Chinesische Paradoxien

25. Jänner 2010, 21:45

Ein Strafverteidiger macht sich zum Anwalt einer vorurteilsfreien Sicht auf die politische Gegenwart im Land der Mitte - Von Georg Zanger

Seit mehr als vier Jahren bereise ich die VR China, treffe dort chinesische Anwälte und Unternehmer, die an Investitionen in Europa Interesse zeigen, und komme auch regelmäßig mit lokalen Funktionären des Außenministeriums zusammen. Diese Erfahrungen und Begegnungen haben manches Vor-Urteil relativiert, mein Bild von China vielschichtiger gemacht,

China ist keine homogene sozialistische Gesellschaft mehr. Seit Deng Xiaoping hat China einen Weg beschritten, der mit den Begriffen des klassischen Marxismus und Sozialismus nicht mehr in Einklang zu bringen ist. Im Osten herrschen nur mehr die Gesetze der Marktwirtschaft. Nach wie vor ist die Ressourcenkonzentration zwar in der Hand der politischen Macht, gleichzeitig findet aber ein dreifacher Transformationsprozess statt: von der Agrar- zur Industriewirtschaft, von der Plan- zur Marktwirtschaft und von der traditionellen Gesellschaft zur Internetgesellschaft.

Der Zentralregierung sind nur noch bestimmte Bereiche vorbehalten, insbesondere die Kontrolle über die Armee und die Außenpolitik, die Ernennung der Kader und Schlüsselpositionen und die Bestimmung der Ideologie und des Maßes der Pressefreiheit. Die Industrieregionen des Ostens erstarken aber auch politisch und werden von der Zentralregierung zunehmend unabhängig.

Geistiges Vakuum

Der 11. Fünfjahresplan läuft 2011 aus - und es wird der letzte seiner Art sein. Künftige Programme sollen keine produktionsorientierten Vorgaben mehr enthalten und sich nur auf die Einhaltung von Grenzen des Energieverbrauches und auf Umweltschutzfragen beschränken - konsequenter Weise: Chinas Wirtschaftswachstum ist international beispiellos, die Geschwindigkeit, in der eine Industriestadt nach der anderen entsteht, bahnbrechend Drei Probleme bedrohen aber die Entwicklung: die Unsicherheit der Energiebeschaffung in der Zukunft, das soziale Gefälle zwischen den reichen Ost-Städten und den armen Bauern im Westen und die zunehmende Umweltbelastung.

Die Urbanisierungsquote steigt um ein Prozent pro Jahr. Derzeit sind etwa 45% des Landes industrialisiert, in 30 Jahren werden es etwa 75% sein. Die Beibehaltung einer großen Bauernschaft scheint zunehmend nicht mehr notwendig zu sein, da Technik und Maschinen die Arbeitskräfte ersetzen. Das Problem der aufstrebenden Gemeinden ist die hohe Zentralabgabe an Peking, die etwa 70% der Erträgnisse betrifft. Die verbleibenden 30% reichen aber nicht aus, um die notwendigen Investitionen vorzunehmen. Als Finanzquelle dienen in den neuen Regionen daher vor allem Grund und Boden, was aber zugleich die Immobilienspekulation anheizt.

Nach Meinung meines Freundes Prof. Yan Xiaobao, dem Generaldirektor des Modern Management Centers in Shanghai, fehlt es derzeit in China an geistigen Vorbildern. Es gibt keine Wertvorstellungen mehr. Die chinesische Gesellschaft leidet unter einem philosophischen Vakuum. Mao verkörperte noch etwas, an das die Menschen geglaubt haben. Heute wird Kultur und Philosophie zunehmend abgelehnt. Die Chinesen besinnen sich zwar wieder auf Konfuzius: "Das ist aber keine Philosophie, sondern nur ein Instrument der Herrschaft" , sagt Xiaobao, "etwas wie Verantwortungsgefühl, das in einer Geisteshaltung wurzelt oder der Nachwelt einen Ausgleich bieten könnte, existiert in China nicht" .

Vier Gruppen repräsentieren die geistigen Strömungen des Landes: 1) die alte Linke, die eine Revision der Gesellschaft und das Ende der Marktwirtschaft fordert, 2) die neue Linke, die die Marktwirtschaft zwar akzeptiert, aber mehr Autorität durch den Staat fordert, 3) der Mittelstand, der kein Interesse an Politik hat und anti KP eingestellt ist, und 4) die Wirtschaftsliberalen, eine Elite von Profiteuren, die den Status Quo einschließlich der sie schützenden Staatsmacht erhalten wollen und auf Evolution setzen.

