Entwicklungspolitik ist mehr als Entwicklungshilfe

Ruth Picker, 20. Jänner 2010, 19:37

Zum Vorwurf der "mangelnden Effizienz" von Spendengeldern am Beispiel Haiti: Die Wirksamkeit humanitärer Interventionen lässt sich nicht auf der Basis von Kosten-Nutzen-Rechnungen verifizieren

Vor kurzem wurde in einem Bericht des Standard(18. 1.) die mangelnde Effizienz von Spenden und Entwicklungshilfe beklagt. Eines stimmt: Es gibt zu wenig Hilfe für die ärmsten Länder, und die Wirksamkeit einiger Aktivitäten, die als Entwicklungshilfe vermarktet werden, gehört kritisch überprüft. Damit beschäftigen sich sowohl Nichtregierungsorganisationen (NRO) als auch Regierungen bereits seit Jahren ("Pariser Erklärung" zur Erhöhung der Wirksamkeit), und das Thema ist den Kinderschuhen längst entwachsen. Systematisches Projektzyklusmanagement und Wirkungsbeobachtung sind nicht neu für NRO, sondern Teil der professionellen Arbeit. Die Auseinandersetzung mit der Wirksamkeit von Interventionen zeigt aber auch, dass eine simple Kosten-Nutzen-Rechnung fast immer zu kurz greift: Entwicklung und sozialer Fortschritt lassen sich selten mit einfachen Rechenmodellen erfassen.

Entwicklungspolitik ist zudem mehr als Entwicklungshilfe: Es geht um Gerechtigkeit in allen relevanten Politikbereichen. Durch Steuerflucht fließt z. B. jedes Jahr aus dem Süden rund sechsmal so viel Geld ab, als der Norden großzügig "durch Hilfe" beiträgt. Ähnlich verhält es sich mit Agrarexportsubventionen: Die EU vergibt mit der einen Hand Entwicklungshilfe und entzieht mit der anderen Hand KleinbäuerInnen die Lebensgrundlage durch den Export europäischer Dumping-Produkte.

Hilfsorganisationen sind ihren SpenderInnen gegenüber zu sparsamem und wirkungsvollem Mitteleinsatz verpflichtet. Nur ein Bruchteil dessen, was NROs an Entwicklungshilfe leisten, wird durch staatliches Geld ("ODA"/ staatliche Entwicklungshilfe) finanziert. Ein Vielfaches wird erst durch private Spenden ermöglicht: Die ÖsterreicherInnen verdoppeln in etwa das Budget, das der Staat über die staatliche Entwicklungsagentur ADA (Austrian Development Agency) bereitstellt. Die wichtige Unterscheidung zwischen "staatlicher Entwicklungshilfe", "Entwicklungshilfe" und "privaten Spenden" fehlt leider im Artikel (und führt zur falschen Aussage, dass nur fünf Prozent der Entwicklungshilfe international eingesetzt würde).

Das staatliche Budget hinkt übrigens seit Jahren den internationalen Zusagen hinterher: Österreich verletzt seine Verpflichtungen systematisch, egal ob Hochkonjunktur oder Wirtschaftskrise, weil Entwicklungspolitik politisch zu wenig relevant erscheint. Statt also heuer die zugesagten 0,51 Prozent des BNE für Armutsminderung, Bildung, Gesundheit und gleiche Chancen für Frauen und Mädchen beizutragen, steuert Österreich auf ignorante 0,37 Prozent zu und trägt verantwortungslos wenig zu einer gerechten und damit friedlichen Welt bei.

