Die ganze Wahrheit über Newtons Apfel

18. Jänner 2010 18:28

Zum 350-Jahr-Jubiläum lüftet die britische Royal Society ein offenes Geheimnis

London - Es ist der wohl berühmteste Apfel der Wissenschaftsgeschichte: jenes Kernobstexemplar, das Sir Isaac Newton auf den Kopf fiel, als er in seinem Obstgarten gerade herumgrübelte, und ihm den buchstäblichen Anstoß zur Gravitationstheorie gab. Dummerweise ist diese Geschichte wohl eher dem Reich der allzu guten Anekdoten zuzurechnen.

Diesen Schluss legt jedenfalls die erstmalige Online-Veröffentlichung jenes Textes nahe, in dem die Apfel-Geschichte zum ersten Mal erzählt wurde: William Stukeleys 1752 verfasstes, handschriftliches Manuskript Memoirs of Sir Isaac Newtons Life. In diesem Text erinnert sich Stukeley an einen warmen Frühlingsnachmittag des Jahres 1726, als ihm der bereits 83-jährige Physiker die Geschichte bei einem Tee im "Schatten einiger Apfelbäume" erzählt habe.

Das sei, so der Newton zitierende Stukeley, die gleiche Situation gewesen wie jene, als ihm damals der Begriff der Gravitation eingefallen sei. "Das wurde durch einen herabfallenden Apfel bewirkt, als er gerade im Sitzen nachdachte", schreibt Stukeley. Und weiter: "Warum sollte der Apfel stets senkrecht zu Boden fallen, fragte er sich. Warum fiel er nicht seitwärts oder aufwärts? Sondern immer konstant Richtung Erdmittelpunkt?"

Damit war die Anekdote in der Welt - erzählt von einem Greis, der ein Jahr später starb, und einem Biografen, der sich 26 Jahre später daran erinnerte. Newton habe die Geschichte "sicher selbst aufpoliert", gibt sich auch Keith Moore, Chef-Archivar der Royal Society, eher skeptisch, was den Wahrheitsgehalt der Geschichte anbetrifft. "Aber auch nachfolgende Generationen haben noch einiges an Glanz hinzugefügt."

Warum der Text am Montag online zugänglich gemacht wurde, liegt an einem runden Jubiläum: 1610 wurde in London die Royal Society gegründet, eine der ersten und wich-

tigsten Gelehrtengesellschaften, die ganz wesentlich zum Selbstverständnis der modernen Naturwissenschaften beitrug. Ihre Mitglieder ließen nämlich nur experimentell bewiesene Forschungsergebnisse gelten. Das ist heute eine Selbstverständlichkeit, war damals aber eine revolutionäre Neuerung, die auch im Motto der Royal Society ihren Ausdruck fand: "Nullius in Verba", was in etwa mit "auf niemandes Worte schwören" zu übersetzen ist.

Dieses Motto gilt wohl auch für Stukeleys Manuskript, in dem noch weitere fabelhafte Anekdoten über den großen Newton erzählt werden, der selbst übrigens viele Jahre lang Präsident der Royal Society war. So berichtet Stukeley davon, wie der zerstreute Gelehrte einmal ein Pferd einen Hügel hinaufführte und in der anderen Hand ein Buch hielt, das er gerade las. Als er oben angelangte, war das Buch gelesen - und das Ross weg.

Nachsatz: Verschwiegen wird von Stukeley und auch von der Royal Society, dass Newton menschlich kein Guter war. Wie der große Gelehrte etwa seine Präsidentschaft schamlos für eigene Zwecke missbrauchte, kann man sich dieser Tage dafür wieder im Stadttheater Walfischgasse in Carl Djerassis Stück Verrechnet! anschauen. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 19. 1. 2010)

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Chi-Quadrat
29.01.2010 22:24
Als Newtons Apfel faul geworden,

diente er immer noch Schiller zur Anregung!

