Irak-Untersuchungskommission

Die 45-Minuten-Waffe

22. Jänner 2010, 18:42

Britische Kommission nähert sich dem Eingemachten

Die britische Untersuchungskommission, die nachzuvollziehen versucht, wie es zur Irak-Kriegsbeteiligung 2003 kam, nähert sich dem Eingemachten. Der damalige Außenminister Jack Straw sagte aus, dass er Premier Tony Blair gewarnt habe, dass vom britischen Standpunkt her das US-Kriegsziel "regime change" illegal sei - und dass damit die "Existenz" der geheimen irakischen Massenvernichtungswaffen umso wichtiger wurde.

Ein Lehrstück bietet die Affäre um die "45-Minuten-Behauptung": In einem Dossier der britischen Regierung wurden irakische Chemiewaffen erwähnt, die "in 45 Minuten einsetzbar" sein sollten. Straw beteuert, er habe daran geglaubt - so sehr, dass er die Frage nie stellte, um welche Waffen es sich da handelte. Geoff Hoon, zu der Zeit Verteidigungsminister, sagte hingegen vor der Kommission aus, er habe damals sehr wohl nachgefragt - und erfahren, dass mit Chemiemunition zu bestückende Granatwerfer gemeint waren, aus der Zeit des Iran-Irak-Kriegs. Er habe sich gewundert, warum die Iraker so lange - ganze 45 Minuten - brauchen sollten, um sie zum Einsatz zu bringen.

Die "45-Minuten-Behauptung" sei die bedeutendste im ganzen Dossier gewesen, sagt Hoon. Bis er aufgeklärt wurde. Aber sein Wissen erreichte die Öffentlichkeit nie. Vielleicht, weil die Medien, wie Straw, es auch nicht so genau wissen wollten: Es war nie von einer kriegsentscheidenden Waffe die Rede, nicht einmal, wenn sie mit Chemiegranaten bestückt gewesen wäre - die es ebenfalls nicht gab. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 23.1.2010)

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claudio rossino
10
24.1.2010, 18:26
Die Finanzierbarkeit

von Massenvernichtungswaffen ist das entscheidende Argument : Wenn es dem Irak zu Zeiten der Petrodollar nicht gelungen war, MVW zur Verfügung zu haben, die diesem Namen gerecht werden (also mehr als ein paar verrostete Fässer mit chem. Kampfstoffen Niveau erster Weltkrieg), wie soll das dann während des Embargos gelungen sein, als in Bagdad Kinder verhungerten?
Das war einige Wochen vor Kriegsbeginn allen klar.
Erst eine gezielte Falschinformation der US-Dienste (vermutlich im Auftrag des Präsidenten) hat dann bei einigen Naiven (zu denen ich Blair nicht zähle) zum Umdenken geführt.

elmar korinek
10
24.1.2010, 17:46
Dr. David Kelly

War der Freitod des UN-Waffenexperten Dr. David Kelly tatsächlich ein solcher?
Die Umstände seines bedauerlichen Todes waren jedenfalls höchst mysteriös.
Auch wenn die Untersuchungen ("Hutton Inquiry") durch Blair angeordnet wurden, bleiben die Darstellungen über seinen Tod zu diesem Zeitpunkt und unter diesen Umständen fragwürdig.

Fritz Wunderlich
00
27.1.2010, 10:45

ja, ein selbstmord bleibt oft mysteriös, für außenstehende

badlwand
01
24.1.2010, 11:38
lustig finde ich nur,

dass das ganze durchaus immer wieder funktioniert,
es keine konsequenzen für die verbrecher gibt.
(vorbereitung und ausführen eines angriffskrieges)

schlüsselrolle spielen dabei die medien.

Artischoke
10
24.1.2010, 17:03

Die eigene Nation hat kaum je die Ihren für Kriegsverbrechen hart verfolgt. Hier sollten die Medien mehr Druck machen.

Was internationale, völkerrechtliche Verfolgung anbelangt, ist das Entstehen von solchen Tribunalen und Gerichtshöfen letztlich eine Frage der Machtverteilung und der internationalen Diplomatie. Gerechtigkeitserwägungen spielen da leider eine untergeordnete Rolle. Status quo ist, dass für die Einrichtung von völkerrechtlichen Tribunalen wie in Ruanda/Jugoslawien ein Beschluss des UN-Sicherheitsrates erforderlich ist, und den wirds nicht geben wenns potentiell gegen Vetomächte wie USA und Großbritannien oder deren Verbündete geht. Das Gleiche gilt natürlich für die anderen Vetomächte. Da sind die Medien machtlos.

Simplicius Simplicissimus
10
24.1.2010, 10:06
Es gibt wohl ...

... sicher auch Leute, die glauben sehr daran, dass die USA, GB, und andere "westliche Alliierte" Massenvernichtungswaffen besitzen und in ähnlich kurzer Zeit einsetzen können.