Das Problem mangelnder Effizienz liegt daher bei den Regierungen, die auch Förderungen des eigenen Außenhandels, Militäreinsätze und Asylbetreuung als Entwicklungshilfe anrechnen sowie Finanzierungszusagen nicht einhalten. Dadurch wird die Planung von langfristigen Hilfsprogrammen erschwert, die es den betroffenen Menschen ermöglichen, nachhaltig ihre Lebensbedingungen zu verbessern und demokratische und stabile Gesellschaften aufzubauen. Der Fall Haiti zeigt, was passiert, wenn eine Naturkatastrophe einen instabilen Staat trifft. Die (zynisch anmutende) Chance für Haiti besteht vielleicht darin, dass eine beinahe "vergessene Krise" ins Bewusstsein gerückt wird - und damit die nötige langfristige Unterstützung mobilisiert wird. Ein dauerhafter Aufbau muss allerdings von der lokalen Zivilgesellschaft mitgetragen werden - dies unterstützen NROs durch ihre Arbeit. Haiti zeigt aber auch die Notwendigkeit, einen effizienten und ausreichend dotierten Mechanismus für humanitäre Soforthilfe zu haben. Dieser fehlt in Österreich weitgehend.

Gerade weil private Spenden auf persönlichen Präferenzen beruhen, braucht wirksame Entwicklungspolitik (zusätzlich zu einer insgesamt durchdachten Politik und zur Spendenabsetzbarkeit) staatliches Geld, das uneigennützig in entwicklungsrelevante Zwecke investiert wird. Gerade in Regionen, die von der Weltöffentlichkeit übersehen werden.(Ruth Picker, DER STANDARD Printausgabe 21.1.2010)

Zur Person
Ruth Picker ist Geschäftsführerin der AG Globale Verantwortung - Dachverband der entwicklungspolitischen und humanitären Nichtregierungsorganisationen in Österreich (globaleverantwortung.at).

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    14 Postings
    upper secret
    00
    effiziente entwicklungshilfe gehört zu den schwierigsten dingen, die es gibt

    vorweg: in katastrophenfällen wie haiti muss sofort und massiv geholfen werden. zur nachhaltigen verbesserung der lebensbedingungen durch entwicklungshilfe, also massnahmen, die weder von innen heraus kommen, noch erzwungen werden können: die schwächsten zu unterstützen bringt langfristig wenig, denn meist verlieren sie alles wieder, oder es wird ihnen weggenommen. eine nachhaltige verbesserung der lebensumstände durch förderung von klein-mittelbetrieben könnte viel mehr bringen, allerdings muss das schulsystem mithalten können UND rechtssicherheit bestehen, etwas was viele lokale regierungen sehr effizient verhindern.
    hauptproblem: produktion und verteilung muss mit der bevölkerungsexplosion mithalten, marginale erfolge versickern leider.

    Die Ente Lippens
    03
    21.1.2010, 15:39
    Wer etwas Einblick in die Helferorganisationsszene hat, weiss leider, dass dies von zu vielen als bequem staatsseits finanziertes System gesehen wird, in dem sich Soziologen, Philosophen usw als gut bezahlte grossartige Experten in Ländern aufführen

    und damit bestenfalls provozieren, schlimsstenfalls die Bevölkerung zur Passivität erziehen.

    upper secret
    00
    viele grosse entwicklungshilfeorganisationen

    bauen grosse verwaltungsapparate auf und versuchen mit den übrigbleibenden geldern weitere eigene experten bzw. produkte zu fördern.
    z.b. werden gelder nicht direkt an projekte, sondern an consultingfirmen gegeben, die diese verwalten und zur weiteren rechtfertigung wieder eigene consultants subbeschäftigen.
    bruchteile bleiben für die projekte über.
    andere organisationen wie fair trade versuchen die verpflichtungen des staates auf private firmen umzuwälzen, was anfangs sicher richtig war, aber nach und nach zu wucherndem bürokratischen aufwand wird und die wettbewerbsfähigkeit der unternehmen untergräbt.
    manche budgets schwarzafrikanischer länder sind total von entwicklungsgeldern abhängig und daran gewöhnt. warum sich noch anstrengen?