Ody Fry
24.01.2010 12:26
Ungustl

Ein Theaterstück bedarf es da nicht. Weiß doch jeder, dass er oft in Vorträgen zu neuen Erkenntnissen nur meinte "Weiß ich schon lange" (Zitat aufgrund der Zeit nur mehr sinngemäß übertragen), nach Hause ging und die Arbeit publizierte.

pike bishop
20.01.2010 14:26

das lustigste an dieser Nachricht ist, dass diesen text alle (historiker-)welt kannte. Aber jetzt ist er on-line, er jettzt zählt, erst jetzt ist das geheimnis gelüftet. Die neue Zeit erfindet sich so neu und wird deshalb ganz neu, und alles was sie sich so erzählt ist auch gleich ganz nue. so werden wir richtig einzigartig.

Waschbären in der Trockenreinigung
19.01.2010 16:45
Wieder ein historischer Ausspruch weniger

Luther hat niemals gesagt "hier stehe ich..."
Marie Antoinette hat niemals denn Sager von Kuchen-statt-Brot losgelassen...
Wenn das so weiter geht, hat niemand nichts gesagt!

Nick Tameer
23.01.2010 12:32

In frühen Mad-Heften gab es eine Rubrik, in der klargestellt wurde, wie die berühmten Aussprüche großer Menschen wirklich lauteten und in Hessen vermutet man schon länger, dass Goethes letzte, in seiner Frankfurter Mundart gesprochenen Worte in Wahrheit "Mer liecht hier nit so gut" waren.

Sollte sich übrigens heraustellen, dass Einsteins Bemerkung über die menschliche Dummheit eine Fälschung ist, dürfte ein schmerzliches Aufstöhnen durch dieses Forum gehen.

Laandaks
19.01.2010 15:19
Ach ja, und was noch schlimmer war: Er hat mit dem Finger in der Nase gebohrt und dann anderen die Hand gegeben..!

Denn das muß man schon erwähnen, daß Newton kein Guter war! Damit in Zukunft nicht gesagt wird: Newton hat die Gravitationslehre formuliert, sondern korrekt (nach Taschwer): Newton hat die Gravitationslehre begründet, aber er war kein Guter!

Naja...

P.S. Djerassi ist ein Autor, kein Historiker.

Nick Tameer
23.01.2010 12:16

Das wäre eher der Stoff für eine Einstein-Anekdote.

Newton war (als - unbestreitbar genialer - Mathematiker), man kann es nicht anders sagen und man wird es wohl sagen dürfen, auch ein echt intrigantes, selbst nach damaligen Maßstäben unbedingt skandalträchtiges Kollegenschwein.

Calimero22
19.01.2010 11:58

wieso legt die veröffentlichung jetzt nahe, daß die anekdote falsch wäre? die sagt ja eigentlich eher das gegenteil aus ...

Zenon
19.01.2010 11:14

Na toll, jetzt reden wir über den Apfel. Interessanter wäre es, sich damit zu befassen, welch großartige Leistung Newtons Gravitationsgesetz ist. Erstmals konnte die Bewegung der Planeten nach einem einfachen mathematischen Gesetz erklärt werden.

Nick Tameer
23.01.2010 12:52
Einspruch, Euer Ehren!

Es gibt kaum etwas Langweiligeres als das Lob offensichtlich großartiger Leistungen, außer natürlich man hat sie, doch diesen Fall kann man getrost vernachlässigen, selbst vollbracht. Großartige Leistung, gar keine Frage, ganz enorm. kann sofort unter "Fade Wahrheiten" abgelegt werden.

Bei der dubiosen Sache mit dem Apfel handelt es sich jedoch um eine äußerst interessante, die Phantasie anregende Geschichte.

Bello Ragazzo
19.01.2010 14:48
Pah, die Gravitation war schon immer da, die wurde gar nicht von Newton erfunden.

