Gedenken wir überhaupt?

28. Jänner 2010, 15:42

Auschwitz ist auf der geistigen Landkarte Österreichs nicht zu finden - von Adalbert Wagner

Diese Rede wurde am 27. Jänner, dem Gedenktag der Auschwitz-Befreiung, anlässlich einer jährlich stattfindenden Mahnkundgebung am Wiener Judenplatz gehalten.

***

Liebe KollegInnen, ich friere heute als Sprecher des Verein Gedenkdienst, der sich seit vielen Jahren dafür engagiert, dass der 27. Jänner nicht der einzige Tag ist, an welchem wir diesem Teil unserer Geschichte „gedenken". Wir gedenken der Opfer der nationalsozialitischen Verbrechen, also jener Menschen, die ermordet, vertrieben und verletzt wurden.  Aber lügen wir nicht dabei?  Ich meine unsere „Gesellschaft", "unser Österreich". Gedenken wir überhaupt?

Auschwitz, weit entfernt

Auschwitz ist auf der geistigen Landkarte Österreichs nicht zu finden. 4400 Österreicherinnen und Österreicher besuchten letztes Jahr die Gedenkstätten in Auschwitz. 4400. Das sind um 400 weniger als von Singapur, wo etwa fünf Millionen Menschen leben, um 9.100 weniger als von Australien, und um 35.900 weniger als aus Norwegen. Diese Zahlen sind kein Aufruf, einen „Holocaust-Tourismus" in ein realistisches „Gruselkabinett" zu initiieren - sie veranschaulichen lediglich „unseren" Umgang mit einem Ort, der unweigerlich zu einem Teil unserer Geschichte geworden ist.

Jener Ort ist weniger als fünf Autostunden von Wien entfernt - und trotzdem wird er von unserer Bevölkerung gekonnt ignoriert.

Zogaj und wir

Hassparolen werden im Wiener Wahlkampf auf uns zukommen. Das „AusländerInnenthema" wird einen zentralen Punkt einnehmen. Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sind wieder die Ventile, über die ein Überdruck an Unzufriedenheit abgegeben wird.
Minorette, Arigona Zogaj, und Burkas und sind viel präsenter auf unseren „Landkarten" als unsere eigene Geschichte. Wir werfen Menschen vor, sich nicht mit unserer Geschichte zu identifizieren - obgleich nicht einmal „wir" es wagen, uns damit zu beschäftigen.

Inwie weit aber wagen wir uns vorwärts - ist es zielführend, das österreichische "Mauthausen-Patent"? 100.000 Schülerinnen und Schüler Mauthausen besuchen zu lassen um ihnen den Lagerschreck zu vermitteln - ist das sensibel, ist es konstruktiv?
Nicht der Schrecken des Lagers soll die SchülerInnen begleiten. Der Besuch sollte zur Bildung eines Bewusstseins beitragen; ein  Bewusstsein, wohin Antisemitismus und Rassismus führen, und dass es möglich ist, Menschen zu jenen Gräueltaten zu bewegen. Dieses Bewusstsein muss Lehrlinge gleichermaßen begleiten wie Schülerinnen und Schüler. Und nicht nur am 27. Jänner.

Menschen zu kritischem Denken zu erziehen, sie zu unbeeinflusstem Handeln zu befähigen und zu legitimieren, sind bist jetzt  unerreichte Ziele. Erst dann wird selbstmotiviert das rot-weiß-rote Deckblatt, welches Auschwitz verdeckt, entfernt. Wann ist es  soweit? (derStandard.at, 28.1.2010)

 

 

Zur Person

Adalbert Wagner ist Vorstandsmitglied beim Verein Gedenkdienst Österreich

  • Burn out-Falle

    Ausgebrannt [34]

    Die totale Erschöpfung: Niemand kann auf Dauer alle Aufgaben immer noch besser, noch schneller und noch gewinnbringender erledigen, ohne dabei sich selbst und/oder andere auszubeuten

  • 8.11.2011
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Posting 1 bis 25 von 98
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MarioV
00
22.2.2010, 12:09

[...<]Das „AusländerInnenthema" wird einen zentralen Punkt einnehmen.[>...]
Logisch. Der Mechanismus an einem Gleichnis erklärt:

Ein Arbeiter verdiente gut und war zufrieden.
Daher erhielten die Kinder ein großzügiges Taschengeld, der Kellner ein ordentliches Trinkgeld und ein Sozialverein regelmässig eine Spende.
Plötzlich kommt es zu Problemen.
Der Chef bezahlt nicht mehr alle Überstunden, der Vermieter will höhere Miete, und die Preise im Geschäft steigen.

Was tut der Arbeiter?
Er kürzt das Taschengeld, gibt weniger Trinkgeld und spendet nicht mehr.

Was tut der "Gutmensch"?
Er wirft dem Arbeiter vor: Gib doch Deinem Chef, dem Vermieter und dem Supermarkt-Boss die Schuld.

