Experte: Natürliches Gleichgewicht gestört - Treibhausgas wird zusätzlich aus der Landbiosphäre und dem Ozean freigesetzt
Mainz - Mit jedem Grad Erderwärmung steigt der Kohlendioxid-Gehalt
in der Luft laut einer deutsch-schweizerischen Studie um etwa drei Prozent. Der
vom Menschen verursachte Klimawandel bewirke eine zusätzliche Freisetzung des
Treibhausgases aus der Landbiosphäre und dem Ozean, teilte Jan Esper
vom Geographischen Institut der Universität Mainz mit. "Dadurch wird
die globale Erwärmung verstärkt."
Analysen
Der Klimatologe hat gemeinsam mit Kollegen der Eidgenössischen
Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft sowie der Universität Bern die
Klimaschwankungen der vergangenen 1.000 Jahre analysiert. Die Ergebnisse sind in
der Fachzeitschrift "Nature" (online vorab) veröffentlicht.
Die Wissenschafter untersuchten Lufteinschlüsse in Eisbohrkernen aus der
Antarktis und Jahresringe von Bäumen. Das Team konnte laut Esper so
beispielsweise quantifizieren, wie stark der CO2-Gehalt der Luft durch
Klimaschwankungen in der vorindustriellen Periode beeinflusst wurde.
Natürliches Gleichgewicht gestört
Die Verbrennung von Kohle, Erdöl und Gas verursache nicht nur den aktuellen
Anstieg des Kohlendioxids (CO2) und ist damit Hauptursache der globalen
Erwärmung. "Diese klimatische Veränderung stört das natürliche Gleichgewicht
zwischen den riesigen Kohlenstoffvorräten in Atmosphäre, Ozean und Biosphäre",
warnte der Klimatologe. Aus diesen langfristigen Speichern werde dadurch
zusätzliches CO2 freigesetzt, was im Sinne einer Rückkopplung zu einer weiteren
Erwärmung führt. Damit verstärke sich der Einfluss des CO2 auf die
Temperaturentwicklung.
Die Wissenschafter berechneten den Zusammenhang zwischen Temperatur und CO2
nach eigenen Angaben für mehr als 200.000 mögliche Datenkombinationen. Das
Ergebnis: ein verlässlicher Mittelwert und ein dazugehöriger Genauigkeitsbereich
für die Rückkopplungsstärke zwischen Temperatur und CO2. Heute sei die globale
Temperatur bereits mehr als 0,3 Grad Celsius höher als in der wärmsten Periode
der vergangenen 1.000 Jahre.
Klima der Vergangenheit
Nach Studien von Forschern der Universität Kiel wird das tatsächliche Ausmaß
des zu erwartenden Klimawandels ebenfalls bisher deutlich unterschätzt. Sie
haben jedoch umgekehrt betrachtet, wie die CO2-Konzentration auf die
Temperaturerhöhung wirkt - und das vor fünf Millionen Jahren. Im Pliozän habe es
wesentlich höhere Temperaturen als heute gegeben, obwohl die CO2-Konzentrationen
kaum höher gewesen seien, berichteten die Kieler Klimaforscher Ralph Schneider
und Birgit Schneider in Kiel. Die Zusammenfassung weltweiter Studien
zum Klima der Vergangenheit ist in der Fachzeitschrift "Nature Geoscience"
veröffentlicht. Nicht nur die CO2-Konzentration, sondern auch andere, bisher
eher vernachlässigte Komponenten spielten eine Rolle für die Erderwärmung.
Der Blick in die Vergangenheit zeige, dass man sich nicht nur auf die
Wirkungskette Temperatur-Kohlendioxid konzentrieren dürfe, betonte Ralph
Schneider. Grund für das deutlich wärmere Klima damals seien Rückkopplungen
zwischen einzelnen Komponenten des Klimasystems, insbesondere dem Grönlandeis,
der Vegetation in den hohen Breiten und dem Ozean, der große Mengen Kohlenstoff
speichert, erklärte Birgit Schneider. Vielleicht reiche schon ein CO2-Wert von
400 bis 500 ppm, damit sich der Prozess der Erderwärmung verselbstständige,
warnte Ralph Schneider.
Kreislauf
Vor kurzem publizierte ein niederländisch-schottisches Forschungsteam in "Science" das Ergebnis ihrer Untersuchungen, wonach die Erwärmung der Erdoberfläche und der Atmosphäre nicht nur eine
Folge des Klimawandels, sondern auch eine seiner Ursachen ist. Auf Grundlage
von Satellitendaten konnten sie beweisen, dass die Freisetzung von
Methan bei höheren Temperaturen deutlich zunimmt. Methan ist ein
Treibhausgas, das wiederum selbst eine wesentliche Rolle in der
globalen Erwärmung besitzt. (APA/red)