Frankreichs Muslime stimmen über Vertretung ab

6. April 2003, 20:42
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Der "nationale Rat" soll die Muslime integrieren helfen, doch vor allem Jugendliche zweifeln jetzt schon den Status an

Vor dem Hintergrund des Irakkrieges und zunehmender konfessioneller Spannungen im Land haben Frankreichs Muslime mit der Wahl eines nationalen "Rates" begonnen. Er soll die Muslime integrieren helfen, doch vor allem Jugendliche zweifeln jetzt schon den Status an

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Frankreichs schätzungsweise vier Millionen französische Muslime sind die größte islamische Glaubensgemeinschaft Europas. Sie sind in zahlreiche Verbände aufgesplittert, die aus verschiedenen arabischen und maghrebinischen Staaten kontrolliert werden. Der französische Staat versucht seit Jahren, einen einheitlichen muslimischen Ansprechpartner aufzubauen. Nach zahlreichen gescheiterten Anläufen seiner Vorgänger schaffte es Innenminister Nicolas Sarkozy nun, die Bildung eines "französischen Rates des muslimischen Kultes" (CFCM) bilden. Der Minister spricht von einem "historischen Erfolg". Am Sonntag wurde in neun Landesregionen gewählt, am nächsten Wochenende sind die 16 übrigen Regionen an der Reihe. 992 ausgewählte Moscheen (von insgesamt 1500 in Frankreich) wurden zur Wahl zugelassen.

Das Prozedere hat indes einige Schönheitsfehler. Nur zwei Drittel der CFCM-Kandidaten werden in direkter Wahl bestimmt; die französischen Behörden ernennen das restliche Drittel - darunter die leitenden Instanzen. Erst bei der zweiten Bestellung des CFCM-Rates 2005 soll die Urnenwahl für alle Kandidaten gelten.

Der Name des ersten CFCM-Vorstehers gilt deshalb schon vor der Wahl als sicher: Es handelt sich um den Rektor der Pariser Moschee, Dalil Boubakeur. Er steht Staatschef Chirac nahe und ist der Kandidat der algerischen "Fraktion". Vizepräsidenten werden aller Voraussicht nach die Spitzen der "Nationalen Föderation der Muslime in Frankreich" (von Marokko kontrolliert) und der "muslimischen Brüder" (Saudi-Arabien nahe stehend). Ihre Bevorzugung war der Preis, den Sarkozy zahlen musste, um die CFCM-Instanzen überhaupt bilden zu können. Zwei weniger wichtige Muslimverbände boykottieren die "Wahlfarce". Auch Betoule Fekkar-Lambiotte, die einzige Frau, die an den CFCM-Vorverhandlungen teilnahm, verweigert einen Direktionsposten mit weiblicher Alibifunktion. Viele muslimische Jugendliche in den Vorstädten von Paris, Lyon oder Marseille fühlen sich deshalb durch den CFCM kaum repräsentiert. Ihr neuer Zentralrat dürfte damit seine unausgesprochene Hauptaufgabe, die muslimischen Bürger Frankreichs besser zu integrieren, kaum erreichen. Auch durch den Irakkrieg nur noch verstärkte Spannungen zwischen den Glaubensgemeinschaften wird er nicht abbauen können. Erst vergangene Woche war ein britischer Soldatenfriedhof in Nordfrankreich mit "Saddam"-Graffiti geschändet worden. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.4.2003)

Stefan Brändle aus Paris
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    Frankreichs Muslime - hier im südfranzösischen Nimes - erhalten erstmals eine eigene nationale Vertretung

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