Kabarettisten als einzige Opposition

17. Jänner 2010, 18:14

Heutige Politik erscheint in vielem wie eine Wiederholung der römischen Politik im letzten Jahrhundert vor Christus

Heutige Politik erscheint in vielem wie eine Wiederholung der römischen Politik im letzten Jahrhundert vor Christus. Robert Harris beschreibt sie in seinen Cicero-Romanen Imperium und Titan. Die Figuren damals und jetzt sind nicht vergleichbar, wohl aber die Wechselwirkung zwischen Öffentlichkeit und Regenten, die Manipulierbarkeit der Bevölkerung, die Dominanz der Unterhaltung, die Macht des Geldes auf Kosten der Schwächeren. Damals wie heute war das vernünftige Argumentieren auf die Zirkel des Denkens eingeschränkt und die Aufwallung der Gefühle ein Geschäft der Populisten und Demagogen.

Damals wie heute waren Langeweiler das Letzte. Trotzdem konnten sie einer von zwei der jährlich neu gewählten Konsuln werden - wenn sie einer der großen Familien angehörten oder den Strohmann für reiche Interessen spielten.

Der Bundeskanzler und der Vizekanzler unserer Republik wirken wie zwei solcher Konsuln, die die Geschichte vermutlich schnell wieder vergisst - sie höchstens vermerkt als Verwalter der Krise. Beide Langweiler, keine Alpha-Tiere. Sie schaffen nicht einmal jene "Politik der Gefühle" - die der Schriftsteller Josef Haslinger vor 22 Jahren zum Titel einer Aufsatzsammlung gemacht hat. Für die hat damals Jörg Haider gesorgt, eine Mischung aus Caesar und Catilina. Nicht nur deshalb, weil er in Kärnten mit seinen Geldgeschenken (auf Steuerkosten) Stimmenkauf nach römischer Art betrieben hat. Seine Stärke war die Siegesrhetorik nach den gewonnenen Wahlschlachten. Als sein Kärntner Erbe wurde am Samstag Uwe Scheuch gewählt, der jetzt vom Buben und Vasall zum neuen Feldherrn aufstieg. Ohne Siegesrhetorik, dafür aber mit jener berührenden Weinerlichkeit, die dem Kärntner Liedgut innewohnt, schnell jedoch in politische Aggression umschlägt.

Heinz-Christian Strache muss sich vorsehen. Wien hat er rechts außen allein. Aber Österreich? Da ist ihm Scheuch womöglich der härtere Gegner als Faymann und Pröll zusammen. Eine Hoffnung, Strache & Co. zu erschüttern, bieten nur noch die Kabarettisten. Der Donnerstag-Dorfer oder Wir sind Kaiser sind Sendungen, die manchmal weit in den Schatten stellen, was an politischer Kritik in Österreich so läuft. Franz Josef Palfrader zum Beispiel hat Straches Lachen zum Gefrieren gebracht, der jüngste Frust-Coup Alfons Haiders ("verschissene Republik" ) war ein exzellentes Beispiel der "Politik der Gefühle" eines Zornigen.

In diesem Wechselbad vermisst man die Grünen. Man bemerkt sie nicht einmal mehr. Wo ist (apropos Wiener Wahl) Maria Vassilakou eigentlich? Vermittelt Eva Glawischnig irgend ein untrügliches Zeichen für Emotionen? Die einzige Frontfigur scheint wieder einmal Peter Pilz zu sein, der eitle, aber unermüdliche Anwalt gegen Korruption und Fremdenfeindlichkeit. Die Grünen werden immer katholischer - mit einer gotischen Madonna und einer immer leiser werdenden Schar von Gläubigen.

So was wie Grüne hat es in der römischen Republik nicht gegeben. Sie scheinen auch in Österreich im Aussterben begriffen. Eine intellektuell anspruchsvolle Opposition würde das Land aber nicht nur publizistisch oder kabarettistisch brauchen. Die politische und geistige Lage ist ernst genug. (Gerfried Sperl/DER STANDARD-Printausgabe, 18. Jänner 2010)

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Brigitte Kashofer1
 
01
Opposition????

Ich sehe keinen einzigen Kabarettisten als Opposition. Sie schwimmen alle eifrig bemüht im Mainstream. Es lohnt sich ja auch!

onduras
20
31.1.2010, 01:08

wie war das schnell mit dem mordaufruf gegen haider
war das nun komisch?? oder vielleicht doch ein fünkchen wollen
oppositionell im zuge der political correctness, kann es sein, daß man es niemals andenken könnte, sich mit der vorgebenen linie irgendwie kritisch auseinander zusetzen
scheuba, maurer ... die durchaus mit einen gewissen intellekt behaftet sind tun mir aufrichtig leid, gefangen in ihrer beweihräucherung unter den ach so lieben freunderln bleibt auch keine zeit mal zu hinterfragen
wir leben ja alle in einer so heilen linken welt