Insgesamt nutzt die VR China ihre sozialistischen Erfahrungen heute ebenso wie die Errungenschaften der Marktwirtschaft. Erklärtes Ziel nach 39 Jahren Mao und 30 Jahren Reformkurs: die Binnenwirtschaft massiv anzukurbeln, um in weiteren 30 Jahren möglichst autark und damit vom Außenhandel unabhängig zu sein.

Aufgrund eines ZK-Beschlusses der KP Chinas vom Jänner 2009 werden etwa für Neustarter besondere Vorteile zwischen 40,000 und 100.000 Euro gewährt und tausende Talentförderprogramme vergeben, auf deren Basis in vielen chinesischen Städten "High tech villages" - sog. chinesische "Eastern Silikon Valleys" - entstanden sind. Bis zum Jahr 2050 ist geplant, sukzessive erneuerbare Energie so zu fördern, dass damit sämtliche Primärbedürfnisse des Landes befriedigt werden können. Dazu zählen vor allem Wind-, Solar- und Bioenergie. - Und noch eine letzte Anmerkung: Ohne Zentralregierung und staatliche Autorität, wäre eine gleichartige Entwicklung undenkbar (gewesen). Weder wäre es möglich, in so schneller Zeit das Land zu industrialisieren, noch dafür zu sorgen, dass 1,4 Milliarden Menschen zu essen haben und medizinisch versorgt werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.1.2010)

Georg Zanger ist Rechtsanwalt in Wien

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    Posting 1 bis 25 von 56
    1 2
    desperate wife without house
    00
    im prinzip mag das ja richtig sein ...

    was herr zangerl hier schreibt, trotzdem wäre das, wenn man es so aufgeschrieben sieht, eigentlich die alte kommunistische ideologie, die ja schon im vorigen jahrhundert auf industrialisierung - und zwar auf die "bessere", "modernere" und moralisch weniger verwerfliche industrialisierung und damit erst recht auf das verpönte kapitalistische system setzte, und von ihm tatsächlich ständig in abhängigkeit geblieben ist. was aus einem historischen emanzipationsweg politischer mächte her dennoch verständlich bleibt. und so sehe ich in totalitär geführten regimen wenig unterschied zwischen faschistischen, kommunistischen und neo feudalen industrieherrschern. china scheint es nur zu gelingen, alle drei in best power-practice zu vereinigen.

    t-bonesteak
    00
    26.1.2010, 12:47
    sollte einem europäischen anwalt

    der umgang der chinesischen führung mit der politischen opposition und grundwerten wie meinungfreiheit nicht ein wenig zu denken geben?

    Eigeier
    00
    26.1.2010, 15:34
    Körberlgeld für einen Strafverteidiger...

    ...zu helfen, Europäische Firmen an chinesische Investoren zu verscherbeln.
    Da sollte man nicht allzuviel moralische Skrupel voraussetzen...
    Trotzdem sind die "facts" im Artikel interessant.

    x aeins
    00
    26.1.2010, 13:04

    jetzt erklärt er ihnen den Istzustand,und sie legen ihr Standardraster drüber
    bei den Eskimos haben s´halt (noch) keine Zentralheizung,obwohl ´s angenehm wäre - so what?

    t-bonesteak
    00
    26.1.2010, 13:45
    und das was ich kritisiere

    ist nicht teil des ist-zustands, oder wie?

    x aeins
    11
    26.1.2010, 13:50

    doch,doch
    sie kritisieren,dass die Eskimos immer noch keine Zentralheizung haben,weil das das einzige ist was sie sich vorstellen können,wenn sie an Eskimos denken

    t-bonesteak
    00
    und china ist eine demokratie...

    x aeins
    00

    aus welcher Galaxie kommen s´denn? was trägt man denn bei ihnen zuhause?

    yul hukl
    00
    26.1.2010, 12:46
    fakt ist.

    die chinesen fressen uns den rohstoff vor der nase weg.
    dagegen muss was unternommen werden.
    china darf nicht supermacht werden.

    Ingrid Goeschl1
    00
    26.1.2010, 13:53
    yul:

    Das Thema China ist nicht unbedingt passend für dumme Scherze.

    Schnapphahn
    00
    26.1.2010, 11:23
    als großes Problem

    kommt noch die fortschreitende Überalterung der chinesischen Bevölkerung bei fehlenden oder unzureichenden Rentenversicherungen hinzu.

    Jup posts
    31
    26.1.2010, 04:43
    Der Zanger

    macht mal wieder Webung fuer sich selbst. Was ist er eigentlich, Anwalt oder Consultant? Oder beides? Naja, naja, naja

    Jack99 (J. O.)
    00
    27.1.2010, 16:37
    macht

    Werbung für sich selbst.
    Wie immer und was denn sonst.

