Reportage aus Bagdad: "Egal wohin, nur raus"

7. April 2003, 13:12
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Immer mehr Familien entschließen sich zur Flucht - Wer bleibt, mauert die Fenster seines Heims zu

Das Dröhnen der Bomben wird vom Knattern der Maschinengewehre und dem Krachen schwerer Artillerie abgelöst. Das Brot wird knapp, Wasser und Strom fallen aus. Immer mehr Familien entschließen sich zur Flucht. Wer bleibt, mauert die Fenster seines Heims zu.

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Unruhig steht Haidar auf der Straße. Eine Spielzeugpistole ragt ihm aus der Tasche. Auf der Stirn hat er eine große Schürfwunde. Er unterhält sich mit ein paar Freunden. Sie sind alle von ihren Müttern zum Brotkaufen geschickt worden. Haidar ist zwölf Jahre alt und geht in die sechste Klasse. Aber jetzt hat man Haidar und seinen Freunden andere Aufgaben übertragen, da die Schulen geschlossen sind.

"Ich bin für den Essenseinkauf für die Familie verantwortlich", sagt Haidar zufrieden. Er steht in einer Schlange mit anderen Wartenden. Sie führt eine Stiege hoch in ein Geschäft, in dem es wunderbar nach frisch gebackenem Brot duftet. Die dünnen Fladenbrote werden in Rekordtempo von einem Bäcker ausgerollt und mit einem langen Eisenschieber in den offenen Backofen geschoben. Nach wenigen Sekunden sind sie schon fertig, und ein anderer Bäcker nimmt sie in rasendem Tempo heraus und wirft sie auf den Tisch. Dort werden sie noch dampfend in Sackerln verpackt.

"Noch nie hatten wir so lange Schlangen wie jetzt", sagt einer der Bäcker. "Aber im Moment müssen die Leute mehrere Kilometer weit fahren, um überhaupt noch irgendwo Brot aufzutreiben. Wir haben geöffnet, solange es geht. Schließlich brauchen die Leute Brot."

Haidar klimpert mit dem Haushaltsgeld seiner Mutter. "Eigentlich ist dieser Krieg gar nicht so schlimm. Ich genieße jetzt größere Freiheiten. Ich muss nicht in die Schule gehen und kann jeden Tag Fußball spielen und Einkäufe erledigen."

Er fügt hinzu: "Und Krieg spielen wir auch. Wir spielen Israelis und Palästinenser", sagt er und hält mir seine Spielzeugpistole hin, "oder Räuber und Gendarm." Ob sie denn nicht Iraker gegen Amerikaner spielten? Haidar schüttelt stumm den Kopf. Offenbar ist der Krieg zwischen den Amerikanern und Irakern zu ernst, um ein Spiel daraus zu machen. Auch Haidar hat die Bilder der getöteten und verstümmelten irakischen Kinder gesehen und die besorgten Gespräche der Eltern gehört. Sollen sie in Bagdad bleiben oder weg? Wie soll er außerdem Bomber spielen?

Kein Wasser mehr

In der Nähe der Bäckerei im Karrada-Viertel stehen zwei durchgerostete Autos. Die Wracks werden mit Taschen, Wasserkanistern und Lebensmitteln beladen. Auf dem Dach liegen zusammengerollte Decken und Matratzen in großen Ballen. "Wir können nicht mehr", sagt Maysun Najib. "Die Kinder können nachts nicht mehr schlafen. Sie weinen und sind außer sich vor Angst. Jetzt, da wir keinen Strom und auch kein Wasser mehr haben, schließen wir die Tür ab und verschwinden."

Und wohin fahren sie? "Das haben wir noch nicht entschieden. Eigentlich können wir nirgendwohin. Wir haben ein paar Verwandte in Mossul, aber wir wissen nicht, ob die Straße dorthin sicher ist. Das Auto eines Nachbarn, der von dort kam, wurde von Splittern getroffen. Alle im Auto erlitten Verletzungen am ganzen Körper."

