Barrosos zweiter Fehlstart ins Amt

Thomas Mayer, DER STANDARD, 19. Jänner 2010, 15:11
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    foto: ap / frank augstein

Es gibt zwei zueinander völlig konträre Lesarten, wie der „freiwillige Verzicht“ der bulgarischen Außenministerin Rumiana Jeleva von der Kandidatur als EU-Kommissarin für humanitäre Hilfe in Brüssel für die Kommission einzuordnen ist:

Die einen sagen, Kommissionspräsident José Manuel Barroso, ein Konservativer,  habe sich ganz geschickt verhalten, indem er sich aus dieser heiklen Sache heraus hielt und einfach darauf wartete, bis sich die Vorwürfe wegen angeblich unsauberer Vermögensangaben entweder auflösen oder zu Konsequenzen führen. Dadurch sei er selber nicht angepatzt worden vom (partei)politischen Geschehen im Parlament und könne nun mit einer anderen Kandidatin weitermachen, der Bestätigung der gesamten EU-Kommission gelassen entgegensehen.

Da ist was dran. Früher oder später wird sein Team bestätigt werden, so nach dem Motto: Die Karawane zieht weiter. Und Barroso selber ist ja ohnehin schon seit September ein mit großer Mehrheit gewählter Präsident.

Die ganz andere Interpretation der Ereignisse sieht Barroso nun im Gegenteil geschwächt. Anstatt in die sich seit Tagen klar abzeichnende Niederlage sehenden Auges hineinzulaufen, hätte der Portugiese selber die Notbremse ziehen sollen. Schließlich ist die ebenfalls konservative Jeleva auch „seine“ Kandidatin gewesen, die er gemeinsam mit der bulgarischen Regierung nominiert hat, wie der EU-Vertrag das vorsieht. Er muss sie prüfen. Die Dinge einfach laufen lassen, nicht Stellung beziehen, immer die berühmte Minute zu spät dran sein, wenn es um Führung, um entschlossenes Handeln ginge, das ist das Markenzeichen eines Zauderers, eines Verlierers, einer schwachen politischen Figur.

Ich neige zu letzterer Sichtweise. Denn in der Tat kann ein Präsident der EU-Kommission, der vertragsgemäß über eine außerordentliche Machtfülle und Kompetenzen verfügt, nicht einfach so tun, als hätte er mit seiner Mannschaft beziehungsweise einer in Not gekommenen Kandidatin nichts zu schaffen, dann auf Tauchstation gehen und sich verschweigen. Es gibt den Einwand, dass die Dinge eben sehr komplex sind, der Präsident ja nicht allein entscheiden kann, sondern die Meinung der Regierungen, ´der Abgeordneten berücksichtigen muss. Und dass er sich während des Anhörungsverfahrens ja nicht in die parlamentarischen Angelegenheiten einmischen kann. Mag schon sein. Aber tut er das nicht, dann erscheint er eben als schwach, ganz unwillkürlich.

Mein verständnis eines demokratischen offenen Europa hat auch damit zu tun, sich notwendigen Konfrontationen zu stellen. Da fliegen dann manchmal eben die Fetzen. So ist Demokratie. Sachverhalte sind zu klären, und dann muss man über die Sachen befinden und offen argumentieren, notfalls "streiten", Eine ganze Woche lang haben Barrosos Rechtsdienste in der Kommission Zeit gehabt, um eine sachgerechte Beurteilung der Vermögenserklärung Jelevas zu liefern, nachzufragen, sie mit angeblich belastenden Dokumenten zu konfrontieren, Vorwürfe widerlegen zu helfen - aber nichts von dem ist offenbar geschehen.

Das ist das Unbefriedigende an dem Fall, das auch das EU-Parlament nicht vor Kritik auschließt: Die Abgeordneten sind der Sache nicht wirklich auf den Grund gegangen. Bis heute gibt es keinen umfassenden Bericht, der wirklich Klarheit in den Fall Jeleva gebracht hätte. Das Gutachten des Rechtsdienstes im EU-Parlament, das von den Christdemokraten als Reinwaschung Jelevas interpretiert wird, ist im entscheidenden Punkten nicht klar: Die Juristen haben den Ball nämlich geschickt zu den Politikern zurückgespielt, indem sie sagen, wir haben formal nichts gefunden, was auf einen Bruch des Kodex hindeutet, aber wir können die Aussagen der Kandidatin (inhaltlich) nicht überprüfen. Dazu müsste man sie untersuchen, etwa durch genaue Recherche in bulgarischen Firmenregistern oder Steuerunterlagen.

Das ist aber nicht passiert. Und über allem steht auch, dass Jeleva sich wahrlich nicht gut gegen die Angriffe von Abgeordneten verteidigt hat, sich als nicht gerade krisenfest  auch in eigener Sache erwies, und dass ihr zur humanitären Hilfe nicht wirklich viel einfiel.

Das alles hat Barroso natürlich mitgekriegt, und er hätte die Chance gehabt, von sich aus rechtzeitig einzugreifen und Konsequenzen zu ziehen, und sei es auch nur im Hintergrund durch geschickte (geheime) Intervention bei der Regierung in Sofia oder seinen Parteifreunden in der Fraktion der Europäischen Volkspartei. Aber auch das scheint nicht geschehen zu sein. Jeleva erklärte ihren Rückzug am Dienstagvormittag erst, nachdem festgestanden war, dass die Abgeordneten im zuständigen Entwicklungsausschuss sie mit 16 zu 13 Stimmen ablehnen würden.

Dadurch steht jetzt auch der Kommissionspräsident selber als Verlierer da - genauso wie im Jahr 2004, als ihm der Italiener Rocco Buttiglione vom EU-Parlament rausgeschossen worden war - trotz vieler Warnungen.

