dm-Gründer Götz Werner

"Ich möchte nicht Anton Schlecker sein"

29. Jänner 2010, 13:39
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    Götz Werner startete in den 1970ern mit einer Discount-Drogerie mit straffem Sortiment, niedrigen Preise und hohem Warenumschlag. Dies war möglich, weil Mitte der 70er-Jahre die Preisbindung für Drogerieartikel aufgehoben worden war. Sein dm-Geschäft war anno dazumal der erste Drogeriemarkt, der in Süddeutschland eröffnet wurde.

Der Wanderprediger in Sachen Grundeinkommen und seine "exotischen" Vorstellungen von der idealen Unternehmenskultur

Wien - "Ich möchte nicht Anton Schlecker sein, Sie?" Für diese Antwort muss Götz Werner nicht lange überlegen. Alle Zutaten, die der dm-Gründer einem Entrepreneur in spe ans Herz legen würde, sind unmittelbar mit einem Gemütszustand verknüpft. "Begeisterte Mitarbeiter, ebensolche Kunden und Banken sind die Voraussetzungen für Unternehmenserfolg", so der quirlige Keynote-Speaker am Donnerstagabend vor zahlreich erschienenem Publikum im Wiener Henkel-Hauptquartier.

Bei der unter der Bezeichnung "Henkel Talk" firmierenden Diskussionsrunde zum Thema "Ethik im Management: Wieviel Moral (ver)trägt die Welt" will nicht nur Götz Werner nicht Anton Schlecker sein. Auch im Publikum findet sich niemand, der seine Hand hebt, zumindest nicht offiziell. Den Einwand, Anton Schlecker komme aber ganz ohne die genannten Zutaten aus, quittiert Werner mit einem Lob und adelt den deutschen Drogeriekönig, Europamarktführer, Kontrollfreak und großen Knauserer aus dem Schwabenland großzügig mit dem Prädikat "ein großer Unternehmenserfolg." Anton Schlecker ist an diesem Abend der Antipode - physisch nicht anwesend und trotzdem recht präsent. Äußerst lebendig auf der Bühne hingegen der 66-jährige Götz Werner, mittlerweile schon fast eine Institution in Sachen Moral, nicht nur als unbedingter Verfechter eines bedingungslosen Grundeinkommens.

Irgendwie exotische Werte

In einer Branche, in der mit harten Bandagen um jeden Kunden gekeilt wird, führt er sein Unternehmen nach Werten, die in der Wirtschaftswelt geradezu exotisch klingen. Das Wort des Freiherrn vom Stein: "Zutrauen veredelt den Menschen" ist ihm oberstes Gebot. An diesem Abend fallen merkwürdige Sätze im Zusammenhang mit Unternehmensführung. Der Sinn alles Wirtschaftens? "Der Mensch."  Die Aufgabe eines Unternehmens? "Sinn zu stiften." Der Zweck eines Unternehmens?  "Eine Plattform zu bieten, wo Mitarbeiter ihre Biografie gestalten und an einem Strang ziehen."  Die Aufgabe eines Vorgesetzten? "Seinen Mitarbeitern ein Umfeld für ein erfülltes Berufsleben bieten." Würde es sich nicht um ein beeindruckendes Imperium handeln, dem der Mann bis vor kurzem vorstand, man hielte ihn für einen Guru. Wäre Werner nicht Herr über 30.000 Mitarbeiter gewesen, am heiß umkämpften deutschen Markt Schlecker unmittelbar auf den Fersen, mit über 2.300 Filialen in elf Ländern und einem Umsatz, der fünf Milliarden schon lange übersteigt - man könnte ihn als Scharlatan oder Dampfplauderer, wie man hierzulande gerne sagt - abtun.

