Simon Rothöhler & Ekkehard Knörer, 23. Jänner 2010 18:24
Der US-Nachrichtensender CNN steht in den letzten Jahren an der vordersten Front der Umsetzung von Bewegtbild-Innovationen in den Nachrichten-Mainstream
Der US-Nachrichtensender CNN steht in den letzten Jahren an der vordersten Front der Umsetzung von Bewegtbild-Innovationen in den Nachrichten-Mainstream. Vor zwei Jahren verblüffte man das Publikum, indem am Ort des eigentlichen Geschehens befindliche Korrespondenten à la "Star Trek" in 3D ins Studio gebeamt wurden. Das Universal-Archiv namens YouTube hat selbstverständlich die Bilder:
In der Berichterstattung von der Erdbebenkatastrophe in Haiti präsentiert der Sender nun online eine von der Firma "Immersive Media" entwickelte Innovation: das interaktive 360°-Bewegtbild. Auf dieser CNN-Seite läuft ein auf den ersten Blick ganz normales Bewegtbildvideo - stutzig macht die in die Bildmitte platzierte Aufforderung "Click & Drag Image" ("Bild anklicken und ziehen"). In der Tat kann man mit der Maus den Blick innerhalb des laufenden Films drehen und wenden nach Lust und Laune: oben, unten, seitlich, in jedem Winkel. Das erinnert an Googles Streetview, mit dem kleinen Unterschied, dass die Streetview-Bilder selbst nicht bewegt, sondern fotografisch unbewegt sind.
Hier wie da handelt es sich freilich nicht um "realistische", sondern um virtuelle, das heißt: zusammengesetzte, errechnete Bilder. CNN führt in diesem Video die eingesetzte Kameratechnik vor Augen. Die Kamera ist ein Kugelkopf mit elf Kameraaugen, die in der Addition tatsächlich das gesamte Sichtfeld abdecken. Zur Ausrüstung gehört, wie im Video demonstriert, der Computer, der die Einzel-Streams zum Gesamtbild umrechnet, schon dazu. Der Algorithmus, der für die nahtlose Zusammenfügung der elf Bildfelder und -flächen zu einem auch bei interaktiver Steuerung kontinuierlichen Bildstream sorgt, ist offenkundig so simpel, dass die Bewegung innerhalb dieses virtuellen 360°-Echtbildraums auch schon mit ganz gewöhnlichen Breitband-Internetverbindungen möglich ist.
Das Video Haiti 360° verspricht "immersive" Berichterstattung und ersetzt dabei Distanz durch einen "interaktiven" Blick, der buchstäblich nicht mehr journalistisch gerahmt und perspektiviert ist: Mittendrin statt nur dabei, sehen Sie sich doch selbst mal ein bisschen in den Trümmerlandschaften Haitis um! Obszön ist vieles daran: Ein depravierter Lebensraum, der nur im Katastropenfall in die visuelle Kultur des Westens Eingang findet, wird zum Objekt einer innovativen touristischen Medientechnologie, die nicht nur wegen der 360°-Logik an Benthams Panopticon erinnert, das Foucault als allgemeines "Funktionsmodell der Macht" gedeutet hat: Alles sehen, alles wissen wollen, ohne selbst gesehen zu werden. Nicht zuletzt weil die Kugelbewegung auch im Pause-Modus funktioniert, das Video also zu jedem beliebigen Zeitpunkt angehalten und raumkontrollierend abgescannt werden kann, muss man kein Medien-Paranoiker oder Kulturpessimist sein, um eine Ahnung davon zu bekommen, dass CNN der Welt gerade unter postkolonialen Bedingungen ein neues Blick-Regime vorführt. (derStandard.at, 23.01.2010)
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es ist immer wieder amüsant, wenn man an jenen in den 1990er jahren aufgekommenen geisteswissenschaftlichen kulturpessimismus
erinnert wird, der zumal im deutschsprachigen raum noch (rand)existiert und einigen 35-50jährigen als kulturkritik gilt. typisch für dieses phänomen ist die fixiertheit auf das visuelle, wobei dem blick grundsätzlich negative intentionen unterstellt werden und das gesehene zum objektartigen opfer erklärt wird.
so auch hier: eine neuartige aufnahmetechnik wird als "obszön" verurteilt. ebenso könnte man natürlich den 35mm-kamerablick verurteilen, weil er mehr abzubilden erlaubt als eine Super8-Kamera usw. oder gar anamorphotische breitwandtechniken. aber das wäre wohl allzu offensichtlich als lächerlich zu entlarven.
übrigens kann jede hilfsorganisation bestätigen: ohne bilder kein interesse, ohne interesse keine spenden.
was anderes ist mir dazu nicht eingefallen. das video hat mich jetzt ein wenig verstört.
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