Manifeste zum Medienwandel

2. März 2010, 18:47
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Manifeste zum zeitgerechten Journalismus fordern mehr Partizipation der Nutzer, bessere Vernetzung, neue Nachrichtenformate und netzadäquate Geschäftsmodelle - Wo stehen wir heute und wo bewegen wir uns hin?

"Die deutsche Internet-Debatte ist auf dem Stand der neunziger Jahre", stellt FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher fest und kritisiert, dass es sich in Deutschland noch immer um ein "von Interessen geprägtes Palaver über Medien" handelt. Dabei tauchen auch in Deutschland immer mehr Manifeste und Thesen auf, die sich Geschäftsmodellen,  der User-Interaktion und neuen Nachrichtenformaten widmen. Alle proklamieren einen "neuen" zeitgerechten Journalismus im Web. Ein Überblick, wo sich gelebte Realitäten von den Potentialen unterscheiden und in welche Richtungen die Debatten gehen.

"Wir hatten die Lügen rund um die so genannten Raubkopien satt. Den Fehler, den wir gemacht haben, war, dass wir beim Manifest nicht dazugeschrieben haben, dass es eine unmittelbare Reaktion auf die Heidelberger und die Hamburger Erklärung war, und das nicht einfach so vom Himmel herunter predigen", meint der Berater und Blogger Thomas Knüwer, einer der Verfasser des "Internet Manifests" zu derStandard.at. Die Heidelberger Erklärung fordert die Wahrung des bestehenden Urheberrechts, die Hamburger Erklärung geht weiter und fordert einen verbesserten Schutz geistigen Eigentums im Internet.

Forderungen gehen zu weit und nicht weit genug

Das "Internet Manifest" widmet sich aber als Reaktion auf diese Erklärungen nicht ausschließlich den wirtschaftlichen Grundlagen des Journalismus, sondern stellte 17 Behauptungen auf, "wie Journalismus heute funktioniert". Die dritte Behauptung ist beispielsweise, dass Social Networks für die Menschen bereits so selbstverständlich sind wie Telefon und Fernsehen. Das ist nach heutigem Forschungsstand, auch angesichts der digitalen Spaltung, nicht auf alle Generationen und Bevölkerungsschichten im selben Maße realistisch und gültig. Insofern ist auch nicht mehr als eine optimistische Behauptung, jeder Bürger würde seine eigenen Nachrichtenfilter bauen. Vorausgesetzt natürlich, man sieht gezielten Medienkonsum an sich nicht schon als Aufbau eines eigenen Nachrichtenfilters an.

Der Medienjournalist und Blogger Stefan Niggemeier bekundete im "Beipackzettel" zum Manifest, dass, trotz seines abgelegten Kulturpessimismus, manche optimistische "Behauptung" an die Grenzen dessen gehe, was er selbst glaube. Knüwer hingegen gehen einige Forderungen nicht weit genug. "Aber jeder von uns musste Kompromisse machen, wir sind vollkommen unterschiedliche Leute. Ich finde den Text inhaltlich weiterhin absolut gut."

Gestiegene Nervosität bei den Verlegern

Einen ersten Vorstoß bei neuen Medienformaten, wie im Manifest gefordert, wagten international bisher die "New York Times" und die "Washington Post" in Zusammenarbeit mit dem im deutschsprachigen Raum vielgeschmähten Google. Der Versuch aus starren Artikeln so genannte "Living Stories" zu machen, können mittlerweile auch andere Nachrichtenproduzenten probieren, da das Projekt unter einer Open-Source-Lizenz veröffentlich wurde.

Sowohl "New York Times" als auch "Washington Post" sind auch führend beispielsweise bei Audio-Slideshows, interaktiven Grafiken und anderen multimedialen Darstellungen. Doch das sind absolute Ausnahmen, ansonsten haben sich bisher neben klassischen Artikeln, Foto-Klickstrecken und Videos weitgehend nur Chats und die Live-Berichterstattung bzw. Live-Kommentierung von Ereignissen durchgesetzt, oft aber noch nicht einmal die banale Verlinkung von Inhalten.

Hat das von vielen Seite kritisierte "Internet Manifest" also überhaupt etwas gebracht? "Es hat jedenfalls den Druck auf die Verlage erhöht. Es hat ihnen gezeigt, dass es eine heterogene Gruppe gibt, die eine andere Meinung vertritt. Insofern ist der Nervositätsgrad sicher gestiegen", glaubt Knüwer. Auch hätten einige Verleger, darunter Vertreter vom Axel-Springer-Verlag und der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) durchaus darauf reagiert. "Aber Bodo Hombach (Anmerkung: WAZ-Geschäftsführer) hat bei seiner Antwort auf das Manifest, bei dem er auch die Diskussion im Internet einmahnte, nicht auf unsere Kommentare reagiert. Auch auf meinen öffentlichen Brief gab es nur eine Reaktion - nämlich keine."

