Juden und Muslime: 60 Jahre Entfremdung

26. Jänner 2010 19:12

Es wäre an der Zeit, dass Juden und Muslime an ihre positive Geschichte wieder anzuknüpfen beginnen - Von Tarafa Baghajati

Spätestens seit der zweiten Intifada im Herbst 2000 ist der Hauptfeind Israels in den besetzten Gebieten die national-religiöse Hamas. Den zweiten Libanonkrieg 2006 führte Israel gegen die islamisch schiitische Hizbullah, die im Jahr 2000 den Abzug der israelischen Truppen aus dem Südlibanon erzwungen hatte. Und in jüngster Zeit hat Israel erstmals einen nichtarabischen Staat zum Hauptfeind gekürt, die islamische Republik Iran.

Der erste Palästinenseraufstand 1987 bis 1991 im Westjordanland und Gazastreifen stand noch unter der Führung linksnationalistischer Gruppen, der erste Libanonkrieg ab 1982 wurde hauptsächlich noch gegen die PLO und die prosyrische Amal geführt und bis in die 70er Jahre hinein war das sozialistische Ägypten Israels größter Feindesstaat, später dann die von säkularen Bathregimen geführten Länder Syrien und Irak.

Es ist offensichtlich, der Untergang der Sowjetunion und der unaufhaltsame Niedergang des linken Panarabismus führte auf arabischer Seite zu einer Islamisierung des Konfliktes. Auf der israelischen Seite der Barrikade geht diese Entwicklung einher mit einem Niedergang des an der Arbeiterbewegung orientierten aschkenasischen Zionismus. Dieser hat die Besiedelung und Eroberung Palästinas zwar auch mit einem national-religiösem Narrativ aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert legitimiert, das da besagt, es gäbe eine ungebrochene 2000jährige Stammesgeschichte einer jüdischen Ethnie, die die einzig wahre Besitzerin des Landes ist. Doch die nun erstarkende religiöse Rechte und der an Kraft gewinnende politische Messianismus führen diesen religiösen Diskurs bis ins Extrem.

Ein ahistorischer Blick auf den Konflikt läßt einen heute daher rasch zu dem Trugschluß kommen, daß es sich hierbei um einen Religionskrieg handelt, um einen Kampf zwischen Juden und Muslimen. Dieser Gedanke hat an Attraktivität gewonnen, seitdem in der internationalen Politik der „Kalte Krieg“ von der These vom „Kampf der Kulturen“ abgelöst worden ist. In den „clash of civilizations“ läßt sich ein jüdisch-muslimischer Krieg nämlich wunderbar einordnen.

Tatsächlich hat sich die Auseinandersetzung um Israel-Palästina keineswegs verändert. Es handelt sich nach wie vor um einen nationalen politischen Konflikt um Land und Wohnrecht, um einen der letzten Kolonialkonflikte der Weltgeschichte. Die Interessen und Forderungen der Konfliktparteien sind unverändert, lediglich die religiöse Rhetorik ist relativ neu. Dieses Jahr wird, je nach Sichtweise, an 60 Jahre Medinat Israel bzw. an 60 Jahre Nakba gedacht. Dieses Gedenkjahr sollte aber auch dazu genützt werden, um sich in Erinnerung zu rufen, dass das Verhältnis der ältesten und der jüngsten der drei monotheistischen Religionen über viele Jahrhunderte lang sehr gut war. Erinnert sei an dieser Stelle exemplarisch an die muslimisch-jüdische Herrschaft über Spanien, an die vielen jüdischen Minister der Khalifen bis zur Herrschaft von König Ghazi im Irak und der Regierung von Saad Zaglool in Ägypten oder an das gute Zusammenleben, wie es die Kairoer Geniza belegt, der Fund von 200.000 jüdischen Manuskripten in einer Synagoge des 11. Jahrhunderts.

