Ökonom Kenneth Rogoff

"Werden einige Staats­pleiten in Europa sehen"

26. Jänner 2010, 18:43
  • Artikelbild
    foto: iwf

    Kenneth Rogoff

Rogoff erklärt, warum nicht alle Staaten in Europa ihr Budget sanieren werden können und die Überschuldung auch Österreichs Banken bedroht

STANDARD: US-Präsident Obama ist in die Offensive gegangen und schlägt eine Bankensteuer vor. Was halten Sie von der Idee?

Rogoff: Die Steuer selbst ist nur eine Nebensache. Die wirklich wichtige Ankündigung Obamas war sein Plan, die Aktivitäten der Großbanken zu beschneiden.

STANDARD: Der US-Präsident will wieder eine stärkere Trennung des klassischen Bankgeschäfts vom risikoreicheren Investmentbanking. Halten Sie das für sinnvoll?

Rogoff: Ich bin froh darüber, dass Obama begonnen hat, über einen fundamentalen Wandel im Bankensystem zu sprechen. Allerdings ging es ihm bei seinen Vorschlägen mehr um die politische Auswirkung, als darum, das Finanzsystem unter Kontrolle zu bringen. Alles in allem: Ich finde seine Ideen sympathisch, aber ein wenig extrem.

STANDARD: Inwieweit extrem?

Rogoff: Im Dienst an den Kunden sollten Banken gewisse Risiken eingehen dürfen. So macht es wenig Sinn, Banken das Handeln auf eigene Rechnung ganz zu untersagen. Gefehlt hat mir im Obama-Plan auch eine Strategie gegen die kurzfristige Verschuldung der Banken. In unserem Buch "This Time is Different" haben Carmen Reinhalt und ich gezeigt, dass die massive kurzfristige Verschuldung im Finanzsystem Auslöser vieler Krisen ist. Dabei geht es darum, dass die Banken Darlehen mit extrem kurzer Laufzeit aufnehmen, um ihre Geschäfte zu finanzieren. Schulden werden also andauernd fällig, die Banken müssen daher in extrem kurzen Abständen gigantische Geldmengen am Markt auftreiben. Wenn das Vertrauen verschwindet, implodiert das ganze System.

STANDARD: Ein andere Kritik ist, dass Obama nicht gegen zu große Banken vorgehen will?

Rogoff: Ich bin mir aber auch nicht sicher, inwieweit Größe ein Problem ist. Große Banken sind so diversifiziert, dass sie nur bei systemischen Krisen in Schwierigkeiten geraten. Wenn wir eine riesige Bank in 20 Teile aufspalten, werden sich die Probleme nicht lösen. Eine große Krise würde dann die kleineren Banken gleichzeitig ruinieren, und wir müssten 20 Banken retten.

STANDARD: Als Folge der Krise ist die Verschuldung vieler Staaten angestiegen, darüber wird auch beim Weltwirtschaftsforum in Davos heftig gestritten werden. Sehen Sie die Verschuldung als Gefahr?

Rogoff: Absolut. Im Zuge von internationalen Bankenkrisen kommt es regelmäßig zu einer Krise der Staatshaushalte. Europa und Osteuropa werden zum Ground Zero für dieses Problem werden. Der Währungsfonds hat viel Geld und wird die Mittel ausgeben, um Staaten aufzufangen. Das wird Zeit bringen. Aber es wird schwer werden, alle Länder aufzufangen, weil einige Schulden in solcher Höhe angehäuft haben, dass das untragbar ist. Solange die Länder Geld zu günstigen Konditionen erhalten, können sie einer Pleite noch entgehen. Aber ich sehe wenige Staaten, die politisch in der Lage sind, rigide Sparprogramme umzusetzen. Über die kommenden Jahre werden wir also einige Staatspleiten in Europa sehen.

STANDARD: Aber der Währungsfonds (IWF) hat bereits massiv interveniert. Wer ist noch gefährdet?

Rogoff: Ukraine, Lettland, Rumänien, Ungarn, Griechenland. Irland hat Probleme, auch Portugal. Der IWF hat den Staaten Zeit verschafft. Aber die Herausforderungen werden nicht alle bewältigen.

STANDARD: Das Problem trifft also besonders Osteuropa.

Rogoff: Das Problem trifft nicht nur, aber vor allem Osteuropa.

STANDARD: Könnte auch Österreich ins Trudeln geraten?

Rogoff: Bisher haben großen Länder wie Deutschland, USA, Japan und der IWF weitreichende Garantien abgegeben und Osteuropa stabilisiert. Aber das wird zurückgefahren werden. Für Staaten, deren Banken massiv in der Region engagiert sind, wird das eine sehr herausfordernde Zeit. Österreich ist heute weniger in der Region exponiert als vor einem Jahr. Aber es ist noch nicht über dem Berg.

