Experten sehen Alternative zum herkömmlichen Musik-Besitz nahen - Gespannter Blick auf Apple
Der Besitz von Musik könnte bald zunehmend der
Vergangenheit angehören: Von den großen Hits kommender Jahre werden
jene Kids, die Musik nicht ohnehin illegal downloaden, weder eine CD
noch eine Musikdatei erwerben - sondern die Lizenz zum Hören. Und
damit das Recht, den jeweiligen Song auf Handys, MP3-Player,
Computer, schlicht: auf allen Geräten und an jedem Ort über
Soundstreaming zu hören. Die Musik selbst bleibt hingegen in der
"Wolke" gespeichert, in leistungsstarken Computerfarmen irgendwo auf
der Welt. "Alles zeigt in diese Richtung", sagten Experten am Samstag
zum Auftakt der heute, Sonntag, startenden Musikmesse MIDEM (bis
27.1.) in Cannes.
Geburtswehen
Auf dem begleitenden Kongress MIDEMNET sucht das Musikbusiness
seit Samstag zum elften Mal nach neuen Wegen, im Zeitalter von
illegalen Downloads Geld zu verdienen. Nach langen Geburtswehen im
Umgang mit Filesharing und sonstigen nichtlizensierten
Verbreitungswegen von Musik, die seit Jahren für einen rasanten
Rückgang bei den CD-Verkäufen sorgen, hat die Branche erkannt: "Es
ist nicht unser Geschäft, Plastikscheiben zu verkaufen", wie Simon
Wheeler vom britischen Label "Beggar's Group" sagt. Überhaupt hat das
Musikbusiness "ein bisschen ein Problem: Das, was wir verkaufen
wollen, kauft keiner mehr", sagte Hal Ritson von der Band The Young
Punx.
Kreativität gefragt
Denn Musik selbst "hat zwar Wert", wie zahlreiche Diskutanten bei
den Diskussionsveranstaltungen und Reden des ersten MIDEMNET-Tages
betonten. Aus diesem jedoch Kapital zu schlagen, verlangt Kreativität
(und auch Spaß, wie Radiohead-Musiker Ed O'Brien forderte). Auf der
für viele dennoch offenbar wenig spaßigen Suche nach neuen
Einnahmequellen wird so manches Vorurteil über den Haufen geworfen:
Das am stärksten wachsende Segment des Musikbusiness etwa war 2009
die Vinyl-Schallplatte, sagt Terry McBride vom kanadischen Label
Nettwerk Music. Und mehr Menschen haben im vergangenen Monat Musik
über eine legale Streaming-Plattform gehört als Musik über
Filesharing getauscht haben, so Jasper Donat von "Music Matters".
Abo-Systeme
Viel Hoffnung wird daher in Abo-Systeme gesteckt. Dabei kann gegen
eine monatliche Gebühr unbegrenzt Musik gehört und, bei manchen
Angeboten, auch heruntergeladen werden. Der Nachteil: Man ist zumeist
an ein Gerät gebunden, das Abo lässt sich selten auf PC, Handy und
Mp3-Player gleichberechtigt nutzen. Das widerspreche jedoch den
Nutzerbedürfnissen: Sie wollen ihre Musik "auf allen Geräten hören",
sagte Michael Paull, bei Sony Music verantwortlich für das digitale
Business. Zwar hat die Musik den Schritt vom Produkt (CD) zum Service
längst vollzogen. Doch dieses Service ist nach wie vor eingeschränkt,
nicht der Nutzer, sondern die Musikdatei steht im Zentrum. Das stößt
vielen Konsumenten sauer auf.
Cloud Computing
"Die Welt geht in Richtung eines Nutzungs-basierten Modells", sagt
daher Wheeler. "Das wird passieren. Wir müssen unser Business danach
ausrichten." So soll das Business auf den Kopf gestellt werden: Nicht
mehr die Datei wird verkauft, sondern der Käufer erhält gegen Entgelt
die Lizenz zum Hören. Wie er diese einsetzt, bleibt ihm überlassen:
Der jeweilige Song soll aus der dezentralen "Wolke" des sogenannten
Cloud Computing über "so viele Angebote wie möglich" zum Kunden
kommen. Nach Asien soll etwa demnächst auch in Europa die
Handynutzung als "Fernsteuerung des Lebens" rasant zunehmen.
Probleme
Doch auch wenn man dem Musikbusiness Innovationswillen längst
nicht mehr absprechen kann: Die Lösung der eigenen Probleme wird
trotz allem gern anderen überlassen, seien es Regierungen (wie im
Falle der umstrittenen Urheberrechts-Forderungen) oder ein
Gerätehersteller. Auch wenn das vorläufige Resümee der
Diskussionsrunde alle zu überraschen schien ("Niemand hat den iPod
erwähnt", sagte Musikproduzent Richard Gottehrer, "dabei galt der als
das Wunder aller Zeiten"), blickt die Musikindustrie gespannt auf den
iPod-Hersteller Apple. Dieser hat für nächste Woche eine
Produktpräsentation (nach allgemeinen Erwartungen eines
Tablet-Computers) angekündigt. Hand in Hand mit dem Gerät könnte eine
neue Form der Musiklizenzierung gehen, so die Gerüchteküche auf der
MIDEM. Und nicht nur Paul Brindley (von Music Ally) glaubt: "Alles
zeigt in Richtung Wolke. Apple kann das durchsetzen - und Apple muss
diesen Schritt machen."
