Benimmregeln mit ein paar Abstrichen

6. April 2003, 19:58
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Börsenfirmen setzen Verhaltenskodex bei Gagen und Aktiengeschäften nicht um

Wien - Österreichs börsennotierte Unternehmen halten das Leitbild der transparenten Unternehmensführung, so wie es im viel gelobten heimischen Corporate-Governance-Kodex vorgezeichnet ist, nicht in allen Details für brauchbar.

Was in diesen Benimmregeln, die das Vertrauen der Anleger zurückbringen sollen, empfohlen wird und in den USA schon lange zum täglichen Geschäft gehört, bleibt in Österreich teilweise Papier. Dazu gehören die Veröffentlichungen aller Wertpapiertransaktionen der Vorstände und Aufsichtsräte auf der Homepage und die einzelne Offenlegung der Gagen der Manager in den Geschäftsberichten.

"Kein Gesetz"

"Das ist derzeit nicht Usus und ist ja außerdem nur eine Empfehlung, kein Gesetz", heißt es dazu etwa beim Anlagenbauer VA Tech. "Der Aktionär kann seine Anlageentscheidung auch so treffen", winkt der Kartonerzeuger Mayr-Melnhof ab. Nur zwei der rund 40 großen heimischen Börsenfirmen haben auch mit den transparenten Einzelgagen kein Problem; Der Edelstahlerzeuger Böhler-Uddeholm und der Erdölkonzern OMV. "Unsere amerikanischen Aktionäre wollen das sowieso wissen, wir haben mit diesen Dingen überhaupt kein Problem", so Böhler-Vorstandschef Claus Raidl. OMV-Boss Wolfgang Ruttenstorfer erkennt eine solche größtmögliche Transparenz auch als internationale Geschäftsgrundlage.

Die überwiegende Mehrheit der heimischen Börsenfirmen argumentiert, dass der Vorstand ja ein Kollegialorgan sei und daher "der Neidgenossenschaft" durch einzelne Vergütungseinblicke keinen Vorschub leisten müsse. Zudem könne man ja die Gesamtvergütung durch die Zahl der Vorstände dividieren und beim Chef ein bisschen draufrechen, bei den anderen etwas abziehen.

Voestalpine noch nicht ganz so weit

Die Voestalpine erklärt ihr "Nein" etwas geschickter: "Wir sind noch nicht ganz so weit." Auch die Erste Bank sagt zumindest, man behalte sich diese Umsetzung der Kodex-Empfehlungen für einen späteren Zeitpunkt vor.

"Es wird immer ein paar große Vorsitzende geben, die sich in ihrem Unternehmen verwirklichen, ihre Gagen aber nicht offen legen", bedauert Rupert-Heinrich Staller, Mitglied der heimischen Kommission für den Corporate-Governance-Kodex. Eine lange Lebensdauer dieser Verweigerungshaltung sieht er aber nicht: In Großbritannien etwa müsse seit Anfang 2003 sogar die Hauptversammlung die Vorstandsgagen absegnen, und laut einem für künftige EU-Richtlinien maßgeblichen Expertenbericht ("Winter-Report" prominenter Gesellschaftsrechtler) unter Kommissar Frits Bolkestein würden die einzelnen Führungsgagen sogar zum Tagesordnungspunkt in den Hauptversammlungen Europas erhoben, berichtet Staller.

Dass heimische Unternehmen "Standards noch teilweise ignorieren", findet Wilhelm Rasinger, Chef des Kleinanlegerverbandes IVA, zwar betrüblich. Viel schlimmer ist für ihn aber, dass die Bestimmung über die Transparenz bei den Wertpapiertransaktionen der Manager kaum beachtet wird und unterjährige diskretionäre Geschäfte damit theoretisch weiter möglich sind. (Karin Bauer, DER STANDARD Print-Ausgabe, 7.4.2003)

Kommentar
Auch Symbole zählen
Im Sinne der Transparenz darf der Einblick in die Gagen der Manager gefordert werden
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