Flat Decider™
03
23.1.2010, 13:28
Im hiesigen Archiv finden sich lustige Sachen zum thema "Blair 45 Minuten"

der Bericht von damals: http://derstandard.at/1080226 - kommen jemandem die raketen, die "bald schon europa erreichen können" bekannt vor?

Bertel Mann
00
23.1.2010, 18:41
Ob im Originalartikel das Wort "Beweise" auch schon in Anführungszeichen gesetzt war?

Servus nach Österreich
00
23.1.2010, 13:31
Ach, meinen Sie die iranischen Raketen, die ...

bis ins Burgenland reichen laut "Experten"?

http://derstandard.at/125380799... d-Experten

nukularteilchen
10
23.1.2010, 12:06

Für eine Hand voll Öl wurde gelogen.

NONE
11
23.1.2010, 11:52

Tja, ist das so schwer zu erkennen das sie angreifen wollten, egal aus welchen Gründen ...

Georg Schütt
81
23.1.2010, 10:01
Wir wissen nicht, was Blair aussagen wird. Sollte er aussagen, er habe gewusst, dass der Irak keine C-Waffen besaß, wäre das jedenfalls eine Neuigkeit.

Die immer wieder hier zu lesende Behauptung, es sei eine LÜGE, dass der Irak 2003 MVW besessen habe, ist unwahr.

Bis heute fehlt jeder Beweis, ich wiederhole, jeder Beweis, dass der Irak 2003 keine MVW mehr besaß. Weder die beteiligten Staaten, weder die USA noch der Irak, auch nicht internationale Organisationen haben vor 2003 bestätigt, dass der Irak keine MVW mehr besaß. Vielmehr gingen alle Staaten, auch die kriegskritischen wie Deutschland davon aus, dass der Irak noch Reste von C-Waffen besitzt.

Bertel Mann
18
23.1.2010, 20:43
Tolle Argumentation

Es fehlt übrigens auch jeder Beweis, dass Sie kein Waffenlager in Ihrem Keller haben.

P.S.: Sollte bei einer Durchsuchung kein Waffenlager gefunden werde, beweist das nur, wie sorgfältig Sie es versteckt haben. Das macht Sie natürlich noch verdächtiger...

Fritz Wunderlich
11
27.1.2010, 10:48

es fehlt auch jeder beweis, dass sie ein mensch und nicht ein postingalgorithmus einer antiamerikanischen website sind

Bertel Mann
00
31.1.2010, 12:52
Stimmt!

Georg Schütt
61
23.1.2010, 21:17
Dass Saddam selbst C-Waffen eingesetzt hat, dass also alle Annahmen über seine C-Waffen auf einem ernsten Hintergrund beruhen, verschweigen seine Verteidiger natürlich gern.

Aber was machen ein paar vergaste Kurden schon, solange er sich als US-Feind positioniert, stimmt´s? Das ist doch Ihre Geisteshaltung, oder?

THE MGT.
06
24.1.2010, 05:46
Sie meinen Halabdscha?

Das war 1988, während des Irak-Iran-Krieges. Nach dessen Ende kam die Invasion des Irak in Kuwait und danach waren von 1991 bis 1998 UN-Waffeninspektoren dort und habe chem. Waffen zerstört. Deren Leiter, Scott Ritter, hat ausdrücklich festgehalten, dass zum es zum Zeitpunkt des Angriffs der USA und ihrer Verbündeten 2003 längst keine solche Waffen mehr im Irak gab. Nach dem Krieg stellte die Iraq Survey Group das ebenfalls fest.

Die Invasion trotz alldem immer noch mit mit chem. Waffen zu rechtfertigen zeugt von ziemlicher Ignoranz den Fakten gegenüber.

Im Übrigen: Diese Invasion zu verurteilen ist entgegen ihres Kommentars keineswegs mit einer Verteidigung Saddams gleichzusetzen. Das ist sehr billige Rhetorik.

Georg Schütt
21
24.1.2010, 14:46
Es geht nicht um das, was nach der Invasion 2003 festgestellt wurde.

Es geht um die großen Institutionen wie die UNO. Und die sagten bis 2003, dass man davon ausgehen müsse, dass der Irak MVW besitzt. Ganz änliches eben von der deutschen Bundesregierung.

Dass Ihnen und vielen anderen das nicht passt, ist mir klar; schließlich kann man Saddam somit kaum als unschuldiges Opfer ansehen.

THE MGT.
11
24.1.2010, 16:59

Wo wurde das von der UNO gesagt, bitte konkret, und welche anderen "großen Organisationen" meinen Sie, auch hier: bitte konkret.

Zu Ihrem Nachsatz bzgl. Saddam als unschuldiges Opfer erübrigt sich eigentlich jedes Kommentar. Sie scheinen tatsächlich nicht zu begreifen, dass es nicht darum geht ihn zu verteidigen, sondern darum, die Lügen aufzuarbeiten, mit denen ein Krieg zur Gewinnung von Resourcen begründet wurde (erinnern Sie sich noch an die Lügen zu Saddams Al-Kaida-Connection und das angebliche Uran aus Niger?).

