Mayers Europablog

Der Skandal um das US-Datenaustauschabkommen

Thomas Mayer, DER STANDARD, 21. Jänner 2010, 19:59
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    foto: apa/epa/suzan

Kaum hat das Europäische Parlament gegenüber EU-Kommission und dem Ministerrat der Regierungen der Mitgliedstaaten bei der Ablehnung einer ungeeigneten Kommissarsanwärterin Stärke gezeigt, wird es schon wieder von einem Schwächeanfall erfasst. Es wird zum Abkommen EU-USA zum Datenaustausch bei der Terrorbekämpfung (Swift) nächste Woche nun doch keine Sondersitzung des Plenums geben.

Stattdessen soll sich der Innenausschuss damit befassen, das Plenum dann erst wieder bei der nächsten regulären Sitzung in Straßburg am 10. Februar - also genau einen Tag nach der geplanten Wahl der EU-Kommission am 9. Februar.

Das ist schade. Denn dazwischen liegt der ominöse 1. Februar, jener Tag, an dem das Interimsabkommen in Kraft treten wird, wie es die Innenminister beschlossen haben. Und zwar in einer Art rechtsfreiem Raum. Denn der Ministerrat hatte das Abkommen unter Ausschaltung der Mitarbeit des Parlaments am 30. November vergangenen Jahres fixiert, nur wenige Stunden vor dem Inkrafttreten des EU-Vertrages von Lissabon am 1. Dezember, der den Parlamentariern volles Mitentscheidungs- und -gestaltungsrecht bei Angelegenheiten der inneren Sicherheit gewährt.

Unglaublich, wie bei solch wichtigen Sachen wie Datenschutz und Bürgerrechte kürzeste Fristen zum Tragen kommen. Es schlug dem Fass den Boden aus, dass EU-Kommission und Ministerrat den Parlamentariern bis gestern die für eine ordentliche Debatte nötigen Übersetzungen nicht geliefert haben. Eine Ungeheuerlichkeit, ein Ohrfeige ins Gesicht der EU-Bürger, eine Provokation geradezu durch die Barroso-Kommission, die gleichzeitig um ihre Bestätigung im Parlament buhlt.

Aber was die ignoranten Regierungen der Mitgliedsländer können, das sollten die Volksvertreter in Straßburg allemal zusammenbringen: dieses zweifelhafte Abkommen gleich wieder zu Fall bringen, weil zu viel im Dunkeln liegt. Es geht einfach nicht an, dass die Amerikaner nach Belieben die Kontodaten der Europäer abschöpfen können unter dem Prätext drohenden Terrors. Denn entgegen allen Versicherungen der Innenminister gibt es dabei fast keine Limits, sofern auch nur schwammige Terrorbedrohung vorgespiegelt wird.

Kein Abkommen aber wäre genauso gut wie dieses zweifelhafte. Dann müssen bis zur Erarbeitung eines neuen Textes, bei dem die EU-Abgeordneten und ihre Einwände wegen möglicher Verletzungen von Grund- und Bürgerrechten ernst genommen werden, eben die alten Regeln gelten: bilaterale, zwischenstaatliche Abkommen. Nicht ideal, aber auch die USA werden lernen müssen, dass die Union kein Nichts mehr ist, mit dem sie in Sicherheitsfragen nach Belieben hin und herspielen können.

Noch stärker wäre es natürlich, die Parlamentarier würden Barrosos Kommission einmal mehr das Vertrauen entziehen, und die Wahl vom 9. Februar erneut verschieben. Denn offenbar ist der Kommissionspräsident nicht bereit, die Lehren zu ziehen und die neue Gewaltenteilung mit dem Parlament zu leben. Warum dieses harte Urteil? Ganz einfach: Zur Aussprache über Swift hat die Kommission es vorgezogen, gar nicht zu erscheinen. Ihre Sitze blieben leer. Barrosos Frauen und Mannen werden aus Schaden offenbar nicht klug, sondern unklug, wie ein Kollege treffend bemerkte.

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17 Postings
Spock von Shi'Kahr
00
Was tun Herr Mayer?

