Gerald John

Land der Raucher, Land der Fetten

28. Jänner 2010, 21:39

Österreich braucht bessere Gesundheitsvorsorge - und einen sichtbaren Minister

Der Februar wird ein einziges Sportfest. Millionen Österreicher werden sich dem weißen Rausch hingeben - vornehmlich vor den Fernsehern, ein Schnitzerl auf dem Teller, ein Krügel in der Hand. Die abendlichen Übertragungen der Olympia-Rennen aus Vancouver eignen sich ideal für die Extremformen des couchzentrierten Passivsports.

Die Nation kämpft nicht nur in Abfahrt und Slalom um Stockerlplätze. Auch in den Disziplinen Rauchen, Saufen und Faulenzen klassieren sich die heimischen Athleten regelmäßig im Spitzenfeld. Und im Gegensatz zum Ski-Weltcup gibt es hier keine Nachwuchssorgen. Wenn es etwa darum geht, Kilos im dreistelligen Bereich anzuhäufen, kann unseren Burschen in der westlichen Hemisphäre keine Konkurrenz etwas vormachen.

Der Cheftrainer, Gesundheitsminister Alois Stöger, ist zu kurz im Amt, um ihm allein die internationalen Ranglisten, die Österreichs Jugend einen höchst ungesunden Lebenswandel attestieren, anzulasten. In einem Jahr lässt sich der Grundfehler im System nicht beheben: Österreich buttert viel Geld in gute Spitäler, um Krankheiten zu behandeln, investiert aber zu wenig, um diese von vornherein zu vermeiden. Diese Praxis kostet volkswirtschaftlich betrachtet unterm Strich wohl unnötiges Geld, vor allem aber vielen Menschen Lebensjahre.

Auch Stöger preist das Prinzip der Prävention, doch er exerziert es nicht konsequent vor. Der unaufdringliche Oberösterreicher ist fachlich kompetent, aber unscheinbar. Das ist nicht nur für seine weitere Karriere und die Strategen der SPÖ ein Problem, sondern auch für die Ziele der Gesundheitspolitik.

Gesundheitsminister haben wenig handfeste Macht. Jede Reform müssen sie unzähligen Akteuren abverhandeln, jeden Euro dem Finanzminister abringen. Ihre einzige Waffe ist die Öffentlichkeit: Stimmung erzeugen, Bewusstsein schaffen, Kampagnen fahren - für ein Rauchverbot, gegen Übergewicht. Doch das tut Stöger zu unentschlossen. Man sieht ihn nicht, man hört ihn kaum.

Beispiel Rauchen: Ein bisschen hat der Minister herumgemäkelt am windelweichen Rauchergesetz, er will es halt irgendwann prüfen. Wer, wenn nicht der oberste Wächter über die Volksgesundheit, hat angesichts unzähliger Studien über die verheerenden Folgen von Nikotin für ein Rauchverbot in allen Lokalen zu kämpfen?

Dann hätte auch die Jammerei der Wirte über die Kosten der Raucherbereiche und die Ungleichbehandlung schlagartig ein Ende - wenn nirgends gepofelt werden darf, können die Kunden nicht flüchten. Von "Evaluierung" und "Interessenausgleich" soll in dieser Frage vielleicht ein Regierungskoordinator faseln, aber bitte nicht der Gesundheitsminister. Der muss - um es in den Worten des Raucheranwalts Manfred Ainedter auszudrücken - den radikalen "Nikotin-Taliban" spielen.

Sicher würde Stöger laute Proteste ernten und auch die eine oder andere böse Schlagzeile. Vielleicht droht ihm ein Rüffel von Bundeskanzler Werner Faymann, der ungern Ideen aufgreift, die nicht a priori Begeisterungsstürme auslösen. Aber zumindest punkto Tabakverbot wäre der Rückenwind so stark wie nie, schließlich haben sich sogar die nicht gerade staatshörigen Italiener mit Rauchverboten in ihren Trattorien abgefunden.

