derStandard.at-Reportage

Hartz IV auf Wienerisch

Lukas Kapeller, 18. Jänner 2010 10:35
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    Yunus und Mehmet vor dem Jugend-AMS am Wiener Gürtel: "Nicht stark, nicht schnell, nicht schön genug".

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    Oxonitsch, Brauner, Hundstorfer: Der Arbeitsmarkt ist Chefsache in der Wiener SPÖ, aber der Bürgermeister "kann sich nicht dreiteilen".

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    Celim, 18 Jahre, schwer vermittelbar: 30 Bewerbungen, positive Antworten - noch keine.

Während das Jugend-AMS Eröffnung feiert, läuft der Betrieb am Schalter weiter - Ein Lokaltermin zwischen enttäuschter Erwartung und erwarteter Enttäuschung

Wien - Die Burschen in den engen, schwarzen Jacken knacken sich gerade eine Red-Bull-Dose auf. Die Schiebetür des AMS am Wiener Gürtel geht hinter ihnen zu. Autos donnern in drei Spuren vorbei. Die müssen alle dringend wohin. Yunus, 17, hatte es schon lange nicht eilig. "Scheiße, noch immer arbeitslos", sagt der Wiener mit dem türkischen Namen. Die Ausbildung als Maschinenbauer hat er abgebrochen.

Sein Freund Mehmet, 19, hat gar keine Ausbildung, dafür Schulden. Eben hat er beim AMS einen "Vorschuss" beantragt. Geld gebe es aber nur für Gas und Heizung. Mehmet blieb die Handyrechnung schuldig. "Der Arbeitsmarkt, die Firmen - alles ist unfair", jammert Mehmet, und Yunus stimmt überein. Weltschmerz bei Red Bull, an einem feuchtkalten Morgen in Wien. Für Yunus und Mehmet ist es ein Tag wie jeder andere.

Das Krisenjahr wird mit Sekt begrüßt

Dabei finden sich im selben Gebäude gerade die Spitzen der Wiener Politik zusammen, um dem nächsten Krisenjahr mit einem Sektempfang zu trotzen. Gefeiert wird die Eröffnung des neuen AMS-Stützpunktes für Jugendliche am Gumpendorfer Gürtel, dort wo der sechste Wiener Gemeindebezirk kein bisschen charmant wirkt. Der alte Standort in der Wiener Neubaugasse war zu eng geworden. Seit zwei Monaten ist man hier, "im alten Haus arbeiteten wir zu viert an einem Zweier-Pult, Ellbogen an Ellbogen", erzählt Renate Glonig, eine der 100 Mitarbeiterinnen im Jugend-AMS. "Das Haus mussten wir uns auch mit der Maturaschule Roland teilen, und deren Kunden hatten ein ganz anderes Niveau." Frau Glonig meint damit: ein höheres.

Rund 12.500 Jugendliche bis 21 Jahre sind derzeit beim Jugend-AMS in Wien gemeldet. Knapp die Hälfte absolviert Ausbildungen, die anderen suchen nach Arbeit oder einer Lehrstelle. Zwei Drittel aller Gemeldeten haben Migrationshintergrund.

Der Bürgermeister lässt sich entschuldigen

Während bei den arbeitslosen Jugendlichen oben am Schalter der Energy Drink das bevorzugte Gebräu ist, wird unten Prosecco mit Fruchtmark gereicht: Eröffnungsfeier im schon vor zwei Monaten bezogenen AMS-Haus. Gekommen ist die erste Reihe der Wiener SPÖ: Vizebürgermeisterin Renate Brauner und Jugend-Stadtrat Christian Oxonitsch. Nur Stadtoberhaupt Michael Häupl ließ sich überraschend entschuldigen. Brauner: "Der Bürgermeister wäre gern gekommen, aber wir müssen uns von den Terminen her alle dreiteilen." Dafür demonstriert Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) wortreich den Elan der Bundesregierung.

Und doch beeilen sich die Politiker in ihren Reden, keine unangemessene Feierstimmung zu verbreiten. Hundstorfer schwört die AMS-Mitarbeiter auf ein hartes Jahr ein, denn der Arbeitsmarkt erhole sich nur schleppend. Er wisse, sagt er den Beratern am Schalter, "dass Sie Jugendliche empfangen müssen, die nicht ganz lustig dreinschauen in der Früh".