    walter kogler
    00
    22.1.2010, 11:02

    die wohl "schlimmste" qualifikation dieser expertInnen ist aber wohl ethnologie bzw. internationale entwicklung... noch ärger sind publizisten und dolmetscher, die aufgrund ihrer ländererfahrung dann in diesem bereich bleiben. zwar alles sehr interessant, aber ich gebe ihnen recht, dass man gerade für diese wichtige aufbauarbeit doch mehr drauf haben sollte

    dieDritteGeneration
    00
    21.1.2010, 14:50

    Katastrophenhilfe ist ok, aber staatliche Entwicklungshilfe sollte man abschaffen.

    fischkopp
    31
    21.1.2010, 10:03
    Was für ein Geschwafel

    Franz Klug
    20
    21.1.2010, 09:09
    Es gibt keine unabhängige Kontrolle der Spenden!

    Während die staatlichen Förderungen über den Rechnungshof öffentlich kontrolliert werden können, gibt es keine Kontrolle wie die NGOs Ihre Gelder verwenden. Die Behauptung, dass die NGOs gegenüber Ihren Spendern zur sparsamen Geldverwendung verpflichtet sind ist, kann von außen nicht kontrolliert werden, da die NGO´s Ihre Bilanzen ja nicht veröffentlichen!
    Bei der Hilfe für den Tsunami kam, wie so oft, danach teilweise heraus, dass Millionen veruntreut wurden, z. B. Sri Lanka! Die genaue kritische Bilanz der Tsunami Spendengelder fehlt bis heute!
    Es gibt hier eine unheilige Allianz zwischen den Medien und NGO´s. Es wird zwar massiv für Spenden geworben, dann aber nie mehr genau untersucht was mit den Spendengelden wirklich passiert!

    Ava Tar
    00
    21.1.2010, 01:45
    ~ Haiti hat mehr Öl als Venezuela ~

    Wir sehen 3 Dinge:

    1. WETTLAUF DER HILFSTEAMS
    Die ersten Rettungsteams vor Ort waren nicht USA - sondern Island
    http://www.gregpalast.com/images/ic... and_cr.png
    Die ersten Hundestaffeln vor Ort waren aus CHINA!

    2. WETTLAUF DER "SCHUTZTRUPPEN"
    DA sind die USA vorne. Alle anderen hinterher. Auch Italien schickt morgen einen Flugzeugträger los.

    3. HERSTELLEN VON ABHÄNGIGKEIT
    Haitis Präsident sitzt in einer Polizeistation und nimmt jeden Strohhalm
    Um NACHHALTIGE Dankbarkeit zu erzeugen, lassen die USA aber noch zappeln
    nix darf rein
    nix verteilt/abgeworfen werden
    z.B:
    Ärzte ohne Grenzen: 5 Flugzeuge durften nicht landen.
    Amputationen mit am Markt gekaufter Säge (!)
    http://tinyurl.com/Aerzte-ohne-Grenzen

    Viel Öl, Uran 235, 238 und Zirkonium.

    Stefan Maly
    00
    21.1.2010, 17:51

    bitte einen link zum erdölreichtum haitis. danke

    rasenmähermann
    01
    20.1.2010, 20:19

    Wissenschaft und Zahlen brauchen wir alles nicht, weil man das natürlich nicht mit einer Kosten-Nutzen Rechnung verifizieren kann...

    Kann man schon, das kann nur dazu führen, sich ein Stück von seinem Weltbild entfernen zu müssen.

    Truhe
     
    00
    21.1.2010, 06:39

    Warum lesen Sie nicht einfach erst den Artikel bevor Sie ihren Pauschalschwachsinn absondern?

    lustreich
    00
    26.1.2010, 15:06
    test

    walter kogler
    00
    20.1.2010, 20:42

    die entwicklungszusammenarbeit arbeitet seit jahrzehnten nach dem motto "zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel" und irgendwie glaub ich, dass das der politik bzw. kirchlichen einrichtungen gar nicht so ungelegen kommt

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