Doch soviel ist bekannt. Werner predigt nicht Wasser und trinkt heimlich Wein. Das Fundament seiner Theorie gilt offenbar auch weitgehend in der gelebten Praxis: Um Verständnis und Respekt geht es für den geborenen Heidelberger, dessen Großvater und Vater schon Drogisten waren - und darum, ein Unternehmen, aber eben auch eine Gesellschaft zu fördern, in der Persönlichkeitsentwicklung, Vertrauen und Kreativität gedeihen können. Die Leitsätze des "Waldorf-Discounters" ("Manager-Magazin") dürften ihren Niederschlag tatsächlich bis in die letzten Winkel der Konzernstruktur finden. Keine Kette überlässt den Verkäufern vor Ort so viel Verantwortung wie dm. Sie bestimmen das lokale Sortiment und handeln untereinander Dienstpläne und Gehälter aus. Diesbezüglich gibt die Karlsruher Zentrale nur den Steigerungssatz vor. Vorgesetzte werden zum Teil von der Belegschaft gewählt, Verbesserungen ohne Rückfrage bei der Zentrale rasch umgesetzt. Diskutiert wird in großen Runden, Theater-Workshops gehören fest zum Ausbildungsprogramm.

Empfehlungen statt Regeln

"Personalkosten": Gibt es im Konzern nicht. "Kreativposten" und "Mitarbeitereinkommen" heißt das hier. In Blättern wie der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" erntet Werner mit solchen, nach Kreativworkshop klingenden Elementen gelinde gesagt Skepsis. Aber der Vater von sieben Kindern ist um die passende Antwort nicht verlegen: "Kennen Sie einen Unternehmer, der Mitarbeiter einstellt, um Kosten zu produzieren?" "Wieviele Regeln gibt es in Ihrem Konzern", will ein Zuhörer wissen. "Regeln? Nein Regeln haben wir nicht", schüttelt Werner den Kopf. "Die Menschen sollen aus Einsicht heraus tätig werden. Bei uns gibt es Empfehlungen." "Und das funktioniert?" Der Fragende aus dem Publikum scheint mehr als skeptisch. Wie der Konzernchef sicher sein könne, dass im Betrieb alles mit rechten Dingen zugehe, dass die Mitarbeiter keine krummen Dinge drehen? Die Erfahrung habe ihn folgendes gelehrt, sagt Werner: "Der Mensch ist sich seines Tuns bewusst. Wertschätzung bringt mehr als Regeln." Die Sache mit den Regeln habe man vor zwanzig Jahren versucht "und ganz schnell wieder bleiben lassen."

Der (Unternehmens-) Erfolg scheint Götz Werner Recht zu geben. Während es bei Schlecker umsatz- und gewinnmäßig (kolportierte rund siebeneinhalb Milliarden waren es in den vergangenen Jahren) eher bergab gehen soll, rückt die Drogeriemarktkette dm weiter vor. Im Vorjahr wurde erstmals die Fünf-Milliarden-Umsatz-Grenze überschritten. Werner tourt mittlerweile fast hauptberuflich durch die Lande. Als "Wanderprediger" für die Idee des Grundeinkommens, wie der "Spiegel" einmal schrieb. Seit rund fünf Jahren wirbt der Unternehmer mit dieser Idee. Ihre Basis einmal mehr: Eine gerechtere Gesellschaft. Ob er im Laufe seines Berufslebens nie gezweifelt habe an seiner Vision? „Nein", schüttelt der einstige deutsche Rudermeister im Doppelzweier ohne Zögern den Kopf. Ganz im Gegenteil. Proportional zum Wachstum seines Konzerns stieg die Überzeugung an der Richtigkeit seines Tuns. "Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein": Dem dm-Gründer nimmt man selbst diesen verflixt nach Agenturslang klingenden Slogan ab: "Streichen Sie Kundenbindung aus Ihren Gedanken. Schaffen wir Verhältnisse, dass sich der Kunde gerne mit uns verbindet", sagt er und "der Umsatz ist wichtig, nicht unbedingt um zu wachsen. Aber er ist der Applaus des Kunden und die Bestätigung, das Richtige getan zu haben."

