Analyse

iPad: Ein "magisches" Ding, das niemand braucht?

Zsolt Wilhelm, 29. Jänner 2010, 12:35
  • Artikelbild

Schön, intuitiv und ausdauernd: Apple macht den Tablet-PC salonfähig - Aber wozu überhaupt?

Der Wunsch nach einem ultramobilen Computer existierte schon vor der Erschaffung des ersten Heim-PCs. Die Vorstellung, einen schlauen Begleiter mit sich tragen zu können, mit dem man sich unterhalten, bilden und kreativ und beruflich entfalten kann, ist zweifellos verlockend. Und wie. In den 1960er-Jahren propagierte Alan Kay bereits das Dynabook. Die Idee wurde vor Jahrzehnten definiert: Klobig darf ein Tablet-PC nicht sein und ganz einfach bedienen lassen sollte er sich auch. Am besten ohne Tastatur, das Display könnte zur Anzeige und Eingabe gleichzeitig dienen.

Evolution

In den 1990ern erprobte man die Stift-Eingabe - der Stylus war geboren. 2002 erfolgte dann der erste Industrie-geförderte Push: Bill Gates rief nach dem neuen Windows XP auch einen Tablet PC-Standard aus. Alle bauten, niemand kaufte. Zu teuer, zu wenig Akkuleistung, zu umständlich zu bedienen. 2005/2006 entsprang dann der UMPC - ein kleiner Touchscreen-PC - Microsofts und Intels Hirngespinsten. Zu teuer, zu umständlich zu bedienen und die Akkulaufzeit war nach wie vor nicht zufriedenstellend.

"Wir wollen 2010 beginnen, indem wir heute ein magisches und revolutionäres Produkt einführen", leitete Apple-Chef Steve Jobs dann am Mittwoch die Vorstellung des ersten Tablet-PCs ein, der alle vermeintlichen Wünsche zu erfüllen verspricht. Das "iPad" ist preislich erschwinglich, einfach zu bedienen und die Akkulaufzeit stimmt auch. Der vor einem halben Jahrhundert ausgesprochene Wunsch wurde erfüllt. Das Rennen ist vorbei, wir können alle glücklich nachhause gehen. Oder nicht?

Was Menschen wollen

Vielleicht ist es doch zu früh, die Revolution auszurufen. Schon schon, das iPad verkörpert diese wahre Verlockung. So schlank und vielseitig, so intuitiv wie ein iPhone und so schön wie ein Stück Zukunft - der Konkurrenz um Jahre voraus, wie es Jobs sagen würde. Aber irgendetwas muss ich übersehen haben. Ich weiß, was es ist, wie es ist und wie viel es kostet. Nur eins weiß ich noch immer nicht: wozu?

Jobs meinte, "nun endlich die Lücke zwischen iPhone und MacBook geschlossen zu haben". Wirklich, gab es da überhaupt eine Lücke? Denn Apples Angaben nach kann das iPad fast nichts, was das iPhone bereits von Anfang an konnte. Mit der Ausnahme eines größeren Bildschirms. Und arbeiten auf einem 9,7-Zoll-Display? Dafür braucht es dann besser doch einen schnelleren, größeren und multitaskfähigen Laptop. Es ist auch kein idealer Netbook-Ersatz. Weil ihm wie dem iPhone standardisierte Anschlüsse vom Schlage USB fehlen, kann man nicht einmal eine Kamera oder einen mobilen Datenträger anschließen. Das einzige was dem iPad bleibt, sind Ebooks und digitale Magazine als Unikum. Und obwohl die Umblättern-Animation zum Niederknien ist, wer möchte schon einen Roman auf einem verspiegelten und strahlenden LC-Bildschirm lesen? Meinte Jobs mit Lücke vielleicht Nische?

Luxusgut

Das iPad befriedigt kein grundlegendes Bedürfnis der Gadget-verrückten Menschheit. Auch ersetzt es kein bislang nachgefragtes Produkt. Ein Novum für einen Apple. Der iMac verdrängte den Mac-Standrechner. Der iPod löste den Walkman ab und führte die Bequemlichkeit der digitalen Musik vor Augen. Das iPhone überrannte die damals zu unrecht "Smartphone" getauften Handys und packte das Internet in die Hosentasche. Aber das iPad ersetzt gar nichts. Der Tablet-PC war bislang nicht existent. Nicht nur, weil er zu teuer und zu klobig war, sondern weil auch niemand so recht wusste, wofür man ihn verwenden sollte. Das iPad kann in seiner jetzigen Form keinen Arbeits-Laptop ersetzen und ist zu groß für die Hosentasche. Auch telefonieren kann man nicht, nicht einmal ein Videokamera lädt zum Chatten ein.