Nik M
00
21.1.2010, 16:40
Mir ist das so wurscht, ob der Faymann ein "Alpha-Tier" oder ein Langeweiler ist

was mich stoert ist der (zumindest von mir wahrgenommene) Mangel an Ideen des Rests der Partei. Wie schauts aus mit der Einkommensschere die immer weiter aufgeht, weil die Leute nicht mehr stabil beschaeftigt sind und immer wieder zurueck an den Start muessen? Mit der (Hochschul)bildung auf hoechstem Niveau fuer die Massen? Chancengleichheit (auch fuer Einwanderer)? Energie- und Umweltpolitik? Mit der Vermoegensverteilung? Gibts Konzepte? Kann man da was machen?

Georg Peschta
00
18.1.2010, 19:52
absolute zustimmung, siehe zb. maschek

hab mir zu sivester maschek im rabenhof gegeben. und ich habe mir (während ich tränen gelacht habe) die ganze zeit ca. das gleiche gedacht, wie es jetzt hier von gerfried sperl treffend formuliert wurde.

in diesen zwei stunden kabarett wurde mehr richtige und berechtigte kritik an der österreichischen regierungspolitik geäussert als in den letzten zehn jahren im "echten leben" von allen grünen politikern zusammen.

und vor allem weil die witze ja keine reinen schenkelklopfer-haha-schmähs sind, sondern auf einem niveau, wo man eigentlich nur mitkommt wenn man regelmäßig die politischen news kritisch verfolgt. aber auf so ein niveau trauen sich ja die grünen nicht hinauf... man will ja niemanden überfordern...

Seria
00
18.1.2010, 18:17

ein guter Vergleich

neoliberale ente
00
18.1.2010, 16:20
Ausländer raus ......im alten Rom?

Selten so gelacht.

angus1
00
18.1.2010, 16:01

die zirkel der denker wollen leider mit politik nichts zu tun haben. dieses geschäft wurde in den letzten 50 Jahren (auch vón den Wählern) so mies gemacht, dass heute kaum einer der denken kann daran interessiert ist. Vielleicht ein paar sozialaufsteiger vom land oder ambitionierte Zahntechniker, aber sonst weit und breit kein interessanter mensch, der bei den parteien oder im parlament seine zeit vergeuden will. das ist unser problem. Politiker in Ö zu sein ist nicht attraktiv genug.

politisch verfolgt
00
18.1.2010, 20:27
schon, aber

ist es anderswo besser? wenn ja: wo? wo regieren wirklich die besten, klügsten, weisesten des landes das volk?

politisch verfolgt
14
18.1.2010, 15:26
das römische reich

wurde genau von jenen barbaren, auf die die römer abfällig herunterblickten, nach und nach von innen ausgehöhlt und schließlich beendet, während die dekadenten römer in saus und braus längst jeden bezug zur realität verloren hatten. danach folgte eine jahrhundertelange rückwärtsentwicklung.

guter vergleich, allerdings wirklich nicht neu.

machsplank
11
18.1.2010, 17:09

zwar schön zusammengefasst, doch trotzdem nicht richtig. mehr als tausend jahre lassen sich nicht auf barbaren gegen römer vereinfachen.

Peter Klein
04
18.1.2010, 15:22
Kabarettisten als einzige Berichterstatter

Das Kennzeichnende ist wohl, dass es den Medien nicht mehr gelingt, die Zustände treffend zu beschreiben, gechweige denn, fundierte Kritik zu üben oder den Unmut des Volks zu artikulieren. Das ist aber bitte nicht die Schuld der Politiker oder der Bevölkerung sondern der Medien selbst.

Die Stärke des Kabaretts ist nicht mehr als die Schwäche des österreichischen Journalismus. Ohne den Falter (und ab und zu profil) würde es wirklich ganz, ganz furchtbar ausschauen in unserem Land. Vielleicht auch einmal vor der eigenen Tür kehren, Herr Sperl?

machsplank
00
18.1.2010, 17:13

ich gebe ihnen zu 100 % recht, die österreichische medienlandschaft ist eine furchtbare katastrophe. nur: was soll der herr sperl vor der tür herumkehren ? ich glaube nicht, dass er ihnen unrecht geben würde.

