Das Positive nach dem Schiedsrichter-G'frett gegen Kroatien: Die Weltklasse muss das Nationalteam jetzt wirklich ernstnehmen
Wien - Verschaukelt war Dienstagabend die vorherrschende Gefühlslage bei Österreichs Handballern. Dafür verantwortlich waren Rickard Canbro und Mikael
Claesson, ihres Zeichens Schiedsrichter. Die Pfiffe der Schweden beim 23:26 gegen die Weltstars aus Kroatien
haben ärgerten Spieler wie Fans in der Wiener Stadthalle. Selbst dem sonst zumeist gelassenen Teamchef
Dagur Sigurdsson brannten kurzfristig die Sicherungen durch.
"Dagur ist ein ruhiger Mensch. Der kriegt nicht einfach so eine
Rote Karte wegen Nichts", weiß Kreisspieler Patrick Fölser, dass es
normalerweise schwierig ist, den Isländer Sigurdsson auf die Palme zu
bringen. Sigurdsson, der wegen seiner fulminant vorgebrachten Kritik für insgesamt vier Minuten
Unterzahl seiner Mannschaft sorgte und in der 57. Minute von der
Trainerbank verbannt wurde, sprach unmittelbar nach der Schlusssirene
davon, dass sein Team "verarscht" worden sei. "Ich habe über 2.000
Spiele miterlebt, daher weiß ich das."
Verlassene Palme und Strafe
Etwas später meinte Sigurdsson schon ein wenig abgekühlter: "Wir
waren zu laut, zu emotional. Das muss ich auf meine Kappe nehmen."
Der 36-Jährige, der als Klub-Trainer in der deutschen Bundesliga bei
den Füchsen Berlin arbeitet, gab aber auch zu bedenken, "dass ich
noch nie zuvor in meiner Karriere als Trainer eine Rote Karte
bekommen habe". Sigurdsson stellte klar, dass sich sein Ärger gar
nicht so sehr gegen die schwedischen Referees, sondern vor allem
gegen den slowenischen EHF-Supervisor Leopold Kalin gerichtet habe.
Dieser habe jede Kleinigkeit auf der österreichischen Bank beanstandet, die Bank
der Kroaten habe er hingegen schalten und walten lassen.
Der europäische Handballverband EHF sprach am Mittwoch gegen Sigurdsson eine bedingte
Sperre über ein halbes Jahr für alle EHF-Bewerbe aus, zudem wurde
eine Geldstrafe von 2.000 Euro verhängt.
Martin Hausleitner, der Generalsekretär des österreichischen
Handballbunds ÖHB, stellte klar, dass die Geldstrafe vom ÖHB gezahlt
wird. "Dagur wird dafür ein wenig in die Mannschaftskasse einzahlen",
meinte Hausleitner.
Kapitän Viktor Szilagyi hat so wie Sigurdsson ebenfalls meist
seine Emotionen fest im Griff, am Dienstagabend wurde es aber auch
dem Regisseur zu bunt. Immer wieder intervenierte der 31-Jährige
bei den Unparteiischen, mit wenig Erfolg.
"Wir sind 60 Minuten durchgehend provoziert worden. Sie haben eine
Fehlentscheidung nach der anderen gepfiffen und haben uns dabei ins
Gesicht gelacht", ärgerte sich Szilagyi, der den nicht als Tor
gegebenen Siebenmeterwurf von Konrad Wilczynski in den Anfangsminuten
und den abgepfiffenen Gegenstoß von Bernd Friede in der alles
entscheidenden, heißen Schlussphase als eklatanteste
Fehlentscheidungen ansah.
"Da war mir dann endgültig bewusst, dass wir nicht gewinnen
können. Als Sportler ist es das Schlimmste, wenn man sich
benachteiligt fühlt, und das war in diesem Spiel des öfteren der
Fall", so Szilagyi, der die Pfiffe als Kniefall vor den kroatischen
Stars mit Trainer Lino Cervar oder Regisseur Ivano Balic und
Kreisspieler Igor Vori sah. "Man muss aber auch sagen, dass sich die
Kroaten diesen Respekt durch die Schiedsrichter jahrelang hart
erarbeitet haben."
Bernd Friede hatte angesichts der Schiedsrichter "das Gefühl, dass
wir immer bergauf spielen". "Irgendwie wussten wir: Egal was wir tun,
am Schluss sollen eh die anderen gewinnen. Aber nicht wegen ihrer
Stärke, sondern aufgrund der zwei netten Herren." Wilczynski ("Jeder
50:50-Entscheidung ist gegen uns gepfiffen worden") forderte, dass es
für die Unparteiischen "Konsequenzen" geben müsse, etwa die
Nicht-Nominierung für kommende Großereignisse. "Wir hatten Kroatien
am Rand einer Niederlagen, nur die Schiedsrichter hatten etwas
dagegen", so Wilczynski.
Das Gute am Schlechten
Mit etwas Abstand sollte den Österreichern vom Duell gegen die
Kroaten aber viel Positives in Erinnerung bleiben. "Das war das beste
Spiel in der Geschichte Österreichs. Es war unglaublich, dass wir
diese Leistung im fünften Spiel bei dieser EM gebracht haben", merkte
Sigurdsson angesichts des bereits sehr hohen Substanzverlusts an.
"Wir haben den Leuten gezeigt, dass es auch für Kroatien nicht
einfach gegen uns ist. Sie mussten ans Limit gehen, um gegen uns zu
gewinnen. Wir haben so hart wie möglich gespielt und die Kroaten
damit eingeschüchtert", merkte Fölser an.
"Viele haben damit gerechnet, dass wir gegen Kroatien in ein
Debakel laufen", glaubte Wilczynski, der am Donnerstag gegen Russland
sein voraussichtlich letztes Saisonspiel bestreiten wird, da er sich
bereits am Freitag in Wien einer Operation an der rechten Wurfhand
unterziehen muss. Das Gegenteil war der Fall, gegen Österreichs
Herren können auch die Besten der Welt derzeit nicht mehr im Vorbeigehen gewinnen.
"Das ist ist die wichtigste Neuigkeit dieser EM", findet auch
Wilczynski. (APA/rob)