Das iPad ist also purer Luxus. Es füllt keine Lücke aus und dient vorrangig zur Unterhaltung. Es ist ein Couch-PC, neben Smartphone und PC ein "drittes" Rad am Wagen, das beide nicht ersetzt. Ein Ding, das Spaß macht und begeistert, aber eben auch ein Ding, auf das man nicht so dringend haben muss.

Potenzial

Von Apple wird seit dem iPhone jedesmal ein Meisterstück erwartet. Und vielleicht wird das iPad in seiner zweiten oder dritten Generation jene Mängel beseitigt haben, die ihm heute laut Kritikern das Genick brechen. Für Apple ist das iPad die Zukunft des Internet-Surfens und des Medienkonsums. Doch dafür reißt die fehlende Unterstützung von Formaten wie Flash zu viele Löcher in die aktuelle Netzwelt. Es ist auch fraglich, ob Nutzer den Apple-Tablet als ultimative Unterhaltungsmaschine wahrnehmen werden. Alle Filme werden heute in 16:9 produziert, nur das iPad macht den Sprung zurück auf 4:3. Videospiele auf dem großen Screen wirken verlockend. Aber für einen "Gameboy" ist das iPad zu groß und zuhause steht die unvergleichlich besser geeignete Spielkonsole. Die Printverlage hoffen auf die Rettung ihrer Magazine und Tageszeitungen. Für erstere könnte Apple tatsächlich eine moderne und bequeme Plattform geschaffen haben. NatGeo, Time, C't, Der Spiegel oder auch Comics in einem Gerät bei sich haben zu können, mit Videos und sonst allen Vorteilen, die das Netz so bietet, ist tatsächlich interessant. Die Frage ist nur, ob die Leser ob des wachsenden Online-Angebots überhaupt noch an Magazinen interessiert sind.

Wer allerdings mehr möchte, als einem AppStore, iTunes und iBookstore bieten, wird in jedem Fall einen zusätzlichen PC benötigen. Denn außerhalb von Apples zertifizierten Programmen und Inhalten werden iPad-User nur von "außerhalb" bekommen. Tauschbörsen, Google-Apps und Online-Videos abseits von Youtube gibt es bei iPads wie beim iPhone nicht.

Auf der Suche nach dem Killer-Feature

Das iPad ist also noch lange nicht komplett und auf der Suche nach dem Killer-Feature. Eine Funktion, die mich aufspringen und in den Apple Store laufen lässt. Beim iPod war es iTunes und MP3 und beim iPhone war es der "PC in der Hosentasche", der bereits einen Gutteil eines vollwertigen Rechners ersetzt.

Das soll aber nicht heißen, dass aller Tage Abend ist. Vielleicht sehen Nutzer den Mehrwert eines übergroßen iPod Touchs erst, wenn sie in den Händen halten. Das iPad ist eine neue Plattform, die auf der Suche nach ihrer Identität ist. Und betrachtet man die Entwicklung des iPhones könnte die dank AppStore und Entwickler-Community schneller gefunden werden, als man vermuten mag. Noch fehlt der Anreiz, der Tropfen, der das Fass zum überlaufen bringt. Auch der iPod Touch musste erst nach Jahren in mobilen Videospielen seine Existenzberechtigung finden. Aber eines hat Apple definitiv geschafft: Mit dem iPad ist der Tablet-PC nach 50 Jahren Phantasie und Schattendasein nun endlich ins Rampenlicht der Gadget-Bühne gerückt. Wer Apple-Produkte kennt, weiß, dass jetzt der Zeitpunkt ist sich erstmal zurücklehnen und die zweite oder dritte Generation abzuwarten, bis die Ungewissheit und alle Stolpersteine aus dem Weg geräumt wurden.

(Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 28.1.2010)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 582
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13
Fuzzerl
00
„und kein einziger virus - ever. “

klar, nie länger als drei minuten angeschlossen und/oder keinen virus odgl. GESEHEN

Bodypainter
00
die apple keynote in 180 sekunden: amazing

http://www.youtube.com/watch?v=1ZS8HqOGTbA

Bazinga
00
das iThing ist wohl um das zehnfache mehr amazing als das iPad

http://www.youtube.com/watch?v=jrj9q4SxZCM

schlaubi
11

so nötig wie ne zweite nase ist das ding

Veronika Lenz
00

ist nur interessant zum bücher lesen-dafür aber genial (zum urlaubfahren)

Jet Fuzzi
01

.... aber auch zum Surfen, Mailen, Chatten und Videotieren auf dem Sofa.

Das iPad ist das bessere Netbook - keine Arbeitsmaschine, aber für alle möglichen Freizeittätigkeiten geeignet. Dazu in jeder Hinsicht besser als Netbooks geeignet und nicht aus grausam billigen Plastik bestehend.

Und: das iPad ist der Computer für all jene, die keine Computer mögen

Der elegante Herr von nebenan
 
00

Das Display ist aber fürs stundenlange Lesen geeignet. Also auch wieder nichts

Mycroft Holmes
00

zum urlaubfahrn aber auch nur bedingt. Weil anders als das Taschenbuch kann man das Ding nämlich keine 2 Minuten aus den Augen lassen, wenn man sich ein Eis holen will oder baden gehn oder ...

hp12c
00
habe heute mit einem kollegen aus münchen geredet

der ist nicht so technisch versiert wie ich - hat aber auch nur apple sachen - aber weils "cool" ist - nicht weils ihm mehr nutzen bringt... er hat nen macbook air - und ein iphone - non jailbroken...

er meinte er kauft sich das ipad sofort - ich fragte wofür? er meinte - egal, ich wills haben. (prototyp eines Applejüngers aus dem iBook über Klischees) Dann hab ich ihn aufgeklärt was es kann und was nicht - aber er meinte, ja ist doch schön - ich fahr wöchentlich von münchen nach innsbruck - dafür isses genau richtig, Doktorarbeit recherchieren, Video schaun, Bücher und Artikel lesen... dann meinte ich - ja wenns dir das geld wert is - er naja - 10% des Monatsgehalts gehn sich aus ;)

und ja - why not? so gesehn ich hols auch :)

dr. kokos
 
00

halt! ich warte auch schon lang auf ein brauchbares tablet, vor allem zum lesen beim couching. ob es das ipad wird, weiss ich aber noch nicht genau. besser erst noch den skiff-reader abwarten, das teil schaut megacool aus:

http://www.skiff.com/skiff-reader.html

das ding kann man sogar durchbiegen ohne dass es dann hin ist.

33x22
21
31.1.2010, 23:14

ipad = dau tool

Delta Neutral
03

Genau - das ist aber ein richtig großer Markt!

Katerle Kater
00
31.1.2010, 18:46
lol

„Die Tatsache, dass man nicht beliebige SW drauf laufen lassen kann sagt bereits alles aus.“
was heißt belibig? soviel geld hab ich auch gar nicht.....

Beiddenker
40
31.1.2010, 17:49
Das iPad ist da ...

... Wer braucht es?
Alle, die sich trotz iPhone noch nicht toll genug fühlen.

Was kann es?
So einiges: Durch seinen großen Touchscreen kann das iPad richtig gut staubfangen. Der Staub kann später mit einem handelsüblichen Staubtuch aufgesammelt und entsorgt werden.

Was kann es noch?
Auf Bewegung reagieren: Setzt man sich drauf, zeigt es dies mit einem kaputten Bildschirm an.

Was kann es besser als ein Buch?
CO² sparen: Ein einziges iPad entspricht dank 64 GB Speicher ca. 50 000 (verbrannten) Büchern.

(c) titanic

Ko Prolyt
00
31.1.2010, 19:25
das ist echt gemein...

was sie da so von sich geben.
ich hätte da sofort ein paar echt nützliche funktionen für ipads:
- als begrüßungstafel am firmeneingang
- als animierte namensschilder bei meetings
- als animierter türanzeiger für bad und klo
- als in der küche integriertes online kochbuch
- als mp3 player mit einkaufsdatenbank und aufsteckvorrichtung für einkaufswagerln
- als mobiler dvd-player für die kopfstütze

...und das könnte ich jetzt eeeeeeewig fortsetzen...

