1920: Russland ist das erste Land, das Abtreibung legalisiert

7. April 2003, 14:46
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Doch heute wird die Emanzipation als Grund für das "Aussterben der russischen Nation" verantwortlich gemacht

Russland hat nicht nur in den Jahren seit 1989 beziehungsweise 1991 große Veränderungen erlebt. Das gesamte davor liegende Jahrhundert war eine Periode der ständigen Sprünge – in Richtung Emanzipation und wieder zurück in konservative Denkmuster.

Russland legalisierte – wie bereits oben erwähnt – als erster Staat der Welt Abtreibungen. Es galt, die Frauen vom häuslichen Herd zu befreien und sie ganz und gar in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dieser emanzipatorische Schritt war Teil der bolschewistischen Idee, eine radikale Umformung der traditionellen Strukturen und im Besonderen der Rolle der Familie herbeizuführen.

Aber bereits 1936

... widerruf Stalin diese Entscheidung. Mit dem klar formulierten Ziel, die Geburtenrate zu steigern, wurden Abtreibungen wieder kriminalisiert und gleichzeitig auch Tages- und Kinderheime gefördert. Doch das gewünschte Ziel wurde nicht erreicht: nach einem kurzen Anstieg der Geburten sank die Zahl der neugeborenen Kinder wieder auf das gleiche Level hinab. Illegale Schwangerschaftsabbrüche forderten in den darauffolgenden Jahren zahlreiche Toten. Diese Ereignisse brannten sich als schmerzhafte Erinnerung in das kollektive Gedächtnis der sowjetischen Bevölkerung ein. Bis heute liegt die Anerkennung der Notwendigkeit eines legalen Status auf einem enorm hohen Prozentsatz.

Die Angst vor einer "sterbenden Nation"

1954 hob Khrushchev das Verbot wieder auf – aber nicht um diese Praxis zu unterstützen, sondern um die gesundheitlichen Gefahren illegaler Abbrüche zu minimieren. Selbst legal durchgeführte Abtreibungen wurden in staatlichen Aufklärungsbroschüren als zu gefährlich tituliert. Doch anstatt alternative Verhütungsmethoden zu propagieren, wurde der Kampf gegen Abtreibungen als Förderung von Mutterschaft aufgenommen.

In den späten 60ern, als DemografInnen zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges keine wesentlichen Steigerungen der Fruchtbarkeitsrate erkennen konnten, wurde diese Entwicklung immer massiver als Problem in der öffentlichen Diskussion gesehen. Eine hohe Fruchtbarkeitsrate galt als Maßstab für soziale Stabilität. Die hohen Scheidungsraten wurden zum Erklärungsmuster für diese Entwicklung und der Vorwurf, die Bevölkerung kümmere sich zu wenig um die "kollektiven Interessen" in und durch ihr Familienleben, wurde immer lauter.

Frauen als Sündenböcke

Schuld waren – wie so oft – die Frauen. Nicht der schlecht funktionierende Staat oder die unzureichende Versorgung mit Infrastruktur wurde als Hemmnis für "fruchtbare Partnerschaften" gesehen, sondern die Verweigerung der Frauen, mehr als ein Kind zu bekommen. Selbstsüchtig würden sie das Familienleben und dessen demografische Notwendigkeit für die Gesellschaft ablehnen. Es wurde sogar spekuliert, ob nicht die "Frauenemanzipation" im Arbeitsleben darin resultiert hätte, dass die Frauen ihren "Mutterinstinkt" verloren hätten.

Frauen seien rüde, hart und autoritär geworden, hieß es selbst noch in Schulbüchern der späten 80er. Vom Ideal des gleichwertigen Individuums, das in allen Bereichen des Aufbaus des Kommunismus partizipieren soll, war keine Rede mehr.

"Pronatalistische" Bewegungen sind im Russland des ausgehenden 3. Jahrtausend noch immer ein wichtiger politischer Faktor. Und die Massenmedien schüren die Ängste, dass "die russische Nation" am Aussterben sei. MigrantInnen mit ihrer hohen Fruchtbarkeitsrate könnten die "ursprüngliche Bevölkerung" untergraben – ein oder mehr Sündenböcke finden sich immer ...

(e_mu)

Rivikin Fish ist Assistentin für Anthropologie an der Universität von Kentucky

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    Die Emanzipation der Frau sei am "Aussterben" der russischen Nation schuld...
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