Um den Kulturkämpfern auf beiden Seiten den Wind aus den Segeln zu nehmen, muss auch hervor gestrichen werden, dass es kaum eine religiöse Feindschaft zwischen Juden und Muslimen geben kann. Judentum und Islam sind theologisch einander viel näher als jeweils zum Christentum. Der Islam hat niemals das Judentum zum „Feind Gottes“ weil „Mörder Gottes“ erklärt. Der Koran hält hingegen zeitlos fest: „Und unter Moses Volk gibt es Leute, welche zu der Wahrheit leiten und ihr gemäß gerecht handeln.“ [7:159] Heute oftmals als antijüdisch interpretierte Passagen des Korans beziehen sich nicht auf theologische Grundsätze oder gar auf alle Menschen jüdischen Glaubens, sondern ausschließlich auf die Politik bestimmter jüdischer Gruppen zur Zeit des Propheten.

Es wäre an der Zeit, dass Juden und Muslime an ihre positive Geschichte wieder anzuknüpfen beginnen. Insbesondere die jüdischen und muslimischen Gemeinden Europas könnten hier Pionierarbeit leisten. Als religiöse Minderheiten sind sie oftmals mit ähnlichen Problemen konfrontiert. Es bleibt umstritten, ob es möglich ist Antisemitismus und Islamfeindlichkeit miteinander zu vergleichen. Fakt ist allerdings, dass Parallelitäten unverkennbar sind und dass beide Gruppen mitunter rassistischen Ausgrenzungen ausgesetzt sind. Der lange Schatten des Nahostkonfliktes und die sich selbst erfüllende These vom Kulturkampf hat eine Situation geschaffen, die nahelegt, dass man nur entweder gegen Antisemitismus oder gegen Islamfeindlichkeit sein kann, nicht gegen beides zugleich. Es muss den Communities gelingen, sich dieser unsinnigen Dynamik zu entziehen. Hier können gerade Österreichs Juden und Muslime richtungweisend werden.

Bei alldem darf sich Europa nicht saturiert zurücklehnen und dabei zusehen, wie sich „die Muslime und die Juden die Köpfe einschlagen“. Denn die Ursache für dieses Missverhältnis liegt auch in der christlich-europäischen Politik und Geschichte. (derStandard.at, 26.10.2010)

Tarafa Baghajati ist Obmann der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen, Vorstandsmitglied “Platform for Intercultural Europe PIE” und Mitglied des Ehrenbeirats des European Network against Racism (ENAR).

  • Burn out-Falle

    Ausgebrannt [34]

    Die totale Erschöpfung: Niemand kann auf Dauer alle Aufgaben immer noch besser, noch schneller und noch gewinnbringender erledigen, ohne dabei sich selbst und/oder andere auszubeuten

  • 8.11.2011
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Fritz Wunderlich
28.01.2010 15:53
insertnamehere
 
27.01.2010 18:44
Is der Artikel jetzt 2 Jahre im Archiv gelegen?

Ich dachte, die "Nakba" hat sich 2008 zum 60. Mal gejährt?

Bernout
 
27.01.2010 18:22
Ah, der Herr Baghajati aus dem "Club2" von damals.

http://www.youtube.com/watch?v=wKB8J9JGd5I

Ich musste beim Lesen des Textes unweigerlich mehrmals darüber nachdenken, ob das jetzt bloß wieder eine Form muslimischen Humors ist...

Fritz Wunderlich
28.01.2010 09:41

das war sehr witzig

THE MGT.
27.01.2010 18:06
Ein interessanter Text und in der versöhnlichen Grundtendenz sehr zu begrüßen!

Dennoch ein wenig Kritik: Ob man den Nahostkonflikt als "einen der letzten Kolonialkonflikte" betrachtet ist eher eine Frage des Standpunkts. Wenn die Grenzziehungen gemeint sind, trifft das auf die meisten Konflikte in Afrika genauso, wenn nicht noch deutlicher zu.

Das frühere Zusammenleben von Juden u. Muslimen zu betonen geschieht viel zu selten, aber man sollte dabei nicht auf Konflikte und Pogrome vergessen. Auch die gab es.

Mit der Beobachtung, es wäre "eine Situation geschaffen [...], dass man nur entweder gegen Antisemitismus oder gegen Islamfeindlichkeit sein kann" bin ich überhaupt nicht einverstanden. Man kann sehr gut gegen Beides eintreten.