Jugendliche, die auf den Zivildienst hoffen müssen

Stadträtin Brauner meint, man könne im Wiener Kampf um Arbeitsplätze "stolz, aber nicht zufrieden" auf 2009 zurückschauen. Es dürfe möglichst kein Jugendlicher auf der Strecke bleiben. "Wir wollen nicht sagen: Ihr seid nicht stark, nicht schnell, nicht schön genug."

Einen Stock höher steht Celim am Schalter und war wieder mal nicht stark genug für den Wiener Arbeitsmarkt. 30 Bewerbungen hat der 18-Jährige schon verfasst. Positive Antworten: null. Die Ausbildung zum Maler hat er einst abgebrochen, nun hofft er auf eine Lehrstelle als Bautechniker. Sollte es wieder nichts werden, "mache ich halt Zivildienst", sagt Celim, der es aus Geldnot auch schon mit Pferdewetten und Hunderennen versucht hat. "Ich bin ein Glücksspieler", sagt er. Seine Jacke ist von "Diesel", die Schuhe Marke "Hugo Boss". "Eigentlich brauch' ich das AMS eh nicht", meint er trotzig.

Die AMS-Berater begleitet der Frust ihrer Kunden

Wieder unten, bei Sekt und Brötchen, bestätigt Manfred Heinisch, dass die Begegnung mit frustrierten Jugendlichen zum Alltag der AMS-Berater gehört. "Es gibt Erwartungshaltungen, und wenn jemand schon 50 Bewertungen hinter sich hat, dann hat er weniger Frust, wenn es nicht gleich klappt", erklärt der stellvertretende Leiter des Jugend-AMS. Es komme auch vor, dass die Erwartung von Eltern und Jugendlichen auseinanderklaffe. Oft seien die Kinder mit einem Job ganz glücklich, die Eltern wünschen sich aber mehr.

Etwas ist Heinisch aber wichtig: "Auch wenn abgebrochene Schul- und Berufsausbildungen unser täglicher Job sind: Irgendwas hat jeder." Und deswegen könne das AMS im Grunde auch jedem irgendetwas anbieten, oft seien eben noch ein weiterer Ausbildungsschritt, eine spezielle Qualifikation nötig.

"Manche kommen mit Kampfhund"

Die verschiedenen Phasen der Arbeitslosigkeit spiegeln sich in den sieben Etagen des Neubaus am Gürtel wider: Wer länger als drei Monate arbeitslos ist, kommt in die Beratungszonen 1 und 2. Wer kürzer nach Arbeit sucht, geht noch einmal höher in den Service-Bereich. Durch das AMS-Haus geistert ein Security, "wir hatten schon ein paar Mal Trouble mit den Migrationshintergründen", drückt es eine AMS-Mitarbeiterin politisch korrekt aus. "Manche kommen mit Kampfhund, oder es wird die Freundin angebaggert." In einem Warteraum gibt es sogar Tischfußball. "Wuzzeln ist gut", sagt die Mitarbeiterin, "das baut die Aggressionen ab."

Aggressiv sind Yunus und Mehmet an diesem Morgen nicht, eher mutlos. Griesgrämig schlendern sie zur U-Bahn-Station und verschwinden bald im Grau der Großstadt. "Nächste Woche", sagt Yunus, "komme ich wieder." (Lukas Kapeller, derStandard.at, 18.1.2010)

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Posting 1 bis 25 von 472
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fubar
01.08.2010 19:35
"Nicht stark, nicht schnell, nicht schön genug"

Am Kinderspielplatz waren und sind sie wohl die stärksten.
Schnell sind sie sicher beim Bedienen ihrer Handys
und bei den dazugehörigen Mädls erfüllen sie sicher das Schönheitsideal.
Gelernt haben sie ansonsten nichts, haben auch fast eine Ausbildung abgeschlossen, dass nach diesen zwei Herren nicht händeringend gesucht wird wunder mich...

With Fear I Kiss The Burning Darkness
01.05.2010 11:55
Die Ausbildung als Maschinenbauer hat er abgebrochen.

ein sehr gutes Beispiel, man muss halt manchmal im Leben "durchbeißen" und nicht sofort aufgeben...

Ein Teil der Arbeitslosen ist oft nicht ganz unschuldig an ihrer Situation ....
Bitter ist es sicher für Ältere, Alleinerzieherinnen, Kranke, usw.

Mike Webman
02.02.2010 21:57
Migrantische Macho-Gartenzwerge....

