Kommentar: Duisenbergs Triumph

6. April 2003, 19:25
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Der EZB-Präsident konnte mit diebischer Freude von Athen zurück nach Frankfurt fliegen - Von Jörg Wojahn

Weiterfressender Mangel heißt das Phänomen, unter dem die Postenpoker um die Europäische Zentralbank leiden, in der Dogmatik des Zivilrechts. OeNB-Vizegouverneurin Getrude Tumpel-Gugerell bekam es am Wochenende beim Treffen der Euro-Finanzminister vorgeführt. EZB-Präsident Wim Duisenberg aber konnte - aus demselben Grund - mit diebischer Freude von Athen zurück nach Frankfurt fliegen.

Der Mangel, der bis heute weiterfrisst, wurde 1998 angelegt. Er zwingt zu immer neuen Kapriolen, die die Unabhängigkeit der EZB zumindest anknabbern. Vor fünf Jahren kam Duisenbergs Wahl zum EZB-Präsidenten zwischen den EU-Staats- und Regierungschefs unsauber zustande: Frankreichs Präsident Jacques Chirac bevorzugte seinen Nationalbankchef Jean-Claude Trichet, Deutschlands damaliger Kanzler Helmut Kohl nicht. Der geheime Deal war, dass der erste Amtsinhaber dann eben nicht volle acht Jahre dienen dürfe. Duisenberg wurde düpiert.

Heute kann er triumphieren: Chirac, gemeinsam mit den anderen Euro-Staatschefs, muss ihn auf Knien bitten, doch im Amt zu bleiben, bis ein Nachfolger bestimmt ist. Denn der Chirac-Kandidat Trichet steht vor Gericht, Ausgang ungewiss. Zudem hat Paris nicht einmal einen einwandfreien Alternativkandidaten, um seine Option auf den Präsidentenposten auszuüben.

Gut für die EZB ist das nicht. Denn Duisenberg wird, falls Trichet am 18. Juni in erster Instanz freigesprochen wird, bei jeder Pressekonferenz gefragt werden, wann er denn nun abtritt. Immerhin haben die Euro-Finanzminister in Athen aber keinen neuen Mangel angelegt. Hätten sie Duisenberg eine konkrete Frist für sein Verbleiben genannt, wäre das ein direkter Eingriff in die Unabhängigkeit der EZB gewesen. Duisenbergs Amtszeit endet 2006. Am besten wäre, wenn er einfach bis dahin bliebe. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 7.4.2003)

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