Darauf der Arbeiter:
Tu ich eh, aber löst das mein Problem das ich

Hafner
11
Die Politik der letzten Jahre ...

... dass man die Menschen in diesem Land hilflos den Kriminellen ausliefert, hat genau zu der Denkweise geführt, die hier bekämpft werden soll.
Wenn niemand mehr die Menschen dieses Landes vor Einbrechern, Dieben, Räubern und Mördern aber auch vor Betrügern und Finanzhaien schützt wird sich die staatliche Solidarität auflösen und der Ruf nach einem starken Mann laut werden.
Unaufhaltsam.
Und diejenigen, die diese Entwicklung zugelassen und gefördert haben, werden kurzsichtigerweise dem starken Mann die Schuld geben und nicht ihrem eigenen Unvermögen.

MarioV
00
22.2.2010, 15:58

Wobei Österreich noch immer ein relativ sicheres Land ist.

Hafner
00
22.2.2010, 16:59
Was uns ...

... besonders erschrecken sollte.

Hafner
01
Ich kann mich nicht erinnern,

... irgendwelche Naziopfer je beim Gedenkan an den Völkermord, der nach (nach!) dem WKII an den Altösterreichern begangen wurde, gesehen zu haben.
Dann sollen die wenigstens den Anstand haben, das auch unter sich zu machen.

Timagoras
 
00
20.2.2010, 11:39
"Völkermord, der nach (nach!) dem WKII an den Altösterreichern begangen wurde"



wovon reden Sie denn da????




Timagoras
 
20
21.2.2010, 00:55


das nennen Sie "völkermord" und setzen es mit dem holocaust gleich?

Ihr AS werdet wirklich immer dreister (insbesondere hier im forum)!

1116er
10
es geht nicht so sehr darum, sich kz und andere gedenkstätten anzuschauen,

und zu sagen: "mei, wie grauslich!"

es geht darum aufzuzeigen, dass diese orte die konsequenz von ideologien, einstellungen und letztlich dem verhalten jedes einzelnen waren.

und manche dieser ursachen feiern heutzutage ihr comeback...!

Fritz Wunderlich
21
29.1.2010, 21:41

das problematische an dem gedenken in österreich ist, dass familienhistorisch gesehen ein anderes gedenken dominant ist
und sich dieses gedenken erst langsam seit den achtzigern etabliert hat
das politische gedenken manifestierte sich ja lange als kriegsdenkmäler und politische opfergemeinschaft, das überdeckte, verschwieg den raubmord, die arisierung und vernichtung von juden, homosexuellen, roma, ...
seitdem muss einem der nachbar verdächtig vorkommen

dass die derzeitigen formen des gedenkens an der jugend vorbeilaufen, ist mir völlig klar, aber es haben sich da schon gewisse strukturen gebildet, nett ausgedrückt

fibiundchillie
00
an der jugend vorbeilaufen

ja, das ist das Schlimmste. wie und was man unternehmen muß, damit die Gutwilligen (ich sag mal,niemand wird als na dsi geboren) richtig geprägt werden, das ist die große Frage.
die zeitzeugen-gschichten sind eine sehr gute sache. die familie selbst ist grundlegend wichtig, in der schul werden >15jährige m.d.Thema befaßt, die sind schon pubertierend u in peer-groups, da kommts auf das setting der klasse an...
das pst hat viel text und null lösung, eh wie immer.
LGF

Josua
01
29.1.2010, 18:07
Gedenken

Hat da nicht ein sehr angesehener österreichischer Außenminister und späterer Bundespräsident, sinngemäß gesagt: "In Auschwitz hat ein Österreicher nichts zu gedenken"?

Lord Schaumloeffel
36
29.1.2010, 15:35

man kann ein durchaus aufgeklärter bürger mit überdurchschnittlicher ahnung von geschichte (inkl. deren täter und deren opfer) sein, ohne in diesen von oben verordneten gedenkrausch zu verfallen.

ich war noch nie in königgrätz, solferino oder st. germain - und weiss trotzdem, wer dort was gemacht hat. und obwohl ich noch nie im kz mauthausen, kz ebensee oder auschwitz war (und auch nicht die geringste absicht habe, dorthin zu reisen) weiß ich über die verbrechen dort bescheid.

wer meint, seinen beruf in der gedenk- und mahnbranche suchen zu müssen, bitte sehr. das habe ich nicht zu beurteilen. aber nicht bös' sein, wenn ich bei diesem zynischen spiel nicht mitmache.

Timagoras
 
72
30.1.2010, 02:49
"und obwohl ich noch nie im kz mauthausen, kz ebensee oder auschwitz war (und auch nicht die geringste absicht habe, dorthin zu reisen) weiß ich über die verbrechen dort bescheid"


nein.

wissen Sie nicht.

versuchen Sie's einfach mal.

der unterschied wird Sie überraschen.

aber vermutlich WOLLEN Sie das einfach nicht ...