Hat Stöger keine Mehrheit in Regierung oder Bevölkerung, muss er offensiv darum werben. Diese Kunst nennt sich Politik. (Gerald John, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.1.2010)

 

 

Kommentar posten
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iohui
02
zum glück ist stöger ein intelligenter mann, der weiss, dass raucher sehr wohl aus den umerziehungsgasthäusern flüchten können. er weiss, dass er raucher dort nicht einsperren darf und dass es der gesundheit nichts nützt,

wenn sie sich aus lauter rauchverbotsfrust dem fressen, saufen oder illegalen drogen hingeben.

er weiss auch, dass daheim oder im freien rauchen nicht gesünder ist als im gasthaus.

er weiss auch, dass soziale kontakte wichtig für die gesundheit sind und dass viele, vor allem einsame, ihre einzige möglichkeit für diese kontakte verlieren, weil grade die gasthäuser in den dünn besiedelten gebieten ein totales rauchverbot nicht überstehen können.

er weiss auch, dass streit, ausgrenzung, mißgunst, psychoterror, zwang, angst und hass auf jeden fall krank machen.

und deswegen erweist er der gesundheit einen um welten besseren dienst als diese nichtraucher taliban mit ihrer widerlichen, verlogenen menschenhatz.

Chris_SM
22
29.1.2010, 22:07
Also bitte

Land der RaucherInnen, Land der FettInnen

Nichts ist wichtiger als Gendermainstreaming...

Peter Pichler
 
10
Die Fettinnen...

... gibts trotzdem nicht...

Der Fette / Die Fette / Die Fetten...
Die Mehrzahl adressiert beide Geschlechter... praktischerweise sogar inklusive Artikel...

Der Standard - das alte Macho-Revolver-Blatt - weigert sich ziemlich durchgehend, eine geschlechtersensitive Sprache zu verwenden... (Hätten Sie auch den Artikel gelesen, wozu ich übrigends keinesfalls raten möchte, wären Ihnen sicherlich zahlreiche weitere ähnliche Fehler aufgefallen).

Trotzdem schön zu sehen, dass es noch LeserInnen gibt, die sich dagegen zur Wehr setzen....

TheVox
43
29.1.2010, 20:36

Das ist also geplant:
http://www.spiegel.de/politik/a... 83,00.html
Und wenn die Kampagne erfolgreich ist, kann sie auf jede x-beliebige Gruppe ausgedehnt und angewandt werden.
Was spricht denn dagegen so auch gegen Menschen anzuwenden die Fleisch essen, Alkohol trinken, linkshänder sind, Cellulitis haben, usw.
Wer lange Haare hat wird auch so behandelt werden, denn dadurch steigt das Risiko von Läusebefall und ist damit ein Schädling am gesunden Volkskörper

alexanderletten
 
04
29.1.2010, 23:35

Wo wäre der Sinn und Nutzen Ihrer Hypothese?

TheVox
31
30.1.2010, 08:45

Es ist eine bewährte Methode verschiedene Bevölkerungsgruppen gegeneinander auszuspielen und Feindbilder zu schaffen

alexanderletten
 
01

Sie wollen also damit ausdrücken:
Wer Cellulitis hat, Alk trinkt usw., der ist ein Feindbild und schubladisiert sich dabei automatisch?
Das klappt nicht mal bei Rauchern, obwohl es die "bevormundete (suggeriert) Seite" gerne so hätte, um ihre Gewohnheiten schön zu reden.
Machen Sie sich nicht lächerlich.

jack metzer
 
31
30.1.2010, 09:54
VIEL GRÜN

Bertel Mann
00
29.1.2010, 20:15
Ein Artikel, dem Rauscher zu 50% zustimmen kann...

kotttan
35
29.1.2010, 19:46
Eigentlich haben wir andere Sorgen.....

aber man kann mit Hundedreck, Raucher, Beamte, usw. alle genüsslich ablenken.

schopenhauer12
00
29.1.2010, 18:35
es wird Zeit für Ernährungswissenschafter

die in Sachen Prävention endlich mal eingreifen und bereits bei Kindern bzw. Schülern Aufklärungsarbeit bezüglich gesundem Essen und Bewegung machen...nur so kann sich etwas ändern und ach ja, die Ärzte sind doch froh, wenn wir uns gehen lassen und unsere Adipositas und Bluthochdrücke bei ihnen behandeln lassen, denn ansonsten würden ihnen die Patienten aufgrund gestiegenem Gesundheitsbewusstsein und Fitness abhanden kommen...

