Die Sanktionen und die österreichische Opferrolle

24. Jänner 2010, 18:16

Vor zehn Jahren war die Empörung groß und erfasste ganz Österreich in Form eines Abwehrkampf gegen die EU, als 14 ihrer Mitglieder (jeweils individuell) wegen der Bildung einer schwarz-blauen Regierung Sanktionen gegen Österreich erließen

Mitte Dezember des Vorjahres: Der Kärntner Landeshauptmann Gerhard Dörfler spricht im Zusammenhang mit dem Hypo-Alpe-Adria-Skandal von einem "monetären Abwehrkampf" der Kärntner und greift damit auf, was Österreichs liebste Rolle neben Skitriumphen ist - die des Opfers.

Vor zehn Jahren war die Empörung viel größer und erfasste ganz Österreich in Form eines Abwehrkampf gegen die EU, als 14 ihrer Mitglieder (jeweils individuell) wegen der Bildung einer schwarz-blauen Regierung Sanktionen gegen Österreich erließen.

Jetzt beschäftigt sich ein Buch mit den Ereignissen des Winter 2000: "Sanktionen" (Hrsg. Martin Strauß und Karl-Heinz Ströhle im Studienverlag Wien). Ein zentraler Text stammt von Anton Pelinka, der jene Opferrolle untersucht, die Österreich schon bei der Beurteilung seiner Verwicklung in den Nationalsozialismus gespielt und in der Waldheim-Debatte unter dem Motto "Jetzt erst recht" erneut und mit Verve inszeniert hatte.

Österreich habe übersehen, schreibt Pelinka, dass die FPÖ nicht als Entsprechung zur Forza Italia von Silvio Berlusconi gesehen wurde, sondern als Nachbar-Ausgabe der NPD. Leider ist Pelinka in diesem Punkt ungenau: Die Lega Nord war längst weit nach rechts gerückt und trotzdem bereits in den 90er-Jahren mit Berlusconi und Fini in der Regierung.

Einer der Herausgeber, Martin Strauß, attackiert trotzdem auch jene Journalisten, die die Ursachen für die "Sanktionen" nicht nur in Österreich gesucht haben, sondern auch bei Regierungen, die von den rechtsradikalen Parteien in den eigenen Ländern ablenken wollten. Aber weil das Buch (aber nicht jeder Autor) die Haltung der EU-14 bedingungslos gutheißt und jede Kritik daran als antieuropäisch geißelt, werden differenzierte Positionen attackiert.

Eine besondere Chuzpe im Strauß-Text ist, + Leitartikel des Standard (z. B. jene von mir und von Katharina Krawagna-Pfeifer am 1., 2. und am 16. Februar 2000) einfach zu ignorieren. Dort wurden jene europäisch geprägten Standpunkte vertreten, die Strauß einfordert.

Eher seltsam ist daher, dass Katharina Krawagna-Pfeifer in diesem Buch behauptet, Oscar Bronner und ich hätten sie gebeten, die Innenpolitik-Ressortleitung abzugeben und nach Brüssel zu gehen, um einem Anzeigenboykott der Regierung Schüssel zuvorzukommen. Es hat keine derartige Drohung des schwarz-blauen Kanzlers gegeben und deshalb auch keinen Grund, ihr deshalb die EU-Berichterstattung und Kommentierung zu übertragen. Die Übersiedelung ist noch dazu viel später, nämlich 2002 erfolgt. Trotzdem wähnt sich auch Krawagna in genau jener Opferrolle, die sie selbst immer kritisiert hat.

Im Blick auf den Ortstafelkonflikt und die Grenzpatrouillen argumentiert Pelinka zu Recht, dass Österreich noch immer nicht in Europa angekommen sei. Andererseits schauen österreichische Intellektuelle wie gebannt auf populistische Phänomene wie Dichand, früher Haider, jetzt Strache. Jüngstes Beispiel: Auftritte im Café Engländer, die im Süddeutsche Zeitung Magazin vom 22. Jänner dokumentiert werden. Das wirkt wie eine Selbstopferung auf dem Altar des Boulevard.

Französische und deutsche Intellektuelle reden von ihren Populisten viel, viel seltener. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, Printausgabe, 25.1.2010)

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Hans Vogel
00
31.1.2010, 17:48
Wir hätten

sofort aus der EU austreten sollen.

Toni Meister
00
26.1.2010, 10:02
das ist fix
00
30.1.2010, 09:53

und wo soll da die aufregung sein?

Peter Sichrovsky
12
26.1.2010, 03:25
Sanktions-Heuchelei

Ich erinnere mich an die Sanktionszeit, die Doppelmoral, die Heuchelei, die verlogene selbstherrliche Bewertung einer demokratisch gewählten Regierungen während im EU-Parlament Ex-Stasi-Offiziere saßen und Noch-Kommunisten, die in ihrer Jugend die Morde von Stalin verherrlichten; wer darin einen Sinn sah, steckte mit beiden Beinen noch im Sumpf der autoritären rechten u linken Diktaturen, die Europa angeblich überwunden hatte

fritz101
12
26.1.2010, 19:32
Sanktionsheuchelei anders gesehen...