Kontext statt Content
Das Musikbusiness selbst wird künftig immer weniger Augenmerk auf
den Verkauf von Musik legen. Denn das Geld liegt anderswo: 19 Prozent
der Fans würden alles geben, um ihrem Star nah zu sein, in den USA
und Großbritannien sogar ein Drittel, zeigt eine Umfrage von "Music
Matters". Und dieses "alles" soll vor allem jenes Geld sein, das die
Fans nicht mehr in den Erwerb von Tonträgern investieren. Nicht mehr
der Content, sondern der Kontext soll künftig verkauft werden.
Musikempfehlungen
Musik ist überall - aber "was sind die 15 Songs, die ich mir heute
am Abend anhören will? Mir diese zu zeigen, darin liegt viel Geld",
beschreibt Ted Cohen von TAG Strategic einen jener Bereiche, die
künftig Geld bringen sollen: Musikempfehlungen. "Unlimitierten Zugang
zu Musik zu haben, ist fast so wie keinen Zugang zu haben", sagt auch
Paull. Zunehmend wichtiger werden daher Möglichkeiten sein, Musik zu
entdecken, ohne dabei Millionen von Songs durchackern zu müssen.
Empfehlungen von Freunden auf Social Networks, automatische Analyse
des eigenen Musikgeschmacks, der Austausch von Playlists - derartige
Angebote können "Musik mit Wert anreichern", sagt McBride.
Blogs haben Vorreiterrolle
Zunehmend übernehmen auch "Blogs die Vorreiterrolle" in Fragen des
Musikgeschmacks, sagt Ritson, der gemeinsam mit Amanda Palmer von den
Dresden Dolls die Sicht des Künstlers vertrat. "Als Künstler muss man
sagen: Verkäufe sind keine Kennzahl für Erfolg mehr. Junge Menschen
teilen Musik. Wir müssen uns andere Orte suchen, an denen Geld zu
machen ist." Er betreue eine junge, aufstrebende Band, zu der "gibt
es 10.000 Kommentare online, wie genial ihre Musik ist. Und ihre
digitalen Verkäufe? 300 Einheiten." Nicht nur Palmer hat die
Erfahrung gemacht: "Meine Fans sind sehr gemeinschaftsorientiert."
Über Blogs, Twitter, soziale Websites versuchen daher die Musiker,
den Kontakt zu ihren Fans zu pflegen.
"Musiker müssen Gastgeber einer Party sein"
Dies sei eine neue Herausforderung für viele Musiker, sagte Gina
Bianchini von der sozialen Website Ning. "Viele Schauspieler haben
den Übergang von der Stumm- zur Tonfilmzeit nicht gut gemeistert. Das
selbe passiert heute: Musiker müssen nun Gastgeber in einer Party
werden, die rund um die Uhr dauert." Dazu seien nicht alle geeignet.
Eine erfolgreiche Online-Präsenz könne auch abseits der herkömmlichen
Erfolgsfaktoren - Verkäufe, Radio-Einsatz - eine Karriere aufbauen.
Nur müsse man den Menschen Möglichkeiten geben, etwas zu zahlen:
"Wenn den Menschen etwas wichtig ist, dann wollen sie dafür etwas
ausgeben", so Bianchini.
Bescheidene Fortschritte
Dass dieses Lied vom "Context is King" bereits im Vorjahr bei der
MIDEM angestimmt wurde und die Fortschritte seither bescheiden waren,
wurde in der Diskussion nicht thematisiert. Die Musikbranche ist
jedenfalls wahrlich nicht alleine in den Übergangsproblemen ins
digitale Zeitalter. "Die Welt hat sich nicht nur im Musikbereich
verändert, sondern alles hat sich verändert", sagt Gottehrer. Davon
konnte auch Gastredner Jeffrey Hayzlett ein (unterhaltsames) Lied
singen, denn sein Unternehmen hatte mit mindestens so großen
Umwälzungen zu kämpfen wie das Musikbusiness: Kodak hat sich
innerhalb weniger Jahre vom Filmhersteller zum Service-Anbieter
gewandelt. Hayzletts Tipp an das Musikbusiness: "Überzeugt die
Menschen, dass die besten Jahre noch vor euch liegen. Und beeilt euch
mit den Veränderungen. Denn ihr werdet Fehler machen. Und es ist
immer besser, Sachen schnell in den Sand zu setzen."(APA)