Manager auf Sinnsuche

2008 gab Werner den Vorsitz der Geschäftsführung ab. Seit Oktober 2003 leitet er das Interfakultative Institut für Entrepreneurship an der Eliteuniversität Karlsruhe (TH). Bringt die Krise mehr Zuspruch? "Unternehmer und Manager waren auch vorher schon auf Sinnsuche" sagt Werner, "und sie sind es noch." Ob "das Wunder von Werner, der Debattierclub mit mitunter den niedrigsten Preisen der Branche" ("Manager-Magazin") eine Erfolgsgeschichte ist, die wiederholbar ist? Ob Schlecker oder Werner: "Die Entscheidung hat jeder für sich zu treffen", sagt Götz Werner und "nachher weiß man es immer besser." Schleckers Kette bezeichnete Werner übrigens einmal als den "unproduktivsten" Betrieb unter allen Konkurrenten. Ein Träumer ist der Mann also nicht, ebenso wenig wie der Antipode. (Regina Bruckner)

Zur Person

Götz W. Werner wurde 1944 als Sohn einer Drogistenfamilie geboren. Nach der Drogistenlehre arbeitete er für verschiedene Drogerieunternehmen. Im Alter von 29 Jahren gründet er dm. Im Mai 2008 übergab er den Vorsitz der Geschäftsführung an Erich Harsch. Der Konzern hat rund 30.000 Mitarbeiter und erwirtschaftet über fünf Milliarden jährlich. Werner leitet seit 2003 das Interfakultative Institut für Entrepreneurship in Karlsruhe (TH) und setzt sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein. Er ist Initiator des Webforums www.unternimm-die-zukunft.de und Autor mehrerer Bücher zum Thema Grundeinkommen und Wertbildungsrechnung.

Kommentar posten
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santa fe
 
03
31.8.2010, 22:17

trotz des etwas ironischen grundtons ist dieser artikel ein meilenstein in der geschichte der medialen behandlung des BGE in österreich und bietet wichtige informationen. ich möchte dem standard ohne alle ironie danken.

Jörg Rogall
 
04
12.2.2010, 21:47
... das bestehende System ist gescheitert ...

... viele haben es noch nicht begriffen.
Wie in den 1870er bis 1890er Jahren bei der Einführung der Sozialsysteme, gibt es auch heute "Bedenkenträger", neuer Visionen.
Das System des ungezügelten Kapitalismus ist gescheitert. Schulden bis zum Abwinken, Armut Leid, Krieg, Zerstörung ... Werteverfall, geistige Armut, Gier, Rachsucht ... alles Dinge die damit mittelbar oder unmittelbar zusammenhängen.
Ein Bedingungsloses Grundeinkommen wäre eine Option auf ein BESSERES Leben mit einer neuen Zukunftsperspektive.
Dass das bestehende System einer grundlegenden Erneuerung braucht, ist auch den Zerstörern klarr, nur sie wollen die Wahrheit noch nicht hören, da unerträglich ...
... aber, die Einsicht wird kommen;
Spätestens, wenn sie Gewinn sehen.

Räuber Hotzenplotz wäre heute Bankster
014
In diesem Artikel erkennt man, dass der Horizont des interviewenden Journalisten nicht ausreicht, um die Aussagen des Hrn.Werner zu fassen.

Endlich rückt jemand Humanaität in den Mittelpunkt, aber die Boulevardpresse ist immer noch skeptisch. Sie jubelt schienbar lieber den Piechs, Hartzen und Wiedekings zu, obwohl das Arbeitsleben unter diesen Kapazundern fast schon zu einer Hölle geworden ist.

santa fe
 
12
31.1.2010, 01:42

wenn sich die rechten für die idee des BGE erwärmen und sich ihrer bemächtigen, dann heisst es wirklich gute nacht.

die linken wären gezwungen entweder nachzuziehen oder das projekt zu bekämpfen. eine lose-lose situation. haider wäre zwar lieber gestorben als nicht-arbeitende zu unterstützen, aber die rechten gehen offenbar jederzeit über seine leiche. GE für jeden heisst auch für babies. mehr kinder bedeutet reduzierte zuwanderung.

die frauen verschweigen, was ihnen am arbeitsplatz geschieht, um diesen nicht zu verlieren. viele würden wieder vollberufliche mütter werden.

sollten die linken aufgrund ihres atavistischen konservativismus die GE-chance auslassen, sind sie geliefert. wir brauchen dringend eine neue partei der GE-demokrat

santa fe
 
01
31.8.2010, 22:32

ein halbes jahr nach dem erscheinen dieses artikels hat sich das BZÖ gegenüber dem

BEDINGUNGSLOSEN GRUNDEINKOMMEN

(noch mit einschränkungen?) geöffnet. der wiener spitzenkandidat und ehemalige ressortchef der ORF-wirtschaftsredaktion, walter sonnleitner, hat die einführung des BGE in einem interview als "auf die dauer unvermeidlich" bezeichnet.

die österreichischen grünen haben sich im gegensatz zu den meisten ihrer internationalen schwesterparteien gegen das BGE entschieden. ein grund: die SPÖ schweigt in negativer weise zu diesem thema. sie will (weiter) mit der ÖVP koalieren, die grünen wollen das mit der SPÖ oder mit der ÖVP.

das ist die "linke" haltung zum BGE.