    Christoph Karl Steininger
    10
    26.1.2010, 02:48
    Jemand der Konfuzianismus als Instrument der Herrschaft bezeichnet kann sich mit Konfuzius nicht beschäftigt haben!

    Ich will hier nicht eine Grundlage des Konfuzianismus darlegen. Aber es gibt in dieser Philosphie Maximen deren Kulminationspunkt die "Menschenliebe" ist.
    Etwa die Grundbeziehungen der Menschen untereinander.
    Es ist schwer vorstelllbar daß die Grundbedingung des chinesischen Staates für mehr als 2000 Jahre etwas ist von dem wir heute nichts zu wissen brauchen.
    Sicher gab es Mißbrauch, immer wieder, aber den gibts überall.
    Statt unsere Ignoranz unter Beweis zu stellen indem wir über den Konfuzianismus schwadronieren sollten wir uns vielleicht eher damit beschäftigen!
    Hm?

    sicklikejosef
     
    11
    26.1.2010, 10:17
    Blödsinn! Sie haben sich mit Konfuzianismus offenbar nicht beschäftigt

    Oder sie sitzen der typisch westlichen Sichtweise auf, das Fremde immer mit den eigenen Kriterien zu beurteilen. Konfuzius ist ein Staatsphilosoph, oberstes Kriterium ist die Aufrechterhaltung der Ordnung. "Menschenliebe", was immer das sein soll, ist kein Konstrukt der chinesischen Tradition, ebenso wie es einen abstrakten Rechtsbegriff im klassischen China nie gab, (und darum auch keinen Begriff von Menschenrechten).
    Der Konfuzianismus ist ein Herrschaftsinstrument, weil er immer so eingesetzt wurde und nur weil ein paar westliche Buddhismusfans sich gerne was anderes darunter vorstellen, ändert sich das nicht.

    Lukas Chen
    00
    26.1.2010, 15:18
    Die ideale Herrschaft eines Landes

    Ein Exzerpt aus einem Zitat von konfuzius. "Das Ziel des weiten Weg zu einer Gesellschft ist es: die Welt gehoert zu den Leuten, gute und faehige Menschen werden gewaehlt, um zu regieren. Trauen und Freundlichkeit sollen geehrt werden. Menschen lieben nicht nur seine eigene Kinder und seine eigene Eltern, jeder in the Gesellschaft, soll benutzt und besorgt werden..., die armen, ungluecklichen..sollen versogt werden... Das heisst die grosse Harmonie der Herrschaft."

    Ingrid Goeschl1
    01
    26.1.2010, 13:56

    Konfuzius und Buddhismus habe nicht mehr miteinander zu tun als die geografische Nähe, bitte das nicht zu vermsichen.

    lagrangian
    00
    26.1.2010, 13:28

    zum abstrakten rechtsbegriff darf ich sie an die legalisten verweisen.

    Christoph Karl Steininger
    00
    26.1.2010, 12:19
    Wie wärs mal mit der Betrachtung der menschlichen Grundbeziehungen,

    einer der Eckpfeiler konfuzianischer Ethik:
    Die Beziehung zwischen Kindern und Eltern. Kindliche Pietät und Ehrfurcht vor den Altvorderen ist damit gemeint.
    Die Beziehung zwischen den Gatten. Harmonie im Eheleben ist ein erstrebenswertes Gut. Glückliche Gattenwahl das höchste der Gefühle. Traditionelle chinesische Belletristik beschäftigt sich fast ausschließlich damit.
    Die Beziehung zwischen Herrscher und Untertan. Die Herrschaft muß dem Beherrschten dienlich sein ansonsten ist sie Tyrannei.
    Die Beziehung zwischen Freunden.

    Die 4 menschlichen Grundbeziehungen ist das Fundament konfuzianischer Ethik und beschäftigen sich ausschließlich mit Menschenliebe.

    sicklikejosef
     
    00
    26.1.2010, 21:38
    Sie verwechseln Begrifflichkeit und Bedeutung

    Sie verstehen Liebe, Menschenliebe, Glück ausschließlich europäisch und können den Kontext in dem solche Begrifflichkeiten auftauchen nicht zuordnen. Konfuzius und alle chinesischen Klassiker verstehen Harmonie als Unterordnung unter das Notwendige und notwendig ist ausschließlich eine völlig hierarchische Herrschaft. Niemals hat man im klassischen China an Demokratie gedacht oder auch nur andere Herrschaftsformen als die Monarchie in Betracht gezogen. Es gab niemals ein Wort für Recht, und keinen Begriff des Individuums unabhängig von der Gattung oder dem Herschaftszusammenhang. Mo-Di ist da vielleicht eine Ausnahme, weil er die Emotionen behandelt, aber selbst dort findet sich keine Entsprechung des europäischen Humanismus.

