In Wien geborener Forscher verankert Religionssoziologie im Horizont einer allgemeinen Kultur- und Gesellschaftstheorie
Tübingen - Der mit 50.000 Euro dotierte Dr. Leopold Lucas-Preis für das Jahr 2010 geht an
den Religionssoziologen und Sozialphilosophen Peter L. Berger, gab die Eberhard Karls Universität Tübingen am Donnerstag in einer Aussendung bekannt. Der in Wien geborene Forscher gehöre zu den weltweit führenden Vertretern seines Faches.
Das wichtigste Arbeits- und Forschungsfeld Bergers stellt die
Religionssoziologie dar, die er im Horizont einer allgemeinen Kultur- und
Gesellschaftstheorie verankert. Er kann als Begründer der neueren
Religionssoziologie jenseits des Säkularisierungs-Paradigmas gelten, gab die Universität bekannt. Die
religiöse Gegenwartssituation kennzeichnet er mit dem Begriff des "häretischen
Imperativs". Demnach gibt es keine fraglose Akzeptanz religiöser Überzeugungen
mehr, sondern nur noch Verhältnisse einer bewussten Auswahlentscheidung.
Pluralistische Entwicklungen betreffen in der modernen Gesellschaft aber nicht
nur die Religion, sondern alle Gewissheiten, was zu dem von Berger beschriebenen
"Unbehagen in der Modernität" führt. Bergers Arbeit gilt der Suche nach Wegen
zwischen einem Relativismus, der alle Traditionen auf einen trivialen
gemeinsamen Nenner reduziert, und einem Fundamentalismus, der sich jeder
Infragestellung der eigenen Tradition entzieht.
Biografisches
Berger wurde 1929 in Wien geboren und lebt seit 1946 in den USA. Ab 1956 lehrte
er an verschiedenen renommierten Universitäten, u.a. an der New School for
Social Research, der Rutgers University und an der Boston University. Er ist
Ehrendoktor zahlreicher Universitäten sowie
Ehrenmitglied hochangesehener wissenschaftlicher Gesellschaften und Träger
zahlreicher wissenschaftlicher Auszeichnungen (Sperber-Preis Wien 1992,
Wittgenstein-Preis der Österreichischen Forschungsgemeinschaft 2000,
Watzlawick-Ehrenring 2008).
Seinen Weltruhm begründete besonders das gemeinsam mit Thomas Luckmann verfasste
Werk "Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit", das 1966 in den USA
erschien und bis heute immer wieder als Klassiker nachgedruckt wird. Seit fast
40 Jahren beschäftigt sich Berger darüber hinaus mit Problemen der politischen
Ethik im globalen Zusammenhang. Seit 1985 ist er Direktor des Institute on
Culture, Religion and World Affairs der Boston University.
Hintergrund
Der Dr. Leopold-Lucas-Preis würdigt alljährlich hervorragende Leistungen auf dem
Gebiet der Theologie, der Geistesgeschichte, der Geschichtsforschung und der
Philosophie. Er ehrt dabei insbesondere Persönlichkeiten, die zur Förderung der
Beziehungen zwischen Menschen und Völkern wesentlich beigetragen und sich durch
Veröffentlichungen um die Verbreitung des Toleranzgedankens verdient gemacht
haben. Zu den PreisträgerInnen zählen u.a. Raimund Popper, Tenzin Gyatso (der 14. Dalai Lama), Richard von Weizsäcker und die englische Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong. (red)