Online als "Abfallprodukt"

Eine weitere These, dass gleichförmige Massenware im Netz entlarvt wird, ist unbestritten und trifft in weiterer Folge wieder auf das Credo des New Yorker Journalismusprofessors, Jeff Jarvis, "do what you can do best, link to the rest". Doch solange keine Geschäftsmodelle gefunden sind, die allgemeine, selbst produzierte Nachrichten Online ausreichend profitabel machen, wird sich realistischerweise so schnell an der Nachrichtenagenturverwertung und damit an der gleichförmigen Nachrichtenware nicht viel ändern. Niemand will, solange Werbung die einzige beziehnungsweise die Haupteinnahmequelle ist, auch nur auf einen einzigen Nutzer verzichten, egal wie viel Aufmerksamkeit der mitbringt.

"Die Renditen, die es früher gab, wird es einfach so nie wieder geben. Aber es gibt schon heute profitable Onlineableger und wenn man die Mechanismen des Internets kennt, kann man auch Geld mit Nachrichten verdienen", sagt Knüwer und kritisiert die fehlenden Innovationen der Verleger und den geringen Stellenwert von Online-Redaktionen: "Zumeist gilt Online als Abfallprodukt, das Agenturmeldungen und Printmeldungen verarbeitet und wird bewusst arm gerechnet, wenn beispielsweise auf die teure eigene IT zurückgegriffen werden muss, oder unglaublich hohe Summen für die Übernahme der Printartikel gezahlt werden müssen. Und dann dürfen die Journalisten nicht einmal reisen und sind schlechter bezahlt."

Umsturz der Verlagsstrukturen

Knüwer glaubt, dass die ganzen Verlagsabläufe komplett umgestellt gehören, um in Zukunft profitabel zu sein. Die Verlage sollen auf ihre Alleinstellungsmerkmale setzen, wie gute Wirtschaftsberichterstatter, Kolumnisten und andere Persönlichkeiten. "Denen müssen die Verlage alle Freiheiten lassen. Es ist dann egal wann sie Inhalte liefern, solange sie das kontinuierlich machen. Die Verlage können sie dann der Plattform entsprechend anbieten." Bei der Anpassung der Geschäftsmodelle an die Strukturen des Netzes, dürfe aber das Urheberrecht nicht als Hebel missbraucht werden, um überholte Distributionsmechanismen abzusichern, heißt es im Manifest. 

Jedoch genau darüber wird in Deutschland weiter diskutiert. Über ein von der deutschen Bundesregierung geplantes erweitertes Leistungsschutzrecht, das die Position der Verlage stärken soll. Die Positionen bei Verlegern und bei den Verfassern des Internetmanifests sind weiters unverändert, doch soll es Bemühungen geben, diese gemeinsam besprechen zu wollen. Die Journalisten indes hoffen, dass - sollte ein Leistungsschutzrecht kommen - nicht allein die Verlage profitieren. In Österreich bleibt eine solche Diskussion noch außen vor.

Zornige Rückbesinnung auf den Journalismus

Zumindest Journalisten sollten wirtschaftlichen Überlegungen ohnehin egal sein, meint Noch-"Handelsblatt"-Chefredakteur Bernd Ziesemer. "Wir sollten als Journalisten all das modische Gerede über die 'Monetarisierung von Inhalten', über 'Synergieeffekte', über 'betriebswirtschaftliche Zwänge' und 'Organisationsmodelle' mal für eine Weile einstellen." Er fordert die Rückbesinnung auf die journalistische Kernarbeit in seinen "Zehn zornigen Thesen zur Zukunft der Zeitung".

Ziesemer beschwerte sich darin über junge Verlagsmanager und Unternehmensberater, die bei ihm ein "intellektuelles Würgegefühl" erzeugen und über Medienblogger als "besondere Kategorie von Dummschätzern". Weiters kritisierte er den Brancheneignen "Masochismus", der immer dann zum Tragen komme, wenn es um den angeblich unaufhaltsamen Niedergang der gesamten Branche gehe.