    Christoph Karl Steininger
    00
    27.1.2010, 02:48
    Zunächst mal: woher wollen Sie wissen was ich wie verstehe?

    und dann: niemals habe ich in einem posting geschrieben daß Konfuzianismus sich mit Demokratie beschäftigt.
    Auf der anderen Seite empfiehlt der Meister nicht auf ein Amt hinzustreben, sondern sich so anständig zu verhalten daß man für ein Amt ausgesucht wird. Solche Maximen deuten sehr wohl auf die notwendige Akzeptanz des Amtmannes durch die von ihm beherrschte Bevölkerung.
    Humanismus kann in verschiedenen Kulturen unterschiedlich ausgeformt sein.
    Das was man in den Lehrgesprächen finden kann strotzt nur so vor aufgeklärtem Gedankengut.
    Keine oppresive Religion für die Chinesen, wenn es Fanatismus gab so beim stets von der Administration mißtrauisch beäugten Buddhismus.

    sicklikejosef
     
    00
    27.1.2010, 11:47
    Die Skepsis gegenüber dem Buddismus teile ich ja

    aber trotzdem: ihre Übertragung der Begrifflichkeit ist nach wie vor problematisch. Es ist vergelichbar mit dem europäischen Humanismus: Da wird auch viel von Nächstenliebe, Freiheit oder Gleichheit geredet, während die Nationalversammlung beschließt die Sklavenaufstände auf Gouadeloupe niederzuschlagen oder Napoleon die Sklaverei auf Haiti einführt. Die chinesische Klassik mag sich mit Konfuzius sehr auf das Menschlnde konzentrieren, aber hat niemals einen Begriff der Gleichberechtigung (zum beispiel etwa von Frauen oder auch nur Nicht Hanchinesen) entwickelt. Sie mißverstehen Begriffe wie Harmonie als europäische Humanismen, die es dort niemals gab.

    Christoph Karl Steininger
    00
    27.1.2010, 17:25
    Die Gleichberechtigung (der Geschlechter, meinen Sie wohl)

    Auf solche Ideen kam man im chinesischen Altertum nicht. Trotzdem ist die Idee der Harmonie zwischen den Menschen ziemlich modern.
    Chinesische Philosophie ist wegen des geringen Abstrationsgrades der Sprache eine arbeitsintensive Aufgabe.
    Darum muß man sich eben beschäftigen, wie ich eingangs sagte, mit den diversen chinesischen Philosophien.
    Alles was heute passiert beruht auf der Geisteshaltung der Vergangenheit und das Langanhaltende hat sich gegen das Momentane durchgesetzt.
    Vom Kommunismus ist nur die äussere Herrschaftsform übriggeblieben und der Trend geht weiter. (Ein Monumentalfilm über Konfuzius ist wohl das beste Beispiel)

    sicklikejosef
     
    00
    27.1.2010, 19:06
    Ich meine Gleichberechtigung von Frauen, nicht der "Geschlechter"

    Ich kann nur die Lektüre der Bücher des französischen Sinologen Francois Jullien empfehlen. ("Über die Wirksamkeit")
    Durch ihn kann man lernen die spezifische Differenz des Chinesischen zum Europäischen wahr zu nehmen. Außerdem sitzen sie einem typisch westlichen Vorurteil gegen die chinesischen Kommunisten auf: Dort sitzen keine Breschnews oder Stalins, sondern sehr weitblickende, höchst unideologische Technokraten mit einer auch in der Bevölkerung verankerten Perspektive. Bloß weil China nicht dem Bild einer verwüsteten Sowjetunion enstpricht ist es nicht weniger kommunistisch. Diese Burschen gehen halt mit der Zeit, weil sie nicht so doof sind, wie sie sich das vorstellen.

    beowulf2
     
    00
    28.1.2010, 02:29

    "sondern sehr weitblickende, höchst unideologische Technokraten mit einer auch in der Bevölkerung verankerten Perspektive."

    und

    "ist es nicht weniger kommunistisch." Entschuldigung, wenn ich mich da in eine Diskussion einmische, aber ist ihre Aussage nicht ein wenig widersprüchlich?
    Ich finde, das Problem bei der Bestimmung ist, dass die KP 1. kein homogener Block ist und 2. viele Ansichten Parallel existieren, sich teilweise aufheben und gleichzeitig auch wieder verstärken auch innerhalb von Individiuen. Kurz gesagt, dass althergebrachte (westliche) Schablonen ala Demokrat, Diktator, Christ, Atheist, Buddhist, Konfuzianist, Kapitalist, Kommunist etc. überhaupt nicht greifen.

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    Posting 1 bis 25 von 56
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