Der Trend in Sachen Datenschutz und Bürgerrechten mit Verschleierung und Überrumpelungstaktik zu arbeiten ist weiter am zunehmen. Ihr Artikel macht mich ganz betroffen und die Vorgehensweise des Europäischen Parlaments verärgert und verunsichert mich. Ich frage mich was ICH tun kann um zu zeigen, dass ich mit solchen Entscheidungen und Vorgehensweisen nicht einverstanden bin?

Walther von der Vogelweide, der 1.
00
25.1.2010, 12:38
SWIFT-Datenaustauschabkommen versus Bankengeheimnis

Wenn es um die Daten der Allgemeinheit geht werden sie großartig verschenkt, wenn es um die Daten der Privilgierten (= Bankgeheimnis) geht sind unsere Politiker knallhart, selbst wenn ganz Österreich in Geiselhaft kommt.

Nix da Smoothies! Obst trinkt man gebrannt.
03
25.1.2010, 09:34

Es ist zum Verzweifeln.

Sogar auf derstandard.at, wo ja anscheinend ein politisch überdurchschnittlich interessiertes Publikum unterwegs ist, bekommt ein Artikel über die Daten-"Austausch"-Schweinerei auch auf der Startseite und mit großem Bild ganze 11 Postings in drei Tagen.

Zum Vergleich: "Fiona Grassers Designfirma vor dem Aus", nach ein paar Stunden von der Startseite ins Wirtschaftsressort verschwunden, hält bei 65 Postings.

Ich glaube, wir brauchen gar nicht über die Politikerkaste schimpfen, die uns da verrät und für dumm verkauft. Wenn es uns offensichtlich wurscht ist, was da vor sich geht, können sie ja mit gutem Gewissen und lächelnd weitermachen.

little by little
00
28.1.2010, 18:48

noch eindeutiger

Elf Dinge, die dem iPad das Genick brechen
380 Postings

Vorratsdatenspeicherung: Verfassungsrechtler für Nicht-Umsetzung
4 Postings

FatFaceRicky
01
24.1.2010, 02:31

Kriegt Europa bei diesem Abkommen eigentlich irgendwas als Gegenleistung? Oder ist das eine Daten-Einbahn Richtung USA?

Unsere "Qualitätspresse" geizt wie immer mit Details bzw. Recherche.

Regis 1
01
25.1.2010, 12:43
Kriegt Europa bei diesem Abkommen eigentlich irgendwas als Gegenleistung

KEINEN tritt in den hintern?

Nix da Smoothies! Obst trinkt man gebrannt.
00
25.1.2010, 09:35

Die Überschrift heißt "Daten-Austausch-Abkommen" und nicht "Daten-Ablieferungs-Abkommen".

Das ist genug Entgegenkommen den Vasallen gegenüber.

saoTan
01
23.1.2010, 17:44
Wenn man in solchen Artikeln das Wort USA liest

...kann man eigentlich nicht fassen, dass es um das Land geht, in dem derzeit Barack Obama das Sagen (und damit auch die Verantwortung) hat. Ich finde es überzogen, wegen Guantanamo, Afghanistan oder Gesundheitsreform große Enttäuschung über Obama vorzuschützen (nach voriger überschwänglicher Euphorie). Aber wenn ich einmal herausfinden sollte, dass Obama für solche Dinge wie das Swift-Abkommen steht, dann wäre ich ehrlich erschüttert.

Michael B
011
22.1.2010, 09:10
Das ist einfach die eleganteste Lösung, nach der NIEMAND mehr für das Abkommen verantwortlich ist.

Das alte Parlament - hatte kein Mitspracherecht
Die alte Kommission - ist schon Geschichte
Das neue Parlament - hat das halt nicht beschlossen
Die neue Kommission - hat das halt nicht beschlossen
Die USA - lachen sich ins Fäustchen und betreiben weiter ungeniert Wirtschaftsspionage.

Christoph ************
01
22.1.2010, 19:31

Na nach dieser Rechnung gäbe es schon einen schuldigen: den Rat. Der kann sich schwer rausreden.