Naboki
19.01.2010 13:42

1609 publizierte johannes kepler seine nach im benannten gesetze zur planetenbewegung (1+2)

1643 wird Isaac Newton geboren

Zenon
19.01.2010 16:13

Ja, aber Kepler konnte nur die Planetenbewegungen beschreiben.

Newton wendet dasselbe Gesetz auf Planeten an wie
auf einen Apfel der vom Baum fällt.

Michl52
19.01.2010 23:30

Gute waren beide keine - im menschlichen Sinn.

Nick Tameer
23.01.2010 12:00

Was ist moralisch Diskreditierendes von Kepler bekannt? Seine Defizite scheinen mir - bei aller Genialität, die in seinen Gesetzen zum Ausdruck kommt - doch eher auf wissenschaftlichem Gebiet zu liegen.

TU Student
19.01.2010 22:29

"Erstmals konnte die Bewegung der Planeten nach einem einfachen mathematischen Gesetz erklärt werden." [dank Newton]

"aber Kepler konnte nur die Planetenbewegungen beschreiben."

Alles klar, womit wir nicht einverstanden sind?

Zenon
19.01.2010 23:30

Ja, das ist mir klar.

a z
19.01.2010 12:54

Zitat:> Interessanter wäre es, sich damit zu befassen, welch großartige Leistung Newtons Gravitationsgesetz ist.<

Ohne Frage ist die principia Mathematica ein Meisterwerk das seines gleichen sucht. Aber es ist und bleibt eine Abhandlung über Steine in Bewegung. Das Lebendige bleibt außen vor. Dies zu beschreiben blieb N. auch verwehrt.
Seine dualistische Naturphilosophie auf den Materialismus zu reduzieren scheint mir ein Problem unseres heutigen Weltbildes.

Nick Tameer
23.01.2010 19:54

Was immer da Newton dazu eventuell schreiben wollte, seine Physik hat, ob dies in seinem Sinne war oder nicht, entscheidend zum Siegeszug materialistischer Anschauungen ("Je n'ai pas eu besoin de cette hypothèse" war etwas voreilig, aber im Prinzip behielt hat Laplace recht behalten) beigetragen, mit denen Sie ein Problem zu haben scheinen. Die Ursache eventueller Sinndefizite würde ich nicht im wissenschaftlichen Weltbild suchen.

Zaubersalz
19.01.2010 11:01
So...

...und kann mir jetzt irgendjemand erklären, wieso die Geschichte nicht wahr sein soll?! Nur weil ein 80jähriger sie so erzählt hat und dessen Beiograph sie so weitergegeben hat?! Läßt dies automatisch den Schluß zu, daß es nur eine "Anekdote" ist?! Ist das immer so, wenn jemand von einem was gehört hat und dann darüber plaudert... nur eine Anekdote?! Dann müßten 99% der Berichterstattung, die darauf gründet, daß man etwas weitererzählt was man von xyz gehört hat nur anekdotisches Gefasel sein :-)

Michl52
19.01.2010 23:31

ist auch so - 99% sind Gschichtldrucken. Beim Standard vielleicht nur 95%.

Bello Ragazzo
19.01.2010 14:50
Weil

es diese Anekdötchen zur Erbauung der Schüler quasi zu jeder wichtigen Persönlichkeit der Wissenschaft gibt.

Bei Watt wars der Kochtopf, bei Einstein die Zuhgehfrau, etc.

Nick Tameer
23.01.2010 19:15

Bei Einstein die Zugehfrau? Diese Anekdote kenne ich leider nicht. Erschien die immer relativ spät? Oder war sie schwer, dass der Raum sich, jedenfalls am Fußboden, um sie gekrümmt hat?

Ich kenne nur die Geschichte von Beethovens Putzfrau, die auf so einzigartige Weise ("Ha, ha, ha, haaah! ha, ha, ha, haaah!") gelacht haben soll - na, vermutlich ist das nur ein Fake.

Martin Major
 
19.01.2010 11:04

exactly my thoughts.

Fritz Wunderlich
19.01.2010 10:53

er ist aufgestiegen, wie jesus

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