Kritiker der Globalisierung suchen neue Wege

26. Jänner 2010 17:34

Zehntes Weltsozialforum startete in Rio Grande do Sul mit 10.000 Demonstranten

Mit der traditionellen Demonstration hat am Montag in Südbrasilien das zehnte Weltsozialforum begonnen. Gut 10.000 Menschen zogen durch die Innenstadt - viel weniger als sonst, denn heuer handelt es sich um kein zentrales Mega-event. Porto Alegre bildet nur den Auftakt für 27 regionale und thematische Foren in aller Welt.

Das Weltsozialforum sei eine Erfolgsgeschichte, findet Mitbegründer Oded Grajew. "Vor dem ersten Forum 2001 wurden wir vom damaligen Präsidenten Fernando Henrique Cardoso als Maschinenstürmer verspottet" , erinnert sich der Ex-Unternehmer. Inzwischen hätten die Neoliberalen abgewirtschaftet, "unsere Forderungen haben die Welt verändert" .

In vielen Bereichen habe sich die staatliche Politik geändert, stellt er fest: "Die gesamtamerikanische Freihandelszone ist vom Tisch, stattdessen reden die großen Länder des Südens bei den G-20 (zwanzig größte Industrie- und Schwellenländer, Anm.) mit. Jene Regierungen, die den Binnenmarkt stärken, die Schulden abgebaut und Handelsbeziehungen diversifiziert haben, sind in der Krise am besten gefahren."

In Porto Alegre liegt der Fokus auf dem internationalen Strategieseminar, auf dem das Spektrum der Globalisierungskritik abgearbeitet wird. João Pedro Stedile von der brasilianischen Landlosenbewegung MST bedauerte, dass es nicht gelungen sei, internationale Massenproteste anzustoßen. Er forderte zudem mehr zivile Hilfseinsätze im Erdbebenland Haiti: "Dort werden Ärzte, Lehrer und Agronomen gebraucht, nicht Soldaten." Präsident Luiz Inácio Lula da Silva solle Trinkwasserzisternen und Saatgut schicken, anstatt die Militärpräsenz aufzustocken.

Die Weltbürgerbewegung sei nicht sichtbar, klagte Attac-Aktivistin Susan George, "wir haben 2009 eine große Chance vertan." Der portugiesische Soziologe Boaventura de Souza Santos sagte, angesichts der "enormen Regenerierungsfähigkeit des Kapitalismus" müsse auch das Weltsozialforum neue Wege gehen. Konsens herrscht darüber, dass Finanzkrise und Klimawandel eine Abkehr vom Raubtierkapitalismus erfordern. So setzen Indianer und Intellektuelle aus den Andenländern Ecuador, Peru und Bolivien auf die Vision vom "guten Leben".

Das Konzept passt zur Debatte um Gemeingüter. Ziel sei eine Gesellschaft, "die jenseits von Markt und Staat Entfaltungsmöglichkeiten für den Einzelnen und bessere Lebensbedingungen bietet", sagte die Referentin Silke Helfrich. (Gerhard Dilger aus Porto Alegre/DER STANDARD, Printausgabe, 27.1.2010)

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22 Postings
Ernst Guevara
27.01.2010 08:49
wenn der kleinste gemeinsame nenner die abkehr vom "raubtierkapitalismus" ist,

dann finde ich es gut, dass diese bewegung scheitert. es gibt keinen "raubtierkapitalismus", denn dieser begriff impliziert, dass es auch einen lieben, netten und zahmen kuschelkapitalismus gibt. aber den gibt es nicht. die widersprüche des kapitalismus sind immer die gleichen, es gibt höchstens verschiedene varianten. früher hatte der staat grösseren einfluss im kapitalismus, aber deshalb war der kapitalismus nicht weniger scheisse als er es jetzt ist, wo ihm keine grenzen mehr durch den staat gesetzt werden. wer ein problem mit den symptomen des kapitalismus hat, muss an die wurzeln des problems gehen und daher reicht es nicht, nur gegen eine extreme variante des kapitalismus aufzutreten. systemwechsel statt symptombekämpfung.