Lord Schaumloeffel
03
31.1.2010, 21:23
erklären sie mir bitte

woher sie wissen, was ich weiss bzw. nicht weiss. oder woher sie das ableiten. ganz ohne agression, ohne unterstellen, okay? ich mach auch keine provozierende bemerkungen.

seltsamerweise vermuten sie dafür etwas, was ich ohnehin dezitiert zugebe: ich will nicht dorthin fahren. weil ich keinen tatort-tourismus betreibe (ich hoffe, sie erkennen aus dem wort tatort, wie ich über diese orte denke)

anders and
 
31
29.1.2010, 20:58

Wenn Sie den Völkermord an Juden und Zigeunern mit Solferino und Königsgrätz vergleichen, dann demonstrieren Sie damit, dass Geschichtswissen überhaupt nichts mit Geschichtsverständnis zu tun haben muss.

Gendo
00

Also man liest oft was man lesen will. Vor allem weil in der Liste auch St. Germain vorkommt. Die Aufzählung zielt wohl eher darauf ab das man die Orte nicht besucht haben muß um die dort vorgefallenen Ereignisse zu verstehen (und sie unter anderem als Warnung im Gedächtnis zu behalten).

anders and
 
12

der "von oben verordnete Gedenkrausch" ist doch ziemlich heftig...

Poldi Fesch
00
von wo

denn ?

Lord Schaumloeffel
01
danke

besser hätt ich es nicht nach-erläutern können.

anders and
 
10
29.1.2010, 15:11
gerade weil mit die Geschichte von Auschwitz so bewußt ist

habe ich kein großes Bedürfnis dort hinzufahren

Chris_SM
35
29.1.2010, 14:35
Auschwitz-Missbrauch

Arigona ist für mich ein Symbol für erfolgreichen Asylmissbrauch. Sie wurde von ihren "Beratern" und den einschlägigen Medien(inkl. des Standards) wegen ihres verwertbaren Gesichtes in die Öffentlichkeit gezerrt um so Asylmissbrauch salonfähig zu machen. Dieser Schuss ist aber nach hinten losgegangen. Die Bevölkerungsmehrheit hat den miesen Braten gerochen. Diese Menschen nun pauschal ins Nazieck zu schieben wie es dieser Kommentar, aber auch Rau macht, halte ich für höchst perfide. Auch so kann man Auschwitz missbrauchen.

Auschwitz ist für mich primär ein Symbol für die unglaubliche Menschheitsverbrechen Nazideutschlands zu dem auch Ö gehörte. Auch wenn mich der Ort selbst nicht interessiert, ist es gut, dass es ihn als Mahnmal gibt.

MarioV
00
22.2.2010, 15:57

Aber ist es nicht interessant, dass jemand, der keinen Massenmord begangen hat, sondern nur in Ö bleiben will, wegen einer fremdländischen Herkunft primitivste Emotionen auslöst?
Niemand würde gegen eine österr. Jugendliche so einen aufgestauten Hass entwicklen, nur weil sie sich irgendwo aufhält, so sie nicht sein darf.
Sicher kann man der Meinung sein dass das Gesetz auf Punkt und Beistrich zu erfüllen ist.
Aber diese Emotion, die hoch kocht, angesichts einer relativ harmlosen Sache.
So als hätte sie versucht das Riesenrad zu sprengen.
Über diese Verhältnismässigkeit bitte einmal reflektieren.

MarioV
00
22.2.2010, 15:46

Punkt 1:
Ja, es stimmt natürlich.
Die Familie hat gegen die Buchstaben des Gesetzes verstossen.

Punkt 2:
Der Wunsch im sicheren Österreich leben zu wollen, ist trotzdem kein Menschheitsverbrechen.

Punkt 3:
Arigona war ein Kind, als sie gekommen ist.
Sie hat also am wenigsten Schuld.

Punkt 4:
Der Kosovo wird in ein paar Jahren Teil der EU sein.
Daher ist ein Beharren auf "Vurschrift ist Vurschrift" sehr, sehr kleinlich.

Punkt 5:
Versuche Arigona mit absurden Kommentaren zu helfen, sind nicht die Schuld von Arigona.

Punkt 6:
Versuch Dich mal in sie reinzuversetzen. Kann nicht mal in Ruhe eine Pizza essen, ohne das es hämische Kommentare "Die schaut aber nett so unglücklich drein" gibt.

G e o r g
53
29.1.2010, 15:57

Erfolgreich? Frau Zogaj droht die Abschiebung. Ihr Familie wurde zerrissen und diffamiert, Menschen, die ihr helfen, werden bedroht - das ist für mich nicht sehr erfolgreich. Erfolgreich vielleicht für die vielen Rassistinnen und Rassisten, die die Hetze gegen sie betreiben.

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