Dennoch, der Aufruf, sich der Gemeinsamkeiten zu besinnen, ist wichtig und wertvoll.

Acht 1
 
05.08.2010 09:59
Zustimmen

Sehr gut dieser Text.

Fritz Wunderlich
28.01.2010 09:40

was ist daran versöhnlich???
das ist nur eine selbstrepräsentation mit hilfe der schlagzeile, der der folgende inhalt dann völlig widerspricht, denn implizit spricht er seinen vernichtungswunsch gegenüber israel aus, mit den sechzig jahren, gäbe es diesen staat nicht, wäre von seiner seite aus alles in ordnung, da vor israel und dem niedergang der arabisch-osmanischen reiche die juden eine diskriminierte minderheit waren, die halt ab und zu massakriert wurden, wie auch im christlich-säkulären europa

wer auf diesen text hereinfällt, der fällt auch auf jedes lächeln und jede ausgestreckte hand ein, weil er nicht das ganze bild sieht, die starren augen, die versteckte hand

Fritz Wunderlich
27.01.2010 17:56

da capo
am anfang steht juden und moslems, dann wendet er sich sofort israel zu, eh klar, ist ja wie schakfeh aus syrien
schmidinger:
http://www.iidz.at/gastkommentar1.html

Thomas Eppinger
27.01.2010 17:50
"Kulturkämpfer auf beiden Seiten"

Was für eine heuchlerische Verharmlosung islamischer Antisemiten! Nicht Israel hat die Vernichtung der Hamas im Programm sondern umgekehrt, nicht Israel will den Iran aus den Seiten der Geschichte tilgen sondern umgekehrt. Den religiösen Hintergrund auszublenden ist schlichtweg verlogen, Ahmadinejad geht es nicht um Land und Wohnrecht.

Der Kommentar versucht, die Schuld auf beide Seiten zu verteilen. In Wahrheit könnten die Palästinenser aber schon seit Jahrzehnten ihren eigenen Staat haben, wenn sie nur wollten. Siehe hierzu auch Claudio Casulas hervorragenden Text auf http://wp.me/p9Wel-H0

Zum Thema auch mein Text auf http://wp.me/pi0jo-jR, der sich vor allem mit der deutschen Perspektive auseinandersetzt.
(zuerst falsch gepostet)

grumbleduke
 
27.01.2010 19:20
Zu Ihrer Satire "Verliebt in die Täter"

Der 10000. Aufguss von "Israelkritik ist Antisemitismus". Haben Sie auch was mit Hand und Fuß auf Lager oder bleibt es bei Blog-Niveau?

Timagoras
 
29.01.2010 12:09
"Der 10000. Aufguss von "Israelkritik ist Antisemitismus""


davon gibt es weder einen 10000. noch einen 10. aufguss, denn eine derartige aussage ist weder hier noch sonstwo von irgendjemandem je gemacht worden.

sie muss also Ihrer phantasie entspringen.

fragt sich nur: warum?

grumbleduke
 
30.01.2010 16:11
Hallo Timmi

den oben verlinkten Artikel auch gelesen.

Und - falls ja - auch verstanden?

Thomas Eppinger
27.01.2010 19:13

Sorry, da hat ein Komma den zweiten Link zerstört. Hier noch einmal: http://wp.me/pi0jo-jR

zwurbelbart
 
27.01.2010 18:35

Ihrer Meinung nach liegt also die Schuld nicht bei Israel.

Ich behaupte dagegen, dass es unmöglich is einen "Schuldigen" oder einen "Bösewicht" zu finden, da (man muss nichtmal weit zurückblicken) immer beide Seiten zu eigenem Vorteil gehandelt haben und handeln.

Meiner Meinung nach ist es daher völlig sinnlos und irrelevant einen Schuldigen zu bestimmen, da dies immer vom Standpunkt abhängen wird. Wenn sie einem Palästinenser im Westjordanland fragen, wer Recht hat werden sie eine andere Antwort bekommen, als wenn sie einen Israeli aus Tel Aviv fragen.

Die einzige Möglichkeit ist einfach einen Weg der Kooperation auf einer alltäglichen Basis zu finden und die Situation zu "entladen". Wie weiß ich allerdings auch nicht....