"link" heisst im wr. dialekt auch "falsch".

eze eze
 
00
9.10.2010, 08:03

Wobei "links" sich naturgemäß nicht auf die Grünen (die ja zunehmend mehr Richtung bürgerlich-Mitte tendieren) und SPÖ beschränkt:

http://www.kpoe.at/home/anze... farce.html

Im Herzen wirklich links gebliebene Parteien und neu entstandene linkspolitische Gruppierungen haben sich ziemlich deutlich für ein BGE ausgesprochen und tun dies nach wie vor!

eze eze
 
01
30.1.2010, 19:11
Wie Götz Werner meinen uralten inneren Ideologiestreit beendet hat

Stephan Dörner: "Die radikalste Form des Kapitalismus und Sozialismus - oder wie Götz Werner meinen uralten inneren Ideologiestreit beendet hat"

In dem Artikel geht es um das BGE und dabei relativ ausführlich auch um Fragen der Besteuerung:

http://fuckup.twoday.net/stories/1220475

Außerdem wird eingangs zu einem Interview mit Götz Werner verlinkt, in dem dessen Bedingungsloses Grundeinkommensmodell kurz und verständlich erklärt wird.

KristallpalastMittelEbeneBewohner
01
30.1.2010, 17:00
1967 wurde unter Präsident Johnson eine Kommission zu dem Thema eingerichtet. Nach zwei Jahren wurde der Bericht der Kommission veröffentlicht, die aus Unternehmern, Gewerkschaftern und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens bestand und die

sich einhellig für ein garantiertes Mindeseinkommen aussprach.

Der Bericht fand kaum Resonanz. Bürger und Politiker konnten sich nicht mit der Vorstellung anfreunden, allen Menschen ein bestimmtes Einkommen zu garantieren. Trotz der Empfehlung der Kommission, glaubten viele Politiker, daß allein die Idee eines garantierten Einkommens den Arbeitswillen einer ganzen Generation US-Amerikaner unterminieren würde.

Trotzdem gab es von der US-Regierung Pilotprojekte, um die praktischen Folgen eines garantierten Mindesteinkommen zu testen. Zu ihrer Überraschung stellte sich heraus, daß der Antrieb, sich eine Arbeit zu suchen, bei den Empfängern nicht nennenswert schwächer wurde!

quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Benu... rundeinkom

Ich bin wirsch, gezogen und gehobelt.
 
01
30.1.2010, 16:47

Jetzt mal ein ganz allgemeiner Einwand: Angenommen, das bedingungslose Grundeinkommen läge bei 1.000 Euro pro Person für jeden, der hier lebt, ab Geburt. Da müsste natürlich, damit das System nicht kippt, durchschnittlich etwas mehr als 1.000 Euro pro Person erst mal zur Verteilung bereitstehen, also regelmäßig und verlässlich sozusagen in die Kassa kommen. Mehr als 1.000 Euro deshalb, weil ja immer ein Teil in der Administration hängen bleibt (wo sich Leute befinden, die mehr als die 1.000 Euro haben wollen und daher arbeiten). Dieser Teil soll, so lautet die Idee, allein durch MWSt finanziert werden. Damit aber jemand überhaupt mal 1.000 Euro an MWSt abliefert, muss er vielleicht um 1.500 einkaufen. Also wie viel verdienen?

eze eze
 
01
30.1.2010, 19:08

Man kann es nur schrittweise einführen, 1000 Euro ist zu hoch für den Anfang. Und ab Geburt ist wahrscheinlich auch nicht machbar.

