Ethnische Säuberung in Kirkuk befürchtet

6. April 2003, 20:31
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Marschtempo im Norden: Kurdische Kämpfer rücken vor

Zerbombte Lastwagen, ein paar Helme, Granaten, Brotbeutel und Schlafsäcke. Dazwischen Blutflecken am Boden, über denen Mücken kreisen. Viel mehr ist nicht zurückgeblieben von der Einheit 163276 der irakischen Armee. Jahrelang lag die Truppe in den Hügeln vor den Häusern des Kurdendorfes Bardarasch. Dann kamen US-Flugzeuge. Nach den Angriffen und dem Rückzug der Iraker hat ein US-Soldat ein Pickerl an einen der ausgebrannten Lastwagen der geflohenen Einheit geklebt: "Ich habe einen Volltreffer gelandet."

Die von den Irakern entlang der kurdischen Nordfront verlassenen Frontabschnitte gleichen einander. So schnell, wie Saddam Husseins Truppen sich zurückziehen, so schnell rücken die von der US-Luftwaffe unterstützten kurdischen Kämpfer nach. Nicht nur Elitesoldaten, sondern auch reguläre US-Truppen nehmen jetzt an den Kämpfen teil: Seit dem Wochenende rollen Kolonnen von Jeeps an die Front. Mindestens 250 US-Fallschirmjäger der 173. Luftlandedivision, wahrscheinlich aber weit mehr, wurden nach vorne verlegt. Dies ist ein Hinweis darauf, dass die USA das Marschtempo an der bisher eher schläfrigen Nordfront erhöhen.

Im Südosten, nahe der iranischen Grenze, rücken die Kurden in Richtung der Ölstadt Khanaquin vor. Vor allem aber stehen sie 20 Kilometer vor den strategisch wichtigen Städten Kirkuk und Mossul. Damit scheint der Fall der Großstädte in den nächsten Tagen möglich.

Krisenherd Kirkuk

Mit dem Fall von Kirkuk dürften politische Probleme auftauchen: In der autonomen Kurdenregion im Norden warten Hunderttausende kurdische Flüchtlinge aus Kirkuk auf die Flucht der irakischen Armee. Die Kurden wollen lieber heute als morgen zurückkehren - sie wurden von Saddam Hussein vertrieben. Und sie scheinen im Gegenzug bereit zu sein, Hunderttausende von Saddam in Kirkuk angesiedelte Araber zu verjagen.

Zwar sagt Kirkuks Exilgouverneur Nizam Madin Gly, die Kurdenregierung wolle die Rückkehr der Kurden und den Abzug der Araber organisieren, "notfalls mithilfe der Vereinten Nationen". Aber er sagt auch: "Die Araber haben uns Kurden vertrieben. Sie haben uns die Häuser gestohlen. Wer sein Haus auf kurdischem Boden gebaut hat, der wird enteignet." Was droht, ist eine ethnische Säuberung.

Kirkuk ist seit Jahrzehnten Zankapfel zwischen den in der Region lebenden Völkern. Ein Drittel der irakischen Erdöls lagert rund um die Stadt. Die Reserven werden auf mindestens zehn Milliarden Barrel geschätzt.

Es sind nicht nur die Kurden, die Anspruch auf Kirkuk erheben. Seit dem Ende des osmanischen Reichs 1918 streiten sie mit Arabern, Turkmenen und Türken um die Stadt. Die britische Mandatsmacht hatte Kirkuk, entgegen der Versprechungen vom eigenen Kurdenstaat, nach dem Ersten Weltkrieg dem neu geschaffenen Staat Irak zugeschlagen.

Nicht nur Kurden, auch Türken protestierten erfolglos: Sie betrachteten die frühere osmanische Provinz als türkisches Territorium. Ankara stellt trotz einer abschließenden Regelung durch den Völkerbund bis heute Ansprüche. Es ist fraglich, wie diese Ansprüche der alten und der neuen Bewohner von Kirkuk befriedigt werden können. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.4.2003)

Thomas Avenarius aus Bardarasch
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