Bernout
 
27.01.2010 18:04

Zweiter Link funktioniert nicht ("Entschuldigung. Du suchst nach etwas, das es hier nicht gibt.").
Meinten Sie "Verliebt in die Täter"?

Gerry Mander
27.01.2010 16:44
bei jeder diskussion über das thema islam und seine toleranz

wird andauernd auf gewisse, geschichtlich isolierbare perioden, hier el andalus, hingewiesen, die, wenn man sie genau analysiert auch nicht tolerant waren (siehe einige der untenstehenden postings) - aber zumindest hat man halt einen referenzpunkt.

Das ist genauso als wenn man heute, dem 27.01. (dem tag der befreiung von ausschwitz) darauf hinweist dass deutschland ja das land der philosophen ist - es hat in dem zusammenhang einfach nichts (oder nur als kontrapunkt etwas) zu suchen.

Was ist die realität der toleranz in islamischen ländern, heute?

Und dann kommt eben wieder dieses gelabere: ja es schaut nicht so gut aus, aber damals war ja alles besser!

Fritz Wunderlich
27.01.2010 15:44

die iggiö, eine syrische kabale

max ritz
27.01.2010 15:18
Israel hat erstmals einen nichtarabischen Staat zum Hauptfeind gekürt

ich wußte gar nicht, daß Israel drohte den Iran von der Landkarte zu 'wischen'?
anders herum gab es diese Aussprüche schon mehrmals und in verschiedenen Varianten.

Anti-mens
27.01.2010 18:36
um einem unüberlegten handeln israel zuvor zu kommen:

der iran sollte UNO-truppen rund um seine atomindustrieanlagen akzeptieren.

wetten, sollte es israel wagen, die anlagen anzugreifen, dass es israel wurscht wäre, wenn blauhelme sterben würden?

ich erinnere nur mal an den libanon, osirak, syrien usw...... :-(

Fritz Wunderlich
28.01.2010 09:32

anti-mens und erinenrn?
ein nicht nur performativer widerspruch?

Mag.Engeschwür
27.01.2010 20:11

Dass Israel die ständigen Vernichtungsdrohungen des
Irans bzw. dessen terroristischen Arms, der Hamas
ernst nimmt, kann Ihnen wohl keiner verdenken...

kruja
27.01.2010 15:16
ausgezeichneter artikel

solange ich in il lebte, habe ich genau das immer wieder gesagt. juden+muslime haben keine feindschaft, wir kennen beide sogar etw., was christen nicht kennen-absol. monotheismus+bilderverbot, womit wir eine klammer sind. dazwischen bewegt sich ein "christentum", das in einer art supermarktmentalität+unverständnis bzw hass, mal etw. ausborgt+dann wieder verfälscht.

wir dürfen beide nie vergessen, dass wir in spanien sehr gut miteinander gelebt haben, bis christl. "reconquista"-massenmörder ein blutbad an uns beiden vollzogen haben, das zumind. ich denen nicht vergessen kann+auch nicht will. ebensowenig deren schuld an auschwitz, wo viele meine fam. starben. bis heute prakt. christen ihre kreuzrittermentalität, zuletzt serben in bosnien.

Lethawae
27.01.2010 18:55

Ist schon gut, Mustafa.

dr mike
27.01.2010 17:49

Lesen sie den Post von Makronaut. Das ist nur ein Auszug aus einer unendlich langen Liste

dr mike
27.01.2010 17:47

Der Schmus über die Jüdisch-moslemische Harmonie ist nichst anderes als ein Märchen. Juden waren in der mosl Welt ebenso der Willkür ihrer Gastgeber ausgeliefert wie im chritsl Abendland. Juden werden als Dhimmis bezeichnet die alles andere als gleiche Recxhte hatten wie moslems. Zeugenaussage eines Juden - wertlos. Die Benevolenz der moslems war immer an Judensteuern gebunden die an den Herrscher zu entrichten war. Sie trauen einer Legende nach. Fragen sie irakische syrische marokkanische ägypt usw Juden ... Habe ich alles getan. Dann posten so einen Schwachsinn nicht mehr

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