Aracni Santini
28.01.2010 12:51
er meint damit Raubbau ohne jede Konsequenz

egal ob an den Menschen oder an der Natur. Beides kostet eine Nation extrem viel. Vielleicht kommen die Firmen langsam auch drauf. Nachhaltiges wirtschaften fordert er ein. Gesund für den Menschen, gut für die Umwelt.

Rainer Sarkasmus
27.01.2010 11:06
solange

die an der macht sind, die vom system profitieren und die weniger priviligierten "nur" in diversen foren posten ;o) wird es keinen systemwechsel geben

rubbberduck
27.01.2010 15:04

gott sei dank sind diejenigen die prokapitalismus sind an der macht und nicht die anderen

europa fassen
28.01.2010 00:05

wer sind denn die anderen?

Wäre ich Psychologe, dann würde ich jetzt sagen: "Erzählen Sie doch mehr davon, welche Ängste steigen da auf?"

Als welche Art von Ungeheuer stellen Sie sich Nichtprokapitalisten eigentlich vor?

wer wenn nicht er
27.01.2010 08:40
"Ziel sei eine Gesellschaft, die jenseits von Markt und Staat Entfaltungsmöglichkeiten für den Einzelnen und bessere Lebensbedingungen bietet"

Also ich persönlich sehe tendenziell einen starken Zentralstaat als Bedrohung von Freiheit für den Einzelnen, da nur mit Hilfe von Staaten systematische Unterdrückung von Bürgern möglich ist. Soweit verstehe ich's.

Aber was ist mit "jenseits vom Markt" gemeint? Wer soll jemandem sein Essen bezahlen, wenn es nicht entweder durch ein (privat- oder staatswirtschaftliches) Gehalt oder eine (private oder staatliche) soziale Umverteilung erfolgt?

Irgendwo fehlt mir offenbar eine fundamentale Idee.

Letztlich wird alles was wir haben durch ARBEIT geschaffen. Diese wird durch Tauschhandel belohnt (zB Arbeit gegen Lohn). Der Staat schöpft bei allen Verträgen ca. die Hälfte ab und verteilt sie um.

Was suchen die neben Markt und Staat?

Ernst Guevara
27.01.2010 08:58
na, es gibt doch alternativen!

es ist auch gar nicht so schwer umzusetzen: einfach die produktionsmittel den arbeiterInnen in die hände geben, sodass sie ihre arbeitskraft nicht mehr länger verkaufen brauchen. das privateigentum an produktionsmitteln wird abgeschafft und die produktion wird durch die arbeiterInnen selbstverwaltet. somit wird die funktion des chefs völlig überflüssig, denn die arbeiterInnen sind selber schlau genug, die produktion aufrechtzuerhalten und brauchen also keinen vorgesetzten. die wirtschaft zielt dann auch nicht mehr auf profitgenerierung für einzelne private unternehmer, sondern sie orieniert sich an den gesellschaftlichen bedürfnissen. es wird daher planmäßig produziert, die anarchie der kapitalistischen produktion wird beendet.

wer wenn nicht er
15.02.2010 22:06
Sie gießen es zwar in marxistische Sprache

Was Sie aber sagen ist nichts weniger als: Der Einzelne soll Unternehmer sein und selbst das unternehmerische Risiko tragen.

Ihr Fehler ist jedoch, dass die Anderen auch von einem Unternehmer einen marktkonformen Preis fordern. Wer zu teuer ist geht pleite, wer nicht rechtzeitig aus einem schrumpfenden Markt in einen Wachstumsmarkt wechselt geht pleite. Wer nicht ausreichend am Ball belbt geht pleite.

Derzeit sind nicht alle Menschen bereit, dieses Risiko, Stress und (Eigen-)Verantwortung zu tragen.

Sie sind selbständig, nehme ich an?

Einer Übertragung vin "Produktionsmitteln" ist schon lange nicht meht nötig, da heute 2/3 aller Jobs DIENSTLEISTUNG sind. Dazu braucht man nur Bildung, keine Maschinen.

insertnamehere
 
28.01.2010 07:29
Die ganze Wirtschaft produziert dann also nach Plan und das ohne Chefs.