.... in gefälschten Markenklamotten wären auch in ihrem Heimatland nicht vermittelbar.
Solche Zivilversager gehören schleunigst zum Arbeitslosenheer eingezogen, damit sie nicht auf die schiefe Bahn kommen. Eine Aufgabe für Daraboz ;<)

Stephen Ferrando
21.01.2010 14:17

Hat der derstandard ehemalige Krone Zeitung Mitarbeiter eingestellt?

springflower
20.01.2010 13:12
Ich möchte gern wissen,

was das AMS dafür kann, dass die 3 vorgestellten Herren entweder gar keine Ausbildung haben oder die Ausbildung abgebrochen haben. Soll dafür der Staat Österreich zur Verantwortung gezogen werden?

hanslblasta
21.01.2010 19:07

nein, aber der Staat Österreich hat Verantwortung für diese jungen Menschen;
das investierte Geld ist selbstredend gut angelegt;

dass die jungen Leute, ihre Familien und ihr soziales Umfeld deto Verantwortung tragen, ist ebenfalls unbestritten;

Julian Bashir
19.01.2010 20:30

"You cannot strengthen the weak by weakening the strong. You cannot help small men by tearing down big men. You cannot help the poor by destroying the rich. You cannot lift the wage earner by pulling down the wage payer. You cannot keep out of trouble by spending more than your income. You cannot further the brotherhood of man by inciting class hatreds. You cannot establish security on borrowed money. You cannot build character and courage by taking away a man's initiative and independence. You cannot help men permanently by doing for them what they could and should do for themselves."

Einfach Gonzales
31.01.2010 18:19
?

dieses statement, wer auch immer es einmal in die welt gesetzt hat, ist in seiner verallgemeinerung genauso dumm, wie jene sätze, die pauschal das gegenteil behaupten.

der Zacharias
27.01.2010 16:22
Can you make the rich richer by making the poor poorer?

lichaot
25.01.2010 10:18

Ich hätte diese klugen Worte auch eher einem Ronald Reagan zugeordnet. Diese paar Sätze fassen die Fehlannahmen der neoliberalen Wirtschaftsideologie schön zusammen.

hello world
25.01.2010 16:51

und was sind ihrer meinung nach die fehlannahmen? oder besser gefragt, wieso sind das fehlannahmen?

weitwegweiser
22.01.2010 22:52
A Non-Lincoln Quotation!

Those who are familiar with Lincoln's writings, recognize that these statements do not reflect Lincoln's "voice," nor can they be found in any authentic Lincoln literature.

Julian Bashir
23.01.2010 18:24
Ich hab auch nirgendwo behauptet, dass diese Worte von Lincoln stammen.

Klug finde ich sie dennoch.

Count Zero Interrupt
19.01.2010 12:52

meine erfahrung: wer sich auf das AMS verlässt, ist verlassen.

von daher sowiesomal ausscheidungsgrund wenn wer so unselbständig ist, sich übers ams zu bewerben.

knievel
19.01.2010 14:48

im normalfall ist das - völlig zu recht - verpflichtend.
selbst wenn du dort angibst dir selbner einen job zu suchen wirst du nach ein paar wochen firmen aufsuchen müssen die dir das ams vorschlägt...

Dr.in Luitpold Bäringer
19.01.2010 18:06
Aber geh

Ab einem gewissen Qualifikationslevel hat das AMS gar nix mehr - da kriegst dann Vorschläge wo dich der Firmenchef ungläubig fragt: "Wieso bewerben Sie sich denn für sowas?"

Das ist die Realität.

Count Zero Interrupt
19.01.2010 15:54

ich weiß, ich war auch schon öfters dort zwangsverpflichtet. aber ich wär wahrscheinlich noch immer dort, wenn ich darauf gewartet hätt, dass die was machen.

der trick ist dennen klar zu machen, dass man kein sozialschmarozer ist und man schneller und eher arbeit findet, wenn man nicht in einen PC-Führschein Kurs gesteckt wird.

dieDritteGeneration
19.01.2010 12:50

Sozialhilfe und Notstandshilfe gehören abgeschafft. Dafür kann man eine Arbeitsgarantie einführen, beispielsweis: Wer 25 h / Woche gemeinnützig (man könnt zB mal die ganzen Graffitis, denMüll und rassistische Schmiererein entfernen) arbeitet, bekommt dafür etwa 600-700 Euro im Monat. Das reicht zum überleben, und man hat noch genügend Zeit um sich weiterzubilden und/oder sich einen richtigen Job zu suchen. Personen ohne österreichische Staatsbürgerschaft sollten grundsätzlich keinen Anspruch auf Notstandshilfe/Sozialhilfe haben. In jedem normalen Einwanderungsland werden solche Leute abgeschoben. Wohlgemerkt, ich spreche nicht von Asylsuchenden, sondern von Migranten aus wirtschaftlichen Gründen und Familiennachzügler.