Ich erinnere mich an die Sanktionsheuchelei anders. Wehleidige Schwarzblauler waren sauer, dass ihnen rechtschaffene Leute im In- und Ausland nicht mehr die Hand schütteln wollten und zwar aus folgenden Gründen:
Schüssel hat schlicht "die Wahl gestohlen" also gesagt, er tritt zurück als Dritter und dann war er Kanzler. Also feine Schokolade versprochen und danach war Übelriechendes, Braunes im Paket. Als Ösi im Ausland hat man sich auch hinlänglich geniert und viel Applanierungsarbeit zu tun gehabt. Die "Sanktionen", dass irgendwelche Provinzpolitiker nicht ins Ausland eingeladen wurden, haben wir eigentlich nicht als so schmerzlich empfunden. Auch im Inland gab es Sanktionen: Anhaltende Demonstrationen gegen Wahlbetrug und Faschismus!!

MarioV
00

Von der FPÖ bezahlter agent provocateur?

Marcus Frischherz
00
29.1.2010, 19:31
Genau so wars!

Die sogenannten "Sanktionen" haben sich darauf beschränkt, dass unsere armen, armen Regierungspolitiker nicht aufs Foto durften bei den EU-Gipfeln. Ich habe diese sogenannten "Sanktionen" nicht als schmerzlich empfunden. Ob sie taktisch klug waren, ist jedoch eine andere Frage.

Stephan Winter
 
00
25.1.2010, 20:20

Sollte man nicht vielleicht bei allem Nationalstolz (wenn es sowas in Österreich gibt) nicht überlegen, die damaligen Sanktionen vielleicht als Versuch eines Weckrufes zu sehen, das grundsätzlich etwas falsch läuft in Österreich, das rechte Parteien in Österreich einfach "rechter" sind als anderswo in Europa und das Österreich doch irgendwie immer (noch) ein rechter Vorreiter ist.
Bin Österreicher.

princeps legibus solutus
11
25.1.2010, 14:59
von intellektuell sind aber typen

wie nina proll oder florian scheube und konsorten, die da stundenlang mit den redakteuren der süddeutschen schwadroniert haben weiter entfernt als österreich von einer föderalismusreform

Uund heid han i's g'woschn! (c) Moser Pröll
00
25.1.2010, 14:56
Mit dem Namen kann man posten was man will ...

Uund heid han i's g'woschn! (c) Moser Pröll
10
25.1.2010, 14:20
Frankreichs und Deutschlands Populisten liegen aber auch nicht bei 30% und haben auch nicht die auflagenstärkste Zeitung hinter sich

Herr Sperl.

Und daß sie den höchst plausiblen angedrohten Anzeigenboykott so mir nichts Dir nichts als reine Fiktion abtun, deutet darauf hin, daß die Verluderung der politischen Sitten auch die Qualitätszeitung eingeholt hat.

pudelweiss
10
25.1.2010, 15:40
ja, das Stimmt

in Frankreich und Deutschlant liegen die Popu nicht bei 30% und haben nicht die auflagenstärkste Zeitung des landes hinter sich !

Aber bei uns ist die Erwartungshaltung zur Wiederkehr eines starken Führers (und sei es ein noch so kleiner dolfuß) oder eines Autroitären absolutistischen Kaiserleins wie dem Franz-Joschi ...
es ist uns alles lieber als selbst ein denkender Bürger zu , und Verantwortung selbst zu übernehmen,

sonst gäbe es hier gar keine so starke krone und auch keine 30% für Mini-Führer-derivate wie Yörgele und H.C. und so weiter,
und es hätt auch keinen Schweigekanzler Schüsserl gegeben mit "Hände-falten-Goschn-halten parolen im ÖVP-Klub !
Aber da bräuchten wir auch mutige Abgeordnete !

Martin Brunner
00
25.1.2010, 13:58
mich kotzen diese opferrollen in die sich österreich immer sieht mehr und mehr an


ich wurde bei vielen aufenthalten im ausland in dieser zeit in keinster weise sanktioniert oder angefeindet.

schüssel und haider hätt ich auch nicht die hand geben wollen (bei beiden war man sich ja nicht sicher, ob man sie zurück bekommen hätte)

dass verschiedene länder aus verschiedenen gründen eine "domestizierung" einer international ungustiösen rechtspopolitischen sprache nicht folgen wollte ist klar... die meisten - wohl um im eigenen land zu zeigen, dass es keinen erfolg haben darf so primitiv hassschürend wahlkämpfe zu führen...

gerade viele bekannte in Deutschland haben es so interpretiert - weil dort die fpö mit der ndp gleichgesetzt wurde - nur österreich wird diese partei weiter in die mitte gelogen!