Und der Nachbar? "Unseren Nachbarn, der auf dem Rücksitz saß, erwischten nur ein paar Splitter in der Hand, es geht ihm also schon wieder gut. Trotzdem glaube ich, dass es sicherer ist, nach Mossul zu fahren, als hier zu bleiben." Denn die Kämpfe könnten noch schlimmer werden, meint Maysun. "Wenn wir fertig gepackt haben, fahren wir runter zum Busbahnhof, um mit den Fahrern dort zu sprechen. Sie wissen, welchen Weg aus Bagdad wir noch benutzen können."

Reise ins Unbekannte

Maysun seufzt. Um sie herum laufen ein paar ihrer Kinder. Sie hat fünf im Alter zwischen sechs und achtzehn Jahren. Sie freuen sich darauf, wegfahren zu dürfen. Eine Reise ins Unbekannte. Norden, Süden, Osten oder Westen? "Egal wohin. Das spielt keine Rolle, Hauptsache, raus aus Bagdad."

Die Einwohner der irakischen Hauptstadt merken, dass der Krieg näher und näher kommt: Das Dröhnen der Bomben wird vom Knattern der Maschinengewehre und dem Krachen schwerer Artillerie abgelöst. Das ist einer der Gründe, warum sich immer mehr Familien zur Flucht entschließen. Schwer beladene Autos sind auf den Autobahnen auf dem Weg aus Bagdad zu sehen, die meisten voll mit Frauen und Kindern.

Die Anwesenheit der irakischen Soldaten verändert die Stimmung in der Stadt sehr stark. Mehrere Lastwagen mit schwer bewaffneten Soldaten fahren durch die Straßen. Manchmal schießen die Soldaten in die Luft, als feierten sie, dass der Kampf um Bagdads Straßen endlich beginne. Sie fuchteln mit ihren Gewehren und machen in Richtung der Passanten das Siegeszeichen. An der Autobahn stehen Panzer in Kolonnen bereit. Fahrzeuge schleppen leichtere Kanonen hinter sich her.

Soldatenlager im Park

An mehreren Stellen in Bagdad sind größere Ansammlungen von Soldaten. Sie sind an den Kreuzungen aufmarschiert. Es sind auch Pick-ups mit grün gekleideten Männern unterwegs. Viele Parks sind bereits in Lager mit Schützengräben, Stellungen und Kasernen verwandelt worden.

Die breiten Hauptstraßen liegen wie ausgestorben da, nur die Skelette der Marktstände sind zu sehen. Bei den Geschäften sind die Jalousien heruntergelassen. Nur wenige Menschen sind unterwegs, um etwas einzukaufen oder zu Bekannten zum Teetrinken und zum Austausch von Neuigkeiten zu gehen.

An einer der Hauptstraßen sitzt Ahmed auf einem Hocker und sieht zu, wie Arbeiter Fenster und Türen seines Hotels in der Sadoun-Straße zumauern. "Atlas Hotel & Restaurant" steht auf dem Neonschild über dem Eingang. Wo einmal eine Schwingtür gewesen ist, erhebt sich jetzt eine solide Mauer. Auch die Fenster im Erdgeschoß sind zugemauert. Nur ein Spalt eines Fensters ist noch offen, sonst ist das Gebäude vollkommen versiegelt. "Das ist so am sichersten", meint Ahmed traurig. "Da kommt keine Kugel durch. Aber wenn Allah will, bleibt uns das erspart, und wir können die Mauer wieder einreißen." (DER STANDARD, Printausgabe, 7.4.2003)

Åsne Seierstad aus Bagdad

Die 32jährige Norwegerin berichtet seit mehreren Wochen aus Bagdad

  • Ranin Najib verlässt mit ihren Eltern und vier Geschwistern Bagdad - Die wichtigsten Sachen sind gepackt - Die Familie will sich nach Mossul im Nordirak durchschlagen
    foto: derstandard/seierstad

    Ranin Najib verlässt mit ihren Eltern und vier Geschwistern Bagdad - Die wichtigsten Sachen sind gepackt - Die Familie will sich nach Mossul im Nordirak durchschlagen

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