Ode an Teamchef

"Sigurdsson halten, koste es, was es wolle"

26. Jänner 2010, 17:56

Harry Dittert erklärt, wie Österreich von der Handball-EM nachhaltig profitieren soll: "Diese Sternstunde unseres Sports hat in seinem Kopf begonnen"

Wien - Den Top-12-Platz nimmt Österreichs Handballern niemand mehr weg, die Norweger ebenso wenig wie die Kroaten. Vielleicht geht sich sogar eine einstellige Platzierung aus, das weist sich am Donnerstag (18), wenn in der Wiener Stadthalle zum Abschluss der Hauptrunde die Russen warten. Was vom Überstehen der Vorrunde, vom sensationellen EM-Erfolg also, bleiben kann und soll? "Viel" , sagt Harry Dittert, "diesmal wirklich viel." Denn diesmal gebe es ein Konzept zum Thema Nachhaltigkeit. Im Gegensatz zu 1992, als Österreich via Heim-B-WM die kurzfristige A-Klassigkeit erreichte und daraus genau gar nichts entstanden ist.

Dittert (70) war, was wenig zur Sache tut, Teil jener Mannschaft, die 1966 WM-Bronze im Feldhandball holte, er gab aber auch, nachdem Handball in die Halle übersiedelt war, einen Teamchef (1977-81) und einen Teammanager (1998-2000). Und er führte den Verein Westwien in den 80ern in die Erstklassigkeit, auf dass Westwien unter Vinko Kandija sensationelle Erfolge feierte, beispielsweise in der Champions League 1993/94, als alle Heimspiele gewonnen wurden.

Es sind laut Dittert zwei Schienen, auf denen Handball in Österreich fürderhin transportiert werden soll. Erste Schiene: die Vorbilder, das Nationalteam. "Es ist das Aushängeschild, es muss zusammengehalten werden, es hat Perspektiven, es verfügt über genügend Jüngere. Es kann sich für die nächste WM qualifizieren. Und auch eine Olympia-Teilnahme ist keine totale Utopie." Die Voraussetzung: "Man muss unter allen Umständen den Teamchef halten. Koste es, was es wolle. Diese Sternstunde unseres Sports hat in seinem Kopf begonnen."

Dagur Sigurdssons Vertrag mit dem Handballbund (ÖHB) läuft freilich mit der EURO aus, darüber hinaus ist der Isländer den Füchsen Berlin im Wort, die er in der deutschen Bundesliga betreut. Die Füchse gehen davon aus, dass sich Sigurdsson bald ausschließlich auf sie konzentriert. Dittert: "Der ÖHB muss Sigurdsson klarmachen, dass er zwar viel gesät, aber längst nicht alles geerntet hat. Er kann sich mit Österreich noch weiter profilieren."

Zweite Schiene: der Nachwuchs. "Der Sport muss an die Schulen gehen" , sagt Dittert. "Da müssen sich die Vereine mit ihren Trainern einbringen." Dittert hat nie verstanden, wieso das seinerzeitige Westwien-Modell nicht kopiert wurde. Ein Gymnasium (Astgasse) hatte dem Klub reihenweise Talente geliefert, die er zu einer Einheit formte, womit er gänzlich ohne Legionäre auskam.

Laufen, springen, werfen

Der ÖHB sei gefragt, er müsse Vorgaben liefern, den Landesverbänden, den Vereinen. Handball, sagt Dittert, sei überaus jugendtauglich, weil eine von wenigen Sportarten, in denen sich die drei Grunddisziplinen treffen, das Laufen, das Springen, das Werfen. Und Handball habe, gegenüber Fußball beispielsweise, den Vorteil, dass man weniger Platz benötige. "Es laufen genügend Kinder herum, die nur darauf warten, dass sie dazu angeregt werden, sich zu bewegen."

Dittert zählt Länder auf. "Dänemark, Norwegen, Schweden, die Schweiz, Slowenien, Kroatien, Serbien. Und natürlich Island." Schweden und Serbien haben unwesentlich mehr, die anderen haben weniger Einwohner als Österreich. "Doch sie alle haben eine echte Handball-Kultur. Die fehlt strukturbedingt in Österreich." Aber Harry Dittert sagt auch: "Es ist nie zu spät." (Fritz Neumann - DER STANDARD PRINTAUSGABE 27.1. 2010)

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15 Postings
XYZ123
00
29.1.2010, 08:26
Legionäre

Leider sind in den österreichischen Vereinen oftmals Legionäre die Leistungsträger. Das frustriert den österreichischen Nachwuchs und blutet die Vereine finanziell aus. Wirklich ambitionierte Österreicher verdingen sich im Ausland - zB in der zweiten liga in Deutschland - wahrscheinlich weil sie zuhause in jungen Jahren keine attraktiven Positionen spielen können.

cendo
00
28.1.2010, 12:13
serbien hat weniger einwohner als ö

duke box
00
28.1.2010, 14:18

aber österreich und serbien zusammengenommen gibts mehr serben als österreicher.

angmar hexenkönig
00
27.1.2010, 12:53
Gscheit wäre es ...

...wenn sich deer ÖHB jetzt schon Gedanken um Sigurdsons Nachfolge macht.

Berlin wird ihn nicht freigeben, und für eine zweifelhafte WM-Quali bleibt der nicht hier und pfeift auf die Bundesliga.

Vielleicht gibt es ja einen anderen Skandinavier, der darauf Lust hat und sich hier ins Rampenlicht bringen will?

Der Verband sollte sich mit Sigurdson zusammensetzen und ihn fragen, ob er vielleicht seine Nachfolge noch selbst regeln will, das wäre das Vernünftigste.