W.Hammerl
00
25.1.2010, 18:36

Ob jemand Schüssel bzw. Haider die Hand verweigert hätte, ist mir ziemlich wurscht. Beschämend aber war, dass u. a. österr. Schüleraustausche und Maturareisen in Frankreich abgesagt wurden und in Holland zum Boykott von Reisen nach Österreich aufgerufen wurde. Die Aussagen des damaligen deutschen Außenministers und vormaligen Bullenschlägers waren auch sehr weit von "seriös" entfernt.

flotter denker
01
25.1.2010, 17:43
Und mich Deine Haltung

Oesterreich ist natuerlich in vieler Hinsicht kein Opfer. Aber die Sanktionen waren einfach eine Frechheit und durch absolut nichts, aber auch schon gar nichts zu rechtfertigen, ausser durch Eitelkeit und Ueberheblichkeit von EU Politikern, Journalisten und einiger Kuenstler.

Mucosaprolaps
00
25.1.2010, 15:53

Ich war in Deutschland berufstätig, als Schüssel sein blaunschwarzes Kabinett 1 vorstellte, und wurde ANDAUERND drauf angesprochen, wenn jemand meinen Akzent erkannte; zB von wangennarbigen Neonazis mit "Urlaub in Österreich, jetzt erst recht"-Aufkleber am Auto, von Kunden ("Na jetzt versteh ich, wieso'ste zun nach Deutschland jekommen bist, unsere Neonazis sind näher an einem Konkursverfahren als am Bundestach") usw

Kontrahent1
00
25.1.2010, 18:42
Speziell nach dem Interview

von Haider bei E. Böhme hatte ich total gegenteilige Erfahrung, besonders in der Industrie und bei jungen Leuten welche nicht studierten.

Kritifaxe
00
25.1.2010, 13:47

Lieber Herr Sperrl,
es gibt viel, viel mehr ..Leute) die mehr von den Sanktionen verstehen und zu den politischen Nuancen, als es sich der "Durchschnittsbürger" vorstellt. Auch darin istb man der Opferrolle entstiegen.
Ich stimme nicht immer< mit Pelinka überein, wiewohl er ein brillanter Zeitgeist ist

Anton Friesl
13
25.1.2010, 13:24
Durch die Sanktionen.,.

hat sich die EU als undemokratisches Internat entpuppt. Nicht die Zöglinge entscheiden sondern die Erzieher.

erasmus magnifico
00
25.1.2010, 14:12

Französische und deutsche Rechts/Linkspopulisten haben auch keinen Stimmenanteil von 25-30 % und wurden auch noch nicht an Regierungen beteiligt.

Bis heute habe ich nicht verstanden über welche Sanktionen sich die Volksseele so ereifert. Außer dass ein paar EU-Politiker Herrn Schüssel nicht die Hand schütteln wollten - und das kann ich sehr gut nachvollziehen !

robinsons freitag
113
25.1.2010, 12:58
Habe das Buch am Freitag gekauft


und fast alle Beiträge gelesen (Pelinka und Benz noch nicht).
Die gelesenen sind – bis auf Sebastian Kurat – mehr oder weniger polemisch und ungenau bis hin zur Geschichtsfälschung durch gezieltes Weglassen und falscher Gewichtung der Ausgangslage.

Schade. Dennoch: lesenswert weil die Verfasser entlarvend.
Sollte ein soeben gelandeter Marsianer das Buch lesen, müsste er meinen, Österreich sei seit vielen Jahren eine lebensgefährliche, beinharte Polizei-, Presse- und Justizdiktatur die eigentlich nie in die EU aufgenommen hätte werden sollen/dürfen.
Einzig ein (wehleidiges) Häufchen Gerechter (= Asterixsyndrom) hätte Mut und Durchblick bewahrt.

Allt sem ég fæ í dag, farið burt á morgun..
00
25.1.2010, 12:33

diesen artikel kann man höchstens zur kenntnis, aber nicht ernst nehmen..

Dirty_Harry
02
25.1.2010, 12:32


Wie die Zeit doch vieles verändert - den Champagner trinkenden Gusenbauer gibt es in der österreichischen Politik nicht mehr und die EU-14-Staaten wollen von den damaligen Geschehnissen auch nichts mehr wissen.

W.Hammerl
00
25.1.2010, 18:38

Warum wohl?

Happels Erben
117
25.1.2010, 11:17
Ist es ein Wunder

wenn die EU reagiert wenn die Partei in die Regierung kommt, deren Führer bei Wahlveranstaltungen von sich gibt " Wenn ich an der Macht bin, werden die die jetzt pfeifen die Luft zum Arbeiten brauchen?"

Letzendlich haben die Sanktionen gezeigt, das die anderen Mitgliedsstaaten doch nicht tatenlos zuschauen wenn ein Mitglied sich mit dem Faschismus anfreundet. Angesichts der aktuellen Wirtschaftslage, der Politikverdrossenheit und des aufkeimenden Nationalismus in manchen Staaten ist das doch beruhigend.

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