STANDARD: Droht Österreich der Bankrott?

Rogoff: Nein. Aber eine Bankenkrise. (AndrásSzigetvari, DER STANDARD, Printausgabe, 27.1.2010)

Zur Person

Kenneth Rogoff ist Wirtschaftsprofessor in Harvard; er war IWF-Chefökonom. In Davos spricht er über "The next global crisis".

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 142
1 2 3 4
Lars Jonka
00
29.1.2010, 15:55
Hr. Rogoff darf eine Drohung übermitteln:

Wenn Europa nicht massiv mithilft, den Kollaps des Dollars zu verhindern, werden sie über Staatsbankrotte im Osten den Euro mitreißen

lessismore
02
27.1.2010, 20:30

Es ist vielleicht ein bißchen pedantisch, das zu sagen, aber technisch gesehen hat der IWF die Staaten nicht so sehr aufgefangen als sie vielmehr gezwungen, die Schulden der privaten Banken zu übernehmen, und sie dann auf Kosten des Lebensstandards der eigenen Bevölkerung abzubezahlen.

Longyearbyen
 
07
27.1.2010, 17:06
"Europa und Osteuropa werden zum Ground Zero für dieses Problem werden"

Langsam sollte es jedem klar sein, dass die Amerikaner nur mehr in blinder Verzweiflung um sich schlagen. Die inoffizielle Arbeitslosenrate liegt bei 17% und eine Besserung steht nicht in Aussicht. Die Gelddruckmaschinen laufen schon heiß, die Wirtschaft erholt sich trotzdem nicht. Sozialsysteme sind nicht vorhanden. Ground Zero der Weltwirtschaftskrise ist und bleibt die USA.

lessismore
00
27.1.2010, 20:12

Das wirtschaftspolitisch gelähmte Europa ist auch keine Offenbarung (außerdem, bitte: Der Ground Zero, das ist die Londoner City noch mehr als die Wall Street!).

L. v. Mises
31
27.1.2010, 16:24
sound economic principles on www.mises.org

aktuelle economist ausgabe zu diesem thema:

bevor regierungen begonnen haben systematisch den bankensektor mit steuergeldern abzusichern, d.h. liquiditaets-garantie durch zentralbanken, einlagensicherungsgarantie, staatliche garantie fuer die liquiditaet bestimtmer maerkte, war die eigenkapitalquote der banken bei 25 %.

es gibt daher nur einen einzigen suendenbock fuer die banken krise und die staatspleitenkrise:

den staat selbst, der durch garantien die banken gezwungen hat hoehere risken einzugehen.

millimetternich1
00
29.1.2010, 03:43

Diese soliden Prinzipien haben in der grossen Depression so gut funktioniert, dass man nach dem Zusammenbruch des Bankensystems beschlossen hat, den Bankensektor zu regulieren.

Das hat ja eigentlich bis zur Deregulierung ziemlich gut funktioniert, jedenfalls deutlich besser als am Anfang des 20.Jahrhunderts.

lessismore
01
27.1.2010, 20:22

Und es sprach der Staat zu den Banken, mit der ihm eigenen Grausamkeit: "Verdient Euch gefälligst dumm und dämlich, und zwar dalli, sonst schenk' ich Euch Geld!"

Wo wären wir ohne die Misesianer!

R. M.
00
27.1.2010, 16:36
Sündenbock oder nicht.

Ist zwar nett, wenn man einen Sündbock gefunden hat (oder besser: glaubt, gefunden zu haben). Nur Lösung ist das noch keine...
Selbst wenn all die von Ihnen genannten Dinge nicht verbockt ;-) worden wären, dann haben wir immer noch das Problem mit dem Zins und der daraus resultierenden positiven Rückkopplung des Geldsystems.
Was sagt Herr Mises dazu?

L. v. Mises
00
27.1.2010, 17:43
sound economic principles on www.mises.org

mises wuerde sagen:

geldsystem muss privat sein, geld ist ein gut und muss daher im wettbewerb stehen wie jedes andere gut. gold und silber haben sich bewaehrt. wuerde das staatsmonopol auf geld zerschlagen, wuerde sich ohne zweifel innerhalb kuerzester zeit privates geld, beispielsweise in form von elektronischen guthaben auf gold oder dergleichen durchsetzen. damit ist es unmoeglich die zinsen mittels notenpresse zu beeinflussen und die ursache fuer konjunkturkrisen faellt weg.

mfg

dasandere
00
27.1.2010, 17:20
leider

nichts.

Erwin Wolfram
00
27.1.2010, 15:55

Ich kann mir keinen Staatsbankrott vorstellen, aber sehr wohl, dass die Entscheider zu Verantwortung gezogen werden.