HLAB27
014
30.1.2010, 12:30

mit diesem hintergrundwissen gehe ich noch viel lieber zum dm. der slogan gefällt, die geschäfte sind stylish, freundlich gestaltet und auch der preis ist in ordnung. bei schlecker fühlt man sich meistens sehr alleine und dank des grellen neonlichts wie in einer hühnerbatterie. atmosphäre wie zu zeiten des ostblock.

eze eze
 
06
30.1.2010, 10:58
Bedingungsloses Grundeinkommen

Ich unterstütze die Einführung eines allgemeinen, personenbezogenen, bedingungslosen Grundeinkommens in existenzsichernder Höhe. http://www.pro-grundeinkommen.at

hanslblasta
00
30.1.2010, 13:17

was würde bei einem "bedingungslosen Grundeinkommen" nicht mehr bezahlt werden?

hanslblasta
00
30.1.2010, 13:56
da stehen bzgl meiner Frage nur allgemeine Weisheiten - und genau das ist die Schwäche der Werner'schen Grundeinkommensdiskussion;

und wenn Sie über die Materie besser Bescheid wüßten, könntens mir direkte Antworten geben statt eines Links, den ich kenne und der eben konkrete Antworten auf konkrete Fragen in gleichsam entlarvender Weise offen läßt;
idealisiert geht ein Grundeinkommen schnell - die Haken und Pferdefüße finden sich dann in der konkreten Planung;
"Alles, wozu wir die Notwendigkeit der Zuwendung aus der gesellschaftlichen Wertschöpfung billigen, können wir auch finanzieren." - wer ist "wir"? da wird eine Einheit angenommen, die es gesellschaftlich eben nicht gibt;
wem werden dann Erwerbschancen gefördert? was ist mit beruflicher Reha? Frauenförderung zum Wiedereinstieg in den Beruf? was mit "arbeitsmarktfernen Personen"; diese Dinge sind btw teuer;

eze eze
 
02
30.1.2010, 14:04

Nein, ich weiß nicht besser Bescheid. Es läuft auch bei allgemeinen Wahlen so, dass man kein Experte/keine Expertin sein muss, um die Berechtigung zu haben, sich für oder gegen die Konzepte verschiedener Modelle zu entscheiden oder KandidatInnen zu unterstützen, weil deren Ideen einem sympathisch sind. Und dennoch entscheidet das "gemeine Volk" die Wahlen, und ich find das auch immer noch besser so als eine Meritokratie. Ich nehm mir als Privatmensch das Recht heraus, Dinge zu unterstützen, die ich gut finde. Aber wenn Sie schon Jahrzehnte mit dieser Frage verbracht haben, warum wenden Sie sich dann an mich und nicht an den Urheber dieser Idee selbst? Der hat mehr Wirtschaftswissen und könnte Ihnen wohl besser antworten.

hanslblasta
00
30.1.2010, 14:20
"warum wenden Sie sich dann an mich"

weil wir beide hier posten; weil wir uns erhoffen, dass unsere Meinungen von einer relevanten österreichischen Öffentlichkeit gelesen werden?
mit Experten kann ich mich jede Woche zusammensetzen

hanslblasta
00
30.1.2010, 14:15
da gehts aber um ein konkretes Modell,

das mit allgemeinen schönen Reden präsentiert wird - statt es mit kritischen Studien zu durchleuchten und dann auf eine eventuelle Realisierbarkeit unter gewissen Bedingungen abzuklopfen;

wenn man einer Menge Menschen "Milch und Honig" verspricht und ihnen weismacht, dass die dazu anstehenden Fragen gelöst wären, dann finden sich bei Wahlen allemal genügend Leute, die davon - keiner kanns ihnen verdenken - angetan sind;
verzeihens den Vergleich, aber da tappen Sie in die Populismusfalle;
die öffentliche Meinungsbildung zu komplexen sozialen Themen ist immer von Verkürzung, Komplexitätsreduktion geprägt - dadurch werden die Themen selbst aber weder einfacher und schon gar nicht gelöst;
sonst bräucht man nur eine riesige Agora ...