Es ging den USA und der Koalition nicht um die Kurden oder um Demokratie im Irak. Es ging - und geht - um Öl und Geld.

Georg Schütt
10
24.1.2010, 19:58
Hier ein Hinweis zur UNO. Stand Ende November 2002. Es handelt sich um die letzte UN-Resolution vor dem Einmarsch:

"Deploring the fact that Iraq has not provided an accurate, full, final, and
complete disclosure, as required by resolution 687 (1991), of all aspects of its
programmes to develop weapons of mass destruction and ballistic missiles with a
range greater than one hundred and fifty kilometres, and of all holdings of such
weapons, their components and production facilities and locations, as well as all
other nuclear programmes, including any which it claims are for purposes not
related to nuclear-weapons-usable material, [...]"
http://daccess-dds-ny.un.org/doc/UNDOC... penElement

Die UN stellte einstimmig fest, dass der Irak seine MVW nicht wie vereinbart abgerüstet hatte.

THE MGT.
02
24.1.2010, 22:52
Ein paar Klarstellungen (das Link funktioniert nicht, vermutlich meinen Sie Resolution 1441):

"Die UN stellte einstimmig fest, dass der Irak seine MVW nicht wie vereinbart abgerüstet hatte" ist falsch Das ist bloß eine sehr freie Übersetzung Ihrerseits.

Vielmehr hielten die damaligen 15 Mitglieder des Sicherheitsrates fest, dass der Irak seine diesbezüglichen (früheren) Programme nicht vollständig offengelegt habe. Nirgendwo in dieser oder einer anderen Resolution wird die Behauptung aufgestellt, dass der Irak 2002/2003 immer noch über solche Waffen verfügte. Das behaupteten u.a. Powell (der das später selbst als Tiefpunkt seiner polit. Tätigkeit bezeichnete), Blair (das wird bei der Anhörung nun noch interessant) und die Bush-Clique, um die seit 1998 bestehende Agenda des "Regime Change" im Irak durchzusetzen und ans Öl zu kommen.

Georg Schütt
00
25.1.2010, 17:14
Sie konstruieren einen Widerspruch:

Der Irak war verpflichtet, alle Waffenprogramme zu veröffentlichen. Das hat er nicht getan. Also musste man davon ausgehen, dass er seine Waffenprogramme eben nicht aufgegeben hatte.

Das taten alle Verantwortlichen.

THE MGT.
00
25.1.2010, 21:33

Das behaupteten jene, die den Krieg wollten. Aber nicht mal alle Verantwortlichen von damals glaubten selbst daran - wie ja u.a. dem obenstehenden Artikel zu entnehmen ist.

Wie schon gesagt, selbst Scott Ritter, der die Mission der UN-Waffeninspektoren im Irak leitetete, hielt fest, dass es keine derartigen Waffen mehr im Land gab. Wie nun immer deutlicher herauskommt wussten das auch die Geheimdienste schon damals - und somit auch die Entscheidungsträger in Wahington und London.

Die Nichtbefolgung der UN-Vorgaben in Sachen Waffenspektoren nach 1998 durch den Irak ändert nichts daran, dass die MVW nur ein vorgeschobener Kriegsgrund waren, von Anfang an.

Georg Schütt
00
31.1.2010, 09:27
"Die Nichtbefolgung der UN-Vorgaben in Sachen Waffenspektoren nach 1998 durch den Irak ändert nichts daran, dass die MVW nur ein vorgeschobener Kriegsgrund waren, von Anfang an."

Die Nichtbefolgung der UN-Vorgaben in Sachen Waffenspektoren nach 1998 durch den Irak - genau das ist der Punkt.

Ihnen fällt schon auf, dass hunderte hier leugnen, was Sie gerade selbst zugeben?

THE MGT.
00
Keineswegs.

Sie und andere, die den Krieg wollten bzw. heute noch zu rechtfertigen suchen, schließen aus der Nichtbefolgung dieser UN-Vorgaben, dass es im Irak MVW gab oder geben hätte können. Hingegen gab es damals bereits die Aussagen Ritters sowie, wie sich ja nach und nach herausstellt, die Kenntnis der Geheimdienste, dass es dort eben keine solche Waffen mehr gab.

Durch die Geheimdienste wussten das auch Bush/Cheney & Co. sowie Blair. Trotzdem, wider besseres Wissen, begründeten die den Einmarsch aber mit eben diesen nicht vorhandenen Waffen. Sie haben gelogen. Sie wollten den Krieg schon seit das PNAC das in sein Strategiepapier geschrieben hatte. Mit Bush kamen diese Leute in die Regierung u. denen war jedes Mittel recht den Krieg durchzusetzen

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