werden, ist von Anfang an klar, dass es nicht allzu schlimm kommen wird. Der Roman lebt weniger von der Action an sich als von seiner Atmosphäre des Magic Realism, in Szene gesetzt an einem der dafür wohl geeignetsten Schauplätze überhaupt. Und wenn man sich dabei gelegentlich weniger im realen Paris der Vergangenheit wähnt als in einem, wie es ein altes Film-Musical zeigen würde - ein armer Maler hier, amerikanische Matrosen im Straßencafé da -, dann stört das deshalb nicht, weil es die unwirkliche Stimmung unterstreicht, die sich mit dem Bann über die Stadt legt. Das Aufdröseln eines komplizierten Handlungsknotens kann - siehe Gordon Dahlquists "Glasbücher"-Reihe - bei aller Ehrfurcht vor der schreiberischen Leistung durchaus zur Lesearbeit werden; so schwebend leicht, wie es hier geschieht, bereitet es auch Vergnügen.

weiter ›
Share if you care.