eze eze
 
00
30.1.2010, 14:38

Ja, die werden aber auch nicht gelöst, wenn man alles, was ein bisschen visionär klingt, gleich von vornherein in den Papierkorb haut und sagt "populistisch", "visionär", "lass ma's bleiben" - denn dadurch bleibt der Status quo mit Sicherheit erhalten, und gerade im Bereich des Arbeitsmarkts wird der in vielen Bereichen immer unwürdiger und unzumutbarer. Ideen haben es nunmal an sich, dass sie Zeit brauchen, um zu reifen und allmählich verbessert zu werden - und dazu müssen sie auch mal ansatzweise umgesetzt werden und die Chance dazu bekommen (siehe z.B. Kautzen und Umweltpoliitik). Was angesichts dessen, was sich derzeit so abspielt, vielleicht ein Wagnis und Risiko ist, oft aber auch das geringere Übel.

hanslblasta
00
30.1.2010, 11:17

wer würde nicht in den Genuß eines solchen "bedingungslosen Grundeinkommens" kommen?

eze eze
 
01
30.1.2010, 11:59

Da es verschiedene Modelle gibt, kann ich dir das nicht hundertprozentig beantworten - selbst beim derzeitigen System ist z.B. die Sozialhilfe in Österreich Ländersache, und es gelten teils recht unterschiedliche Bestimmungen.
Möglich bis wahrscheinlich wäre z.B. dass folgende Personengruppen herausfallen
a) nichtvolljährige Personen (genauso wären aber Modelle denkbar, wo das Grundeinkommen für diese an die Eltern ausbezahlt wird)
b) "entmündigte" oder "teilentmündigte" Personen (die würden sie sehr wohl erhalten, aber sie würde einer Betreuungskraft ausgezahlt)
c) Drittstaatsangehörige ohne "Daueraufenthalt – EG"-Aufenthaltstitel
d) EU-BürgerInnen, die nur vorübergehend in Ö sind

hanslblasta
20
30.1.2010, 12:59

verstehen Sie den Clou hinter der Frage?
ein "bedingungsloses Grundeinkommen", dass an die Bedingung einer Staatsangehörigkeit oder eines Aufenthaltsrechtes geknüpft ist, schließt automatisch Menschen vom Bezug aus - Sie haben damit wie bei der Lohnarbeit das Problem von Inklusion und Exklusion; bloß ist dieses Problem auf "die anderen" verlagert;
diese anderen dürften damit zwar de jure kein Problem haben, de facto gibt es aber "sans papiers" - was geschieht mit diesen Menschen?

ich weiß schon, "bedingungslos" meint, ohne zu arbeiten;
bloß: jegliches Geld muß von jemand erwirtschaftet werden - damit stellt sich wiederum automatisch die Frage nach dem gerechten Anteil an der Entlohnung - und der Einzahlung in den Steuertopf

eze eze
 
00
30.1.2010, 13:18

Wenn du vor dir jemanden hast, der/die verhungert, ist es völlig egal, ob der vorher keinen Finger gerührt hat, bevor er umkommt, hältst du ihn am Leben. (Unterstell ich dir jetzt mal.) Und das Mindestmaß beim BGE geht davon aus, dass das Recht, würdig zu leben, nicht bloß Essen und Trinken umfasst, sondern auch ein Mindestmaß an Wohnen und sozialer Teilhabe. Bis zu dem Punkt ist Gerechtigkeit völlig illusorisch - da herrscht Gießkannenprinzip. Das ist anders ethisch auch nicht lösbar - jemandem das Notwendigste nicht zu gewähren, das er zum Leben braucht, ist einfach unethisch. Darüberhinaus kann sich jeder wie er/sie will, dazuverdienen - wer sich übervorteilt fühlt und die, die nur vom BGE leben, beneidet, arbeitet halt auch nicht mehr.

hanslblasta
00
30.1.2010, 14:00

was, wenn einer nicht in der Lage ist, sich etwas dazuzuverdienen? auch, wenn er mehr bräuchte?
was ist mit Menschen "mit besonderen Bedürfnissen"?
was mit unsteten, mit verwahrlosten Menschen?
ich weiß nicht, welche Realitäten Sie kennen; wenn ich von meinen ausgehe, lassen mich die Werner'schen Heilsversprechen eben skeptisch sein; und diese Skepsis konnte mir noch keiner ausräumen;

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