Das Parlament kann sich auch schwer rausreden, denn es hat sehr wohl auch nach dem alten Modus die Möglichkeit den Vertrag zu Fall zu bringen.

saoTan
00
24.1.2010, 23:22

Gut, aber dessen Zusammensetzung hat ja die größte Fluktuation überhaupt...

Michael B
00
23.1.2010, 19:30
Der Ministerrat hat auch einen "Vorteil":

Nach einem halben Jahr sind meistens schon die Hälfte der seinerzeitigen Minister nicht mehr im Amt, und die neuen sind auch nicht mehr dafür verantwortlich.
Und das Parlament will eben nicht einen "unfreundlichen Akt" setzen. Das würde ja das "konstruktive Klima" nachhaltig stören....

Christoph ************
00
25.1.2010, 01:40

Zwischen dem Rat und dem Parlament fliegen derzeit sehr wohl etwas die Funken. Es hat einen ziemlichen Eklat gegeben, als das EP verkünden lies, dass ab jetzt die Zugangsbestimmungen von Ratsdiplomaten "reziprok" gehalten werden, also genauso restriktiv wie der Zugang von MEPs beim Rat. Da hat der Rat ganz schön geschaut.

Das Parlament scheint derzeit genauso bei Barroso anzuecken und da rede ich gar nicht von Jeleva. Anscheinend will das EP, dass Barroso interinstitutionelle Prozedere unterschreibt, die dem EP ein quasi Intiativrecht einräumt.

bob langer
114
22.1.2010, 08:56
wahnsinn was da abgeht

und da wundert sich die hiesige wie dasige politikergarde, dass die leute keine hohe meinung von der eu haben? glühlamoenverbot, abschaffunge der privatsphäre, gängelung bei flugreisen , falsche währungspolitik , verpackungsverordnung, schummelzutaten....wir werden nicht mehr von unseren gewählten vertretern regiert, sondern von lobbies die wir auch noch mehr,als zahlen dürfen (produkte, förderungen, abkassieren ). na wo ist der super lissabon vertrag, den wir nicht abstimmen durften weil wir das komplexe gar nicht begreifen können? wenn ich mir das so anschaue..wer war hier jetzt der dumme? die juchu schreier oder die zweifler? 99,999999 % werden von einem dutzend überdrüber ärsxxe verarscht. super! danke eu!

Rächer der Zensierten
04
22.1.2010, 00:15
"Es geht einfach nicht an, dass die Amerikaner nach Belieben die Kontodaten der Europäer abschöpfen können"

Doch das geht und wir können nichts dagegen tun. Nicht schön aber die Wahrheit und die sollte man endlich mal in aller Klarheit benennen.

Franz Klug
13
21.1.2010, 23:21
Der Mayer hat recht!

Der Mayer hat recht, diese EU-Unterwerfung unter das US-Diktat war nicht notwendig. Und das EU-Parlement soll und darf sich in keinem Fall von der Kommission vorführen lassen durch verweigern von Unterlagen oder nicht erscheinen bei Sitzungen.

Der erste Skandal war aber, dass die Fekter umgefallen ist. Mitschuld an dem Umfallen der Politiker bei wichtigen Themen hat auch der österr. Journalismus, der im Kommentar zwar manchmal kritisch ist, es aber nie schafft, mit kritischen Interviews und Nachfragen, wichtige politische Siuationen so zu begleiten, dass vielleicht die Politik nicht nur eine notwendige kritische Haltung anzeigt, sondern Sie dann auch umsetzt!

Christoph ************
20
21.1.2010, 22:11

Sieht es nicht ein bisschen seltsam aus wenn der neuen Kommission das vertrauen für etwas enzogen wird, was die alte verbockt hat, selbst wenn es unter dem gleichen Präsidenten war?

Außerdem, hat das EP den Rat nicht aufgefordert das Inkrafttreten bis 15. Feb auszusetzen / zu verschieben? Und selbst wenn der das ablehnen würde, ohne die Zustimmung des EPs ist der Vertrag rechtswidrig. Das kann doch für den Rat auch keine angenehme Situation sein, umso mehr als er auf die Zusammenarbeit mit dem EP für den Nachfolgevertrag angewiesen ist.

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