Der PlanTM manifestiert sich quasi als Synthese des Willens aller Mitglieder der Gesellschaft, eingedenk natürlich der Tatsache, dass es nicht möglich ist, auch nur einem einzigen Betrieb bzw. seinen Arbeitern vorzuschreiben, was sie zu produzieren haben (und dass sie zB nicht die ganze Fabrik samt Maschinen einfach verkaufen und in der nächsten anheuern, die ihnen dann sofort ebenfalls anteilsmässig gehört).

Nun sind wir heute zwar schon ERHEBLICH besser vernetzt als noch vor 150 Jahren, von einem Borg-artigen Kollektiv sind wir allerdings noch Welten entfernt. Wie diese gesamtgesellschaftliche Willensbildung zB in Bezug auf den idealen Bleistift funktionieren soll, erschliesst sich mir also nicht so ganz.

Die Stimme des Marktes
27.01.2010 13:30
Literaturtip: Animal Farm, George Orwell

Davon abgesehen: Viel Spaß, wenn in einer Gruppe von 20 (mindestens) 8 Gscheiterln sind, von denen jeder Einzelne ganz alleine weiß, wie`s richtig geht...
Viel älter als 15 kannst Du nicht sein...

Euroumrechner
27.01.2010 13:43

Selbst wenn er nur 15 ist, ist er weiser als sie.

Und nur weil sie einen beschränkten Horizont und keinerlei Phantasie haben heißt das nicht, dass diese Utopie nicht vernünftig wäre.

Die Stimme des Marktes
27.01.2010 13:55
Schön ja, vernünftig eindeutig nicht.

Die "Natur" des Menschen lässt sich anhand seiner zig-1000-jährigen Historie ("Track Record") studieren und legt nahe, daß derartige Träumereien in nichts anderes als Diktatur (welcher Art auch immer) münden.
Und warum ist die "Vergesellschaftung der Produktionsmittel" auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet? Richtig, weil sie dort hingehört.

Ernst Guevara
27.01.2010 14:53
interessantes argument,

aber inwiefern eine vergesellschaftete produktion zur diktatur führt, das müssen Sie noch erläutern! der weg dorthin erscheint mir alles andere als logisch. und welche "natur" meinen Sie? immer wieder spannend, wie man bei einer diskussion über alternative wirtschaftsformen ganz schnell bei der angeblichen "natur" des menschen landet! der punkt ist doch: menschen sind soziale wesen, d.h. sie werden durch ihr soziales umfeld sozialisiert und geprägt. der kapitalismus bringt die schlechtesten eigenschaften im menschen zum vorschein wie egoismus u.a. vielleicht sollte man es zur abwechslung mal darauf ankommen lassen und schauen, welche eventuell guten eigenschaften eine gesellschaft zum vorschein bringt, die mehr auf die bedürfnisse setzt.

insertnamehere
 
28.01.2010 07:41
"vielleicht sollte man es zur abwechslung mal darauf ankommen lassen"

In dem Fall sollte man zur Abwechslung vielleicht mal mit etwas anfangen, wo es eher verschmerzbar ist, wenn der ganze Industriezweig dann zusammenkracht.

Die bisherigen Versuche, wo man es zB bei der Lebensmittelproduktion "mal drauf ankommen hat lassen", waren ja nicht so unbedingt segensreich, als es dann komplett unvorhersehbar schief gegangen ist.

Im übrigen sind "die Bedürfnisse" der Menschen dermassen unterschiedlich und individuell, dass man sie nicht mittels eines PlansTM befriedigen KANN.

Wenn zB EINE Instanz das Monopol über das Druckereigewerbe /den Buchhandel (oder besser: Verteilung) hat UND diese Instanz gleich dazu noch entscheidet, nach welchen Büchern die Leute ein Bedürfnis zu haben haben, dann IST das diktatorisch.