Roman Santos
02
27.1.2010, 16:20
wie und durch wen denn?

Durch den Souverän? Das müsste dann schon eine Revolution sein und so weit gequält haben uns die Verantwortlichen lange noch nicht. Da geht noch was. Wie ansonsten ist zu erklären, dass von der Finanzwirtschaft munter weiter gemacht wird wie davor und die Politik mit offenem Mund zusieht

R. M.
01
27.1.2010, 16:38
Da geht noch viel...!

Erfahrungsgemäß wachen die Menschen erst auf, wenn garnichts mehr geht. Vorher ändert sich nichts.

Peter Eichorn
01
27.1.2010, 18:45
eben

denke, dass Santos das gemeint hat. Die Verantwortlichen haben uns noch nicht genug gequält - da ist noch was für sie drinnen.....
Und es scheint sie wollen es total ausreizen. Aber: der Krug geht so lange zum Brunnen bis er bricht.

system1
71
27.1.2010, 15:35
ein land kann nicht bankrot gehen!!!!!!

denn was soll dann passieren? dass das land auf die nachbarländer aufgeteilt wird oder was???? lächerlich.

millimetternich1
00
29.1.2010, 03:39

Sehr ungeordnet ist das z.B. in der Argentinienkrise passiert. Beim Zusammenbruch des Kommunismus haben viele dieser Staaten aufgehoert die Auslandsschulden zu bezahlen - einige wie z.B. Ungarn habe brav bezahlt - teilweise der Grund fuer die heutigen Probleme.

Im Endeffekt gibt es fuer die derzeitigen Verschuldung 3 Loesungen:
1) Inflation: geht aber in Osteuropa kaum weil die Schulden primaer in Fremdwaehrung sind
2) Extreme Sparmassnahmen: die das Budget kurzfristig sanieren aber oft die Wirtschaft abwuergen und das Problem mittelfristig schlimmer machen
3) Default auf Staatsverbindlichkeiten - "Bankrott"

In manchen Situationen ist Option 3 vielleicht nicht die schlechteste Loesung - wenn es "nur" Auslandsverbindlichkeiten betrifft.

Teleobjektiv1
00
27.1.2010, 17:37

Ein Land ist dann bankrott, wenn es seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen kann.

Seinen Zahlungsverpflichtungen kann ein Land dann nicht mehr nachkommen, wenn
a) die Steuereinnahmen dafür nicht mehr ausreichen (was fast überall der Fall ist) und
b) Kein Gläubiger mehr bereit ist, dem Land den hierfür notwendigen Differenzbetrag zu leihen. Dies ist z.B. dann der Fall, wenn ein Staat eine Tranche neuer Staatsanleihen auflegt, die nicht mehr gekauft werden.

Kommt immer wieder vor.

käptn iglo's rache
02
27.1.2010, 17:24
herrlich ...

... und beeindruckend naiv, diese geballte unwissenheit! :-))

Killer Bunny
01
27.1.2010, 16:21

1982 war Mexiko zahlungsunfähig. Refinanzierung durch IWF, Weltbank und 800 Banken. 1000 Betriebe wurden bis 1994 privatisiert, Reallohnverlust von 42%, Rückgang der Agrarsubventionen um 70% (1982-1986).

Heavyweather
01
28.1.2010, 21:59

Mexiko gibt es immer noch.
Die meisten sind zwar ärmer aber auch lange nicht alle.
Wir hätten noch etwas zu privatisieren?

Killer Bunny
00
29.1.2010, 05:23

Ich wollte nur darstellen, was bei Zahlungsunfähigkeit passieren kann. Manche sind sogar reicher als reich geworden: Carlos Slim.

p c2
01
27.1.2010, 15:51

ach nicht?
wenn sie's sagen, wird's schon so sein.

ein blick zurück kann manchmal vorteil sein.

R. M.
10
27.1.2010, 16:29
Vielleicht haben Sie es falsch verstanden...

Was ist mit Staaten passiert, die bankrott gegangen sind? Sind diese auf die Nachbarländer aufgeteilt worden? Na also...
Daraus können wir Folgendes lernen: Das Geldsystem mag zusammenbrechen (und das wird es auch), aber das Leben geht weiter - für Menschen und für Staaten. Irgendwie beruhigend, finden Sie nicht?

Bettina92
21
27.1.2010, 15:13
....und darum gibt´s auch noch kein Budget!

http://www.andreas-unterberger.at/2010/01/n... populares/

Volksfront von Judäa
25
27.1.2010, 14:28
Danke, Herr Rogoff...

... dass Sie auf den Splitter in meinem Auge hingewiesen haben.

Übrigens: Sie haben da auch etwas im Gesicht. Sieht so aus wie ein Balken.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 142
1 2 3 4

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.