Damit beginnt nicht nur die Kommission geschwächt, sofern das Plenum des Parlaments ihr wie nun geplant ist am 9. Februar verspätet die Zustimmung erteilt. Politisch angeschlagen setzt auch Barroso seine Arbeit fort, indem er das bestätigt, was seine Kritiker ihm seit jeher vorhalten: ein von den Ereignissen Getriebener zu sein, einer der immer nur reagiert, aber nicht regiert oder gar große politische Linien vorgibt. Dazu kommt, dass die Beziehungen zwischen den Fraktionen im Parlament, die Barroso mit dem EU-Vertrag von Lissabon dringender braucht als je zuvor, um EU-Gesetze zu machen, schwer gestört sind. Da wurde einiges an Pozellan zerschlagen.

Das wird sich wieder einrenken, keine Frage. Aber der Start ist verpatzt. Der Fall Jeleva, das wird an Barroso noch lange picken bleiben als Ausdruck für fehlendes vorausschauendes Handeln.

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11 Postings
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00
20.1.2010, 08:51
schade, dass juncker nicht wollte...

...barroso ist mithin der ideale kandidat fuer die browns, merkels und sarkozys des kontinents.

gleichzeitig sieht er sich aber eben nicht mehr als der "primus inter pares", der er laut rollenbeschreibung sein sollte, sondern tatsaechlich als hierarchisch uebergeordnet.

die einnahme dieser stellung passt zu mayers beschreibung: er versucht, den mangel an natuerlicher autoritaet durch administrative stockerl-erhoehung zu kompensieren.

Christoph ************
00
20.1.2010, 11:09

Ich denke es ist nur natürlich, dass sich in exekutiven Organen eine mehr oder weniger informelle Spitze herausbildet. Ist das in Ö denn recht anders?

Ich finde darin auch nichts schlecht, wenn die politische Kontrolle durch andere Institutionen funktioniert. Auf EU Ebene kommt das tlw hin, in Ö schon weniger.

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01
20.1.2010, 11:21
ueber vor- oder nachteile sollte man erst diskutieren...

...bis eine herausragende rolle des kommissionspraesidenten als solche irgendwo festgeschrieben ist.

das hier sieht nach bestrebungen in richtung "management by mushrooms" aus.

Sophist1
01
20.1.2010, 08:47
Warum denn gleich mit solch martialischen Ausdrücken.....

..wie einem Fehlstart zu argumentieren. Das, was da passiert ist, ist kein Fehlstart, sondern Demokratie.

Christoph ************
03
19.1.2010, 19:40

Ich hänge eher der ersten Interpretationsweise an. Ich finde es auch nicht mehr ganz zeitgemäß, jedes Mal, wenn das Parlament seinen Job mach und eben, seine Rolle spielt in der Erstellung der Kommission jedes mal von Krise und Affaire oder sonst was zu reden.

Schlimmer als das Herumgeschachere bei Regierungsbildungen auf nationaler Eben ist das hier auch nicht und wenn man will dass die EU endlich auch selbst mehr einer Demokratie ähnelt sollte man sich halt daran gewöhnen, dass die Hearings im Parlament kein Spaziergang sind und ja es ist auch wohl normal, wenn auch nicht immer schön, dass es eben nicht egal sein soll, ob es jetzt eine linke oder eine rechte Mehrheit im Parlament gibt.

Heiner Müller
01
19.1.2010, 18:48
Richtig

Man kann es so oder so sehen. Wie man es halt sehen will.

Zala Manda
00
19.1.2010, 17:43
PAH! Von wegen Fehlstart:

Heutzutage ist es doch in ganz Europa gang und gäbe dass ein paar Minister aus einem neuen Kabinett geschossen werden. Ich finde, der Umstand dass Barroso nur eine angehende Kommissarin verloren hat, ist sogar ein ziemlich gutes Ergebnis.

Ohne in alten Wunden bohren zu wollen, aber: wieviele blaue Minister(kandidat)Innen aus dem famosen Schüssel-1-Kabinett kamen gar nicht ins Amt oder flogen nach einem Kurzeinsatz raus?

Schwarz Grün
02
19.1.2010, 16:45
und wer sagt dem thomas mayer,

dass barroso nicht hinter den kulissen mit den bulgarischen regierung den rückzug vorbereitet. Ich denke, die Tatsache, dass Barroso mit der Regierung eine Minute nach dem Rücktritt einen Ersatz präsentierte scheint darauf hinzuweisen, oder?

Eine zweite Sache: Als langjähriger EU Jorunalist wissen Sie sicher, dass weder der juristische Dienst der Kommission noch jener des Parlaments irgendeine Chance haben in solch einer Situatiuon an Informationen der bulgarischen Regierung heranzukommen ... also was soll der Vorwurf gegen Barrose eine ganze Woche Zeit gehabt zu haben, um prüfen zu lassen ......

auf den zweiten Blick
00
20.1.2010, 06:07
"irgendeine Chance haben in solch einer Situatiuon an Informationen der bulgarischen Regierung heranzukommen"

Wieso eigentlich ?

Schwarz Grün
01
20.1.2010, 09:11
weil ......

die mitgliedsstaaten bisher der kommission ein solches recht nicht übertragen haben und wie sie vielleicht wissen, dürfen die EU institutionen nur das was ihnen per vertrag von den mitgliedsstaaten erlaubt ist .... (erstes semester EU recht)

Christoph ************
01
19.1.2010, 19:42

Das ist durchaus wahrscheinlich. Die gefunden Lösung ist aber die optimale für alle beteiligten, sowohl für die verschiedenen Fraktionen im EP als auch für Barroso und selbst für Frau Jeleva.

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