isai
00
29.1.2010, 18:42
... es sei denn,

sie setzen ebenfalls auf Prävention - auch Ärzte könnten in diese Richtung mit zufriedenen Patienten rechen. Wie's mit den Pharmakonzernen aussieht, ist fraglich - aber auch hier würden sich für präventive Maßnahmen sicher wieder einige "Mittelchen" finden ;))

Erzsébet Lucas
07
29.1.2010, 18:29
hm...

einerseits wird über die verfettende Jugend gejammert, andererseits sammeln Anrainer Unterschriftenlisten gegen Spielplätze und verklagen Kindergärten wegen der lärmenden Kinder im Freien...

isai
15
29.1.2010, 18:25
Die gefährlichsten Herzkrankheiten ...

...sind immernoch Hass, Neid und Geiz. - Pearl S. Buck

Vielleicht sollte das so manche Poster mal überdenken

schlechter Gutmensch
00
29.1.2010, 18:20
Gab es da nicht einmal...

... eine rauchende Schweinebraten-fetischistin, die von der ÖVP für fähig empfunden wurde, sich als "Gesundheitsministerin" lächerlich zu machen?!?!?

Stern von Brokot
00
29.1.2010, 17:57
Dumme Leute, die man via Fernsteuerung sich fett

fressen lassen kann, sind gut für die Wirtschaft?

Kurzfristig gedacht!

Krankheitskosten?
Zufriedenheit?
Leistungsfähigkeit?

ubu roi
21
29.1.2010, 17:32

ein schöner kommentar, merci!

Te Ata
24
29.1.2010, 16:52
Kennt jemand eine Gruppe/Stamm/Gesellschaft, die ohne "Laster" auskommen oder ausgekommen sind?

Mir fällt nämlich keine ein.

Träume sind Schäume.
11
29.1.2010, 18:09
Eine am Reißbrett entworfene

linke Utopie vieleicht

Pol Pot kam dem sehr nahe ;)

Erwin Brandstetter
41
29.1.2010, 18:04
Suggestivlüge

Was soll die Frage suggerieren? Dass wir keine gesellschaftlichen Regeln brauchen, weil es Laster gibt? Dass Rücksichtnahme auf andere nicht mehr angesagt ist, weil Rücksichtslosigkeit anderswo vorkommt? Da ist keine Logik drin.

Stern von Brokot
10
29.1.2010, 17:59
Das Gesamtgewicht der Österr. steigt massiv, obwohl wir nicht mehr werden.


Was hat das mit Laster zu tun?

Das ist LEMMINGHAFTES HANDELN!

luquas
05
29.1.2010, 17:55

"Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Leute ohne Laster auch sehr wenige Tugenden haben."
Abraham Lincoln

der Ringe
00
29.1.2010, 17:25

Ameisen

minimalist1111
01
29.1.2010, 16:08
Auch wenns nicht ganz zum Thema passt, vll. kann mir ja wer helfen.


Ich bräucht eine Statistik, in der steht, wie hoch der volkswirtschaftliche Schaden für einen Toten in einem gewissen Alter ist. Also wie hoch die Kosten für einen 5 jährigen, einen 20 jährigen, usw. bei plötzlichem Tot sind.

whei
00

BIP pro Kopf multipliziert mit noch zu lebenden Jahren müsste so ungefähr hinkommen.

Wenn Sie etwas komplizierter haben wollen, können Sie noch das Wirtschaftswachstum in die Zukunft projezieren und das BIP anpassen,

? [[i=0;noch zu lebende Jahre]] BIP pro Kopf * durchschnittliches Wirtschaftswachstum^i

Wenn Raucher auch noch weniger Kinder hätten als Nichtraucher und sie das dann ausrechnen wollen, dann wirds kompliziert. Hab das gerade probiert und bin gescheitert, habe aber auch nicht mehr den Elan das noch viel weiter zu verfolgen.

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