</ironie>

Beiddenker
00
Stammte nicht von mir -> deshalb auch das "(c) titanic" ...

... aber die Rotstrichler verstehen hier keinen Spass :-)

Fuzzerl
00
2 (zwei) ! stricherl?

wahnsinn, so viel aufmerksamkeit macht dir ehre.

hp12c
04
31.1.2010, 13:49
weil die poster da unten das multitasking von apple nicht verstehen

es gibt kein multitasking für dritt-apps...

für email allerdings schon - deine emails bekommst auch im hintergrund wärend du web surfst - wenn eine neue hast machts wahrscheinlich sogar irgend ein besch...eidenes geräusch ;) - wie auch beim iphone...

auch itunes wird nebenbei laufen können - wie beim iphone...

nur den appstore apps wird aus sicherheitsgründen das multitasking unterbunden - solange es nicht gecracked wird...

klausenpown
01
31.1.2010, 23:18

Das Tablet will vielleicht kein PC sein sondern eine Playstation. Auf der kann man während dem Spielen nicht Internetsurfen (dass das ein Problem ist, hab ich noch nie wo gelesen).

Es hat den Vorteil, wenn man eine Hardware hat und Programmmen 100% der Hardware zur Verfügung stellt. Nur damit erzielt man die höchste Leistung.

Ein PC auf dem man spielt und gleichzeitig einen Browser offen hat, Musik hört, Skype offen hat und nebenbei noch Sachen wie Virenscanner, Google Desktop etc. offen hat bringt einiges weniger Leistung für das Spiel bei gleicher Hardware - ist ja auch klar.

Die iPad Architektur wird beim ausführen einer App so ein handelsübliches Netbook mit 1,6GHz Atom einfach nur wegputzen. Weils eben nur dieses App rechnen muss.

4simo
00
naja

mein durchschnitts pc derblast das auch
für weniger geld

Fuzzerl
00

nur sinn hats keinen. nimm ihn halt mit ihns bett, wenns dir spaß macht.

4simo
00
fürs bett sind andere

items vorgesehen

Freyjatru *
 
06
31.1.2010, 10:51
Der normale Anwendungsfall

Otto Normalverbraucher - kein ausgewiesener Technikfreak, aber technologisch interessiert - sitzt am Sonntag zu Hause am Sofa. Es regnet und er will Zeitung lesen. Er stellt einen Kaffe ab, nimmt das iPad und muss nicht mehr zum nächsten Zeitungsständer laufen, um den Standard oder die Presse "zu fladern".

Wer mal versucht hat, Zeitung mit dem iPhone oder einem MacBook zu lesen, weiß warum man sich das gleiche mit diesen beiden Geräten nicht antut.

Klar, der Supertechnikfreak oder ich-kauf-mein-Notebook-beim-Hofer-weil-billig-Mensch wird weiter die Zeitung am Sonntag fladern bzw. news nur am PC auf einem getunten Linux lesen bzw. derstandard.at öffnen. Aber wir reden nunmal nicht von denen.

Blanca Hohn
00
also wir Titanic-überlebenden

aus dem vorigen jahrhundert haben für diesen fall schon die killer-applikation erfunden.

das ABONNEMENT.

gut, vielleicht ist das ja auch politisch inkorrekt, dass sich ein indischer mitbürger frühmorgens zu mir vor die tür bemühen muss.

aber ich hoffe wirklich inständig, dass ich nicht eines tages wegen des ganzen elektronikmülls auf das lesen einer richtigen zeitung im bett verzichten muss, weil die "gratis ist geil"-generation keine 1,50 für eine zeitung entbehren kann.

Freyjatru *
 
00
Täglich sicher lesen - Printmedien gerne!

Also wenn ich täglich sicher Zeitung lesen würde, würde ich auch Printmedien bevorzugen.

Nur... kann ich nicht jeden Tag vorhersagen, ob ich Zeit habe, eine Zeitung zu lesen oder nicht. D.h. Wenn aus meinem Abo drei von sechs Zeitungen ungelesen in den Altpapiercontainer schmeisse, ist es schade drum.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 582
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.