Und nicht so deppert wie der ÖFB keinen Plan B in der Tasche haben (damals nach dem Hickersbergerabgang).

Meiner Befürchtung nach sind Sportfunktionäre nämlich alle gleich naiv, Sportartunabhängig.

Sonst wären sie ja keine Funktionäre

Robert Mayreder
00
27.1.2010, 21:51
ÖHB, bitte lerne vom unsäglichen ÖFB, wie man es nicht machen darf

Richtig. Wenn Sigurdsson nicht zu halten ist, dann muss bereits Plan B ausgereift sein. Negativ-Beispiel ist ja der ÖFB, wo man sich jetzt mit einem taktischen Ignoranten als Trainer (Geht´s ausse und spüts euer Spü) abärgern muss (jeder Kleinverband hat einen besser geschulten Trainer als Österreich), der in der Vorbereitungszeit, wo Kondition geschunden wird, in die Türkei fährt, um Spieler zu beobachten. Vielleicht reift dort ja die Überlegung, wer die 4 Innenverteidiger sind, mit denen er spielen möchte. Dem ist wohl in Ö momentan zu kalt und gönnt sich ein wärmeres Gefilde.

beob achter
00
27.1.2010, 12:05
Trainersituation

Was nützt mir der beste Teamtrainer, wenn in den Vereinen weiterhin mit durchschnittlichem Personal gearbeitet wird. Derzeit gibt es mit Liptak (auch Nationaltrainer der Tschechen) in Bregenz lediglich einen Topmann in der Liga.
Da sollte ein Umdenken einsetzen, bevor die Klubs drei durchschnittliche Ausländer verpflichten, wäre das Geld in einen erstklassigen Vereinstrainer auf Dauer besser investiert.

Petra Bleicek
10
27.1.2010, 09:29
Dadur 2-Minuten Sigurdsson

Vor allem wird es einige 2-Minuten-Strafen kosten.

Shanajio
00
27.1.2010, 00:23

Das wichtigste ist, dass der Verband die Besten arbeiten lässt, und verhindert, dass sich irgendwelche "Ich will auch am Erfolg verdienen" Leute breitmachen.

Wie auch im Artikel gesagt: Der Boom muss anhalten. Obwohl Sigurdsson ein außergewöhnlicher Trainer ist, kann sicherlich auch ein anderer seinen Weg weitergehen, falls er sich wirklich dafür entscheidet exklusiv für die Füchse zu arbeiten.

Ich weiß ja nicht wie es um die Jugend steht, aber nachdem eigentlich jedes Jahr ein Handball Großereignis stattfindet (EM und WM sind alle zwei Jahre, nicht vier wie beim Fußball), gibt es genug Möglichkeiten den Boom am Leben zu erhalten.

Mork vom Ork
00
27.1.2010, 10:24

A) nur wenn das öffentlich rechtliche dieser sportart auch ein wenig atem lässt..

B) Sigurdsson sollte mastermind sein, er kann auch mit einem sehr guten Assistent einiges machen, aber in der kritischen phase braucht man einen 100% Coach.

Er passt einfach von der Mentalität, der Einstellung, der Taktik perfekt zu underdogs, die nur über den fight mithalten können.

ob das zeitlich mit den Berlinern zusammen passt?

Track123
01
27.1.2010, 00:18

Man stelle sich vor was wir mit einem richtigen Trainer im Fussball alles erreichen könnten.

Dante Alighieri
00
27.1.2010, 04:23

Naja, so einfach ist das auch wieder nicht -- beim Fußball sind die Leistungsunterschiede zwischen den Teams doch deutlich größer weil der Sport viel professionalisierter und verbreiteter ist, was Leistungsunterschiede stets vergrößert. Natürlich ist ein guter Trainer wichtig, sowohl fachlich als auch motivationsmäßig, aber gewinnen müssen schon noch die Spieler selbst.

DereMann
00
27.1.2010, 11:48

"professionalisierter" .. was für ein Schwachsinn.
Gebe Track123 vollkommen recht. Allein, dass ein Didi vorm Litauen-Match meint, dass Video-Analysen ein falsches Bild des Gegners vermitteln (??!?) und nach dem Island-HB-Spiel zu hören ist, dass die HB-Burschen durch individuell angepasste DVDs die Wege eines jeden Gegenspielers sowie die eigenen Fehler vorgeführt bekamen, zeigt mit wieviel taktischem Feinschliff bei den einen sowie den anderen vorgegangen wird.

speeddemon
00
27.1.2010, 10:33

nur werden die leistungsunterschiede beim fussball in der regel nicht so manifest wie beim handball: als (deutlich) schlechteres team im fussball kannst du mit mauern und glück ein x holen, beim handball gehst du mindestens mit -10 in die kabine.

Mork vom Ork
00
27.1.2010, 10:29

das mag für österreich 100% stimmen.

In anderen Ländern, in denen Handball keine Randsportart ist, nur bedingt... der leistungsunterschied ist auch nicht exponentiell.

da sind profis profis.

ich durfte einmal als 18jähriger gegen Magdeburg spielen und es war berauschend von der stimmung (und ernüchternd von der körperlichen und technischen unterlegenheit). Mit kampf und krampf wars dann nur ein einstelliger torunterschied...

was soll man sagen, wenn man mit 1,90 der kleinste in der gegnerischen mannschaft wär und locker 15kg gewichtunterschied da sind.

Wir waren für österr. Verhältnisse fast schon professionell mit 4-5 Trainingseinheiten/woche, dort war die ganze Schule auf Handball ausgerichtet, und vom Talentepool her...pff

99Problems
00
26.1.2010, 21:55

Wird's leider nicht spielen, Bob Hanning wird Sigurdsson nicht teilen und das betont er im DSF regelmäßig.

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