angus1
01
18.1.2010, 16:08

ich glaube sie haben ein bisschen die zeit verschlafen. heute liest nur mehr eine minderheit zeitungen. Auch die Krone wird nur durch geblättert und der rest schaut fern. 5 min nachrichten und dann werbung und irgendwelche serien aus dem ausland, dann schlafen sie eh ein. auf dem weg zur arbeit vielleicht Ö3 (wieder jede stunde die selben kurznachrichten und ein paar katatsophen, damit wir uns hier nicht so schlecht fühlen).
Die demokratie ist an desinteresse gestorben. Sogar unsere Politkier sind für eine Diktatur zu faul oder zu feig. So geht halt alles irgendwie weiter, weil es darf sich ja nix ändern...Unser politisches System wird sterben und keiner wirds merken. Die beamten regieren weiter wie schon in der Monarchie...

politisch verfolgt
01
18.1.2010, 15:50
profil

versucht für meinen geschmack bereits leicht verzweifelt, die auflage zu steigern bzw. den abwärtstrend zu stoppen. das aktuelle cover "so schlecht ist der ausländer" berührt mich seltsam, denn mit dem schlagwort "ausländer" erregen regelmäßig vor allem andere aufmerksamkeit.

schneebrunzer
 
04
18.1.2010, 14:49
sehr guter Beitrag!!!

danke herr Sperl!

veltliner1
00
18.1.2010, 14:06

auch ich vermisse die grünen. einerseits. bei näherer betrachtung muss ich mit sperl zur kenntnis nehmen: "sie werden immer katholischer und die schar ihrer gläubigen wird immer leiser." sie agieren nach dem prinzip - hoffnung und wollen nicht zu sehr auffallen. und lesen tun sie am liebsten die eigenen umfragewerte. heute, frisch bei market: 13 prozent. laut standard, seite 1. es geht also - wieder einmal - kontinuierlich aufwärts ...

Christoph Karl Steininger
00
18.1.2010, 13:55
Analogie?

Der Scheuch als Clodius, Faymann als Hortensius Hortalus und Pröll als Messala Niger.

divis
 
00
18.1.2010, 15:43
Scheuch als Clodius,...

...der Rabauke, der glaubte zu schieben und in Wahrheit geschoben wurde... die Analogie gefällt.

Aber Faymann als großer Rhetoriker? Wohl kaum.
Vielleicht eher Bibulus - machtloser Konsul, hört auf Cato......

Kenninet Moginet
00
20.1.2010, 17:10
Ja dem kann ich auch zustimmen

wo ist den dann Cicero Vater des Vaterlandes und

wer wird Ceasar???

MarioV
00
18.1.2010, 13:39
Gab es auch damals eine Flucht der Denker aus der Realwelt?

[...<]Damals wie heute war das vernünftige Argumentieren auf die Zirkel des Denkens eingeschränkt und die Aufwallung der Gefühle ein Geschäft der Populisten und Demagogen.[>...]
Hatte das damals auch schon damit zu tun das die Denker sich am liebsten den Gegenstand ihrer Überlegungen selbst aussuchten und vor den komplizierten Problemen der Realwelt, in der es per se keinen perfekten Lösungen geben kann, den Kopf in den Sand steckten und Populisten somit diese Lücke zwangsläufig füllen mussten?

divis
 
00
18.1.2010, 15:48
Ich denke...

...nicht. Die Römer waren gemeinhin sehr praktisch veranlagt, das Gelehrtentum im Elfenbeinturm wurde den Griechen überlassen.

Cicero hat seine gesamte Gelehrsamkeit stets in den Dienst der Politik gestellt. Aber in einer martialisch geprägten Gesellschaft wie der römischen war gegen Skrupellosigkeit schlussendlich kein Kraut gewachsen, zumal die Verknöcherung und Abgehobenheit der herrschenden Elite schon sehr weit fortgeschritten war.

schweinebucht
00
18.1.2010, 16:38
vergleiche:

...in einer Gesellschaft wie der römischen war gegen Skrupellosigkeit schlussendlich kein Kraut gewachsen, zumal die Verknöcherung und Abgehobenheit der herrschenden Elite schon sehr weit fortgeschritten war."

Das sind doch parallelitäten, oder?

cmd=upd&tabnum
00
18.1.2010, 17:37

bis zum untergang des weströmischen reiches dauert es aber noch ein paar jahrhunderte

Enrico Furioso
00
22.1.2010, 00:25
Aber nicht bis zum Untergang der Republik.

Cicero wurde zum Auftakt des neuen Regimes ermordet, sein Leichnam schleifte man durch die Straßen Roms, sodann schlug man ihm Kopf und Hände ab und stellte sie am Forum Romanum zur Schau.

Von da an herrschte in Rom die Tyrannei.

schweinebucht
00
18.1.2010, 18:44
;-)

Heute geht alles schneller!

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