Journalisten sollen nicht nur kuschen

Knüwer, ehemaliger Handelsblatt Journalist, sieht das anders. "Journalisten sind häufiger in den Märkten und reden mit allen, während die Chefs und Verlagsmanager häufig nur in ihren eigenen Kreisen verkehren." Deshalb würden Journalisten oft besser über aktuelle Entwicklungen Bescheid wissen. "Wenn Journalisten aber schon jahrelang sehen, da tut sich was im Markt, wir sind nicht mehr zeitgemäß, dann müssen sie auch mal einfordern, dass sich im eigenen Verlag etwas bewegt und nicht immer nur kuschen."

Utopische Forderungen, fundamentale Veränderungen

Während sich einige Behauptungen des Internetmanifests mit den Forderungen von Dan Gillmore decken, gehen andere der 22 "neue Regeln für Nachrichten" des Technikjournalisten, Buchautors und Direktor des Knight Center for Digital Media Entrepreneurship an der Universität von Arizona, viel weiter. Seine Regeln sind nicht alle wirklich neu, rufen aber gute journalistische Traditionen in Erinnerung, andere wiederum sind derzeit noch utopisch und würden bei ihrer Umsetzung wohl fundamentale Veränderungen mit sich bringen.

Gillmore fordert, dem Publikum nicht nur Möglichkeiten zu geben, sich einzubringen, sondern auch mit dem Publikum in einen intensiven Dialog zu treten. Das Publikum dürfe nicht passiv sein, sondern müsse mit Hilfe der Journalisten zu einem informierten und informierenden Publikum werden. Diese Engagement wird heute von Seiten der Medien von einigen wenigen schon praktiziert, hat in der Breite aber noch nicht den Stellenwert, sei es aus Ignoranz, Zeitmangel oder anderen Gründen.

Wenn die Konkurrenz besser ist: Verlinken

Seine Forderungen gehen aber, betrachtet man die gängige Praxis, noch weiter: So fordert Gillmore, dass Journalisten immer auch das deutlich machen sollen, was dezidiert nicht aus einem Artikel hervorgeht bzw. was sie nicht wissen. Solch einen Vorstoß kennt man vielleicht aus Nebensätzen in einzelnen Artikeln, wird aber in der Praxis aber von Niemanden durchgeführt. Weiters fordert Gillmore vor allem dann auf Artikel zu verweisen bzw. zu verlinken, wenn man sich besonders darüber ärgert, dass die Konkurrenz die besseren Geschichten hat.

Nachrichten befriedigen die Bedürfnisse von heute nicht

Das "Nichepaper Manifesto" widmet sich, ähnlich wie das aus Deutschland stammende "Slow Media Manifest", den journalistischen Qualitäten, die Leser zu fesseln und nicht nur zu informieren, sondern auch Wissen zu vermitteln und setzt dabei auf bereits angesprochene Aspekte: Intensive Dialoge mit den Nutzern, das Verwenden der best geeignetsten Technologien und die Abkehr vom Bewahren vergangener Produkte. Eine Spezialisierung und unimitierbare Einzigartigkeit der Medien wird gefordert. Neues ist aus dem Manifest also nicht herauszulesen, obwohl die Grundaussage des Manifests ist, dass die Nachrichten des 20. Jahrhunderts nicht mehr die Bedürfnisse der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts befriedigen.

Oftmals sind es also Selbstverständlichkeiten, die in den Manifesten präsentiert werden. Meist sind es aber auch nur Selbstverständlichkeiten aus der Sicht der Verfasser. Diese "Selbstverständlichkeiten" werden von anderen nicht als solche gesehen, sondern bestenfalls als Besserwisserei, in anderen Fällen als falsche Überzeugung oder Propaganda abgetan.

"Zustand nur traurig"

"Vielleicht ist Schirrmacher und die traditionellen Medien mit der Debatte in den neunziger Jahren stehen geblieben. Wenn ich Artikel über das Internet beispielsweise in der Süddeutschen Zeitung lese, ist das für Deutschland nur traurig", meint Knüwer zu Schirrmachers Behauptung. "Natürlich haben es die Verleger nicht leicht. Aber kein Verlag hat auf die Suchmaschinenwerbung gesetzt, obwohl es das ureigenste Geschäftsmodell der Verleger ist und haben es bisher noch nicht einmal geschafft einen gemeinsamen Targeting-Anbieter aufzubauen", so Knüwer. Er meint, dass die Verleger eher handeln, denn jammern sollen: "Denn wenn mir jemand sagt, dass Veränderungen angesichts des Medienwandels nicht erforderlich sind, dann sag ich: Das glaubt nur deine Oma." (Michael Kremmel/derStandard.at, 2.3.2010)

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