With Fear I Kiss The Burning Darkness
01.05.2010 11:59
Vorsicht!

diese Arbeitsgarantie hieß während der NS Zeit "Arbeitseinsatzplanung", d.h. auch damals "durften" alle Arbeitslosen arbeiten...

Keyser
19.01.2010 19:30

Diese Idee sollten sie vielleicht konsequent Zuende denken - bevor sie sich die Mühe machen, sie hier zu präsentieren. Nehmen wir an, SH/NH werden abgeschafft, und jemand soll dann für 600-700€ den Müll wegräumen, Schmierereien entfernen, oder sonstige Tätigkeiten.

Preisfrage: Wer soll denn diese Leute bezahlen? Bzw. überhaupt feststellen - ob die etwas erledigt haben?

Preisfrage 2: Müllentsorgung - also Straßenreinigung - zu welchem Zweck gibt es wohl Müllabfuhr und Straße und Stadtreinigung? Und Malerbetriebe?

Tschuldigung - nichts gegen sie - nur an die Konsequenzen solcher Vorschläge sollten sie auch denken. Nicht zu vergessen, was sollten diejenigen dann tun, die SH bräuchten, aber nicht arbeitsfähig sind? Betteln gehn? :)

Mihatsch
01.02.2010 16:47
Irsinn

Sind sie wahnsinngi wiso sollte dann noch ein normaler Mensch legal arbeiten 700€ für 20 stunden ist ein Stundenlohn von 8.75 € das ist mehr Als jeder Tellerträger Hilfsarbeiter usw. Wie sollte das gerechtfertigt werden??

dieDritteGeneration
19.01.2010 22:27

1. Bezahlt werden sie natürlich vom Staat. Das ist dasselbe Geld, das die derzeit fürs Däumchendrehen bekommen. Ob die was erledigt haben sieht man ja recht gut an den Wänden...
Ansonsten gibt es Strukturen (Jugendbeschäftigungsprojekte, etc. die haben alle Vorarbeiter) zur Kontrolle.

2. Na offensichtlich braucht die Müllabfuhr/Stadtreinigung Unterstützung, oder wieso ist es sonst so dreckig?

Es gibt ja auch genügend anders zu tun, Arbeit ist vorhanden. Es geht dabei ja vorallem darum, dass die Leute sich nicht selber aufgeben und daheim vorm Fernseher verfetten, alles bezahlt von hart arbeitenden Leuten.
Diejenigen, die nicht arbeitsfähig sind, bekommen eh Invalidenrenten, das hat mit Soziahilfe/Notstandshilfe nichts zu tun.

Keyser
19.01.2010 23:16

Diese Antwort habe ich erwartet. Das, was sie vorschlagen, wird ja schon umgesetzt. Arbeit für Gemeinden - Projekte, für die die Gemeinde viel Geld zahlen müsste an Firmen, werden jetzt billigst erledigt - gefördert vom Staat und damit Ihnen.

2. Lohndumping - warum die teure Stadtreinigung erhalten - und Löhne dafür bezahlen - wenn es die arbeitslosen gibt? Und welche Perspektiven bietet so eine Tätigkeit?

"Diejenigen, die nicht arbeitsfähig sind, bekommen eh Invalidenrente" - schön wärs. Aber so einfach ist das nicht, dass ist zum Teil ein jahrelanger Prozess - bis soetwas zuerkannt wird. Und in der Zeit sind gerade jene auf Gelder aus a) SH b) NH ALG - oder Pensionsvorschuß angewiesen. Es hat also schon AUCH was damit zu. :)

WolfgangE
21.01.2010 22:50

können sie mir bitte ihre meinung bzw. überlegungen zur einführung der mindestsicherung mitteilen?

Opti Mist1
19.01.2010 12:36
hätte ich...

die beiden mit dieser Fratze vor der Tür, würde ich sie auch nicht reinlassen, geschweige denn als Arbeitgeber anstellen.

Wird wohl auch mal Zeit dass sich ein Teil (!) auch bewusst wird, dass sie nicht immer und überall die Oberchecker und Superlässigen sind und darstellen können...

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