Ernst Guevara
28.01.2010 08:56
wie auch immer

sicher kann man darüber diskutieren, wie man im detail an die probleme herangeht. tatsache ist aber, dass im kapitalismus für die überwiegende mehrheit nicht einmal die elementarsten bedürfnisse befriedigt werden. man kann darüber streiten, wie man die bedürfnisse feststellt, um wirklich jedes individuelle bedürfnis zu decken oder man kann diskutieren, wie die produktionsketten organisiert sein müssen, damit die produktion nicht zusammenbricht. aber an der tatsache, dass der kapitalismus nicht in der lage ist und auch gar nicht zum ziel hat, die voraussetzungen dafür zu schaffen, dass alle menschen ein glückliches und zufriedenes leben haben, an dieser tatsache kommt man nicht vorbei. daher systemwechsel notwendig.

insertnamehere
 
29.01.2010 01:05
BITTE?

Eine DETAILFRAGE?

Und versuchenS bitte nicht, sich zu drücken, das wär unter Ihrer Würde.

Es ging um die Frage, inwiefern eine "vergesellschaftlichte" Produktion zur Diktatur führen könnte.

Ich hab daraufhin ein ganz konkretes Beispiel genannt.

Das daraufhin zur "Detailfrage" erklärt wird, die man sich zu gegebener Zeit anschaun wird müssen.

Mein Vertrauen in meine Befreier von linker Hand rast grade ins Unermessliche. Können Sie mir mein Misstrauen ernsthaft verdenken?

SIE würden MIR vertrauen, wenn ich dasselbe Argument brächte? Ja?

DANN fühle ich mich geschmeichelt. Ich täts NICHT.

(Ich würd Ihnen im übrigen natürlich tatsächlich nichts tun. es sind aber nicht alle so vertrauenswürdige Leute wie wir beide, okay?)

Klaus Woltron
27.01.2010 06:44
Das Elend der Systemveränderer....

...setzt sich weiter fort: Ohne logische und praktikable Alternativen wird es bei Umzügen, Radau und zahllosen Diskussionskränzchen bleiben. Inzwischen geht das alte Spiel unverdrossen weiter. Merken die denn das immer noch nicht? siehe

https://www.woltron.com/fileadmin... nderer.pdf

Hamit_Hatemi
26.01.2010 20:04

Kapitalismus ist nicht schlecht.

Student der Magie
26.01.2010 21:45
es kommt wohl darauf an für wen;), eines ist

definitiv: beim Kapitalismus gibt es mehr Verlierer als Gewinner.
Es teilen sich ganz ganz wenige nahezu alles, der große Rest kämpft um die Brösel.
Zudem fördert der Kapitalismus den ungezügelten Raubbau an der Natur und deren Zerstörung, ebenso Gennahrungsmittel, hohe Arbeitslosenraten durch Fusionen, Auslagerungen, Verknappung des Personals wegen Gewinnmaximierung für Aktionäre, Konzentration der Macht auf die ganz wenigen Reichen, also die Zentralisierung der Macht und am Ende der Tage die totale Verschmelzung von privatem Betrieb (wahrscheinlich Bank) und Staat, also der Verschmelzung von Wirtschaft und Staat, was wiederum Faschismus darstellt;(
im Kapitalismus ist die Schere zwischen arm und reich sehr groß, Ausdenhnungskriege,...

insertnamehere
 
28.01.2010 07:50
"also der Verschmelzung von Wirtschaft und Staat, was wiederum Faschismus darstellt"

Und einer "vergesellschafteten Produktion", in der Staat (also die organisierte Gesellschaft) und Wirtschaft irgendwie genauso verschmolzen sind, VERDÄCHTIG ähnlich sieht.

Raubbau an der Natur und Zerstörung derselben hat die Menschheit bisher übrigens bisher in JEDEM Wirtschaftssystem zustande gebracht, Ausdehnungskriege ebenso.

*space
26.01.2010 22:23

das heißt nicht Faschismus, sondern staatsmonopolistischer Kapitalismus.

Student der Magie
26.01.2010 23:44
ich persönlich würde beide Begriffe nicht als falsch bezeichnen.

Vielleicht können wir uns darauf einigen?

Finanzideologie als Staatsmacht ist, mit all den Folgen doch auch irgendwo faschistisch.

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