Der Krise entgegensehen

6. April 2003, 21:11
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Volker Brauns Poetikvorlesungen - ab heute in der Alten Schmiede

Wien - Die Dichtkunst von Büchner-Preisträger Volker Braun (64) tönt zu uns herüber wie die verwunschene Melodie aus einem entlegenen Tal. Denn während sich die Alpenrepublik an der Nahtstelle der europäischen Teilung die Erfahrung des Realsozialismus ersparen konnte, nahm sich der Dresdner Braun des Projekts DDR bereitwillig an.

Er bürdete es sich auf, indem er noch den niederschmetternden Alltag als "Vorgriff auf die Zukunft" verstand. Braun nahm die Hemmnisse und Fesseln, mit denen der Ulbricht-Staat seine eigenen Parteigänger drangsalierte, als notwendige Etappenhindernisse auf dem Weg zum großen Planziel: die gerechte Neuordnung der Welt.

Wer je Brauns Produktionsdrama Die Kipper (1972) gelesen hat, staunt über die anarchische Lust, mit der ein simpler Brigadist aus der Frage der Kohleverladung ein ganzes Menschheitsprogramm zimmert. Paul Bauch, ein maßloser Nachfahr von Brechts gefräßigem Baal, möchte möglichst schon zur Produktionszeit die in Aussicht gestellten Früchte ernten - doch mit seinem Pathos fährt er hart gegen die Betonwand. Er schlägt sich den mit Büchners Sprache voll geräumten Kopf an den Verhältnissen blutig. Die Male aber trägt er wie Stigmata.
Wer mit Brauns Prämissen nichts anzufangen weiß, wird auch mit seiner wie an einem rostigen Klassikgewinde hochgezogenen Sprache seine Schwierigkeiten haben. In seinen Gedichten und Stücken montiert dieser Bruder im Geiste des ungleich zynischeren Heiner Müller Sentenzen und Wendungen zu dialektisch verschraubten Skulpturen: "Der Hoffnung/ Später Nachfahr: Die Zukunft!"

Mit dem zunächst hoffnungsfroh begrüßten Untergang des sozialistischen Projekts verschwand wohl auch der Standpunkt für Brauns geduldige Umräumearbeit: Partikel der Hoffnung aus dem Schuttberg der Geschichte herauszuklauben, um für alle Menschen eine Aussichtswarte zu errichten, die einen Blick eröffnet auf das erhoffte, menschenmögliche Paradies.
Brauns seherischer Ton besitzt seit 1989 den blechernen Schmelz der Kassandra: "Wir befinden uns soweit wohl. Wir sind erst einmal am Ende. Mit dem Erkennen kommt die Krise. Ich denke, die Krise hat uns noch nicht ganz erreicht. Sehen wir ihr also entgegen." - Wer solches spricht und seinen Abscheu vor der galoppierenden Ausbreitung marktwirtschaftlicher Verhältnisse kaum verhehlt, trägt natürlich das Kreuz rhetorischer Rechthaberei. Aber Brauns stupende Poetik - nachzulesen in seinen bei Suhrkamp veröffentlichten Äußerungen - stellt zugleich den eigenen Pessimismus auf den Prüfstand der vorsorglichen Generalverdächtigung. Ein wenig kommoder, zugiger, unbehaglicher Winkel; ein Zugeständnis an jene Ortlosigkeit, von dem Volker Brauns Vortrag Ein Ort für Peter Weiss handelt.

Dieser Text, eine liebevolle, verzwickte Meditation über den Autor der Ästhetik des Widerstands, wird dem Dichter am Dienstag, 19 Uhr, als Ausgangspunkt für seine Vorlesungen im Literarischen Quartier der Alten Schmiede dienen. In der Deckung welcher unzugänglichen Berge, fragt Braun, sitzen die Revolutionäre unserer Tage? Welcher Art ist ihr Aufruhr gegen die globale Logik des Monopolkapitals? Es sind Sirenentöne - mit zärtlichem Blick auf den heimatlosen Marxisten Weiss - mehr gewispert als gesprochen. Auch dort, wohin man Braun nicht wird folgen können, sieht man fasziniert poetisches Denken bei der Arbeit, der Überwindung des ertragenen Schmerzes. Heute, 19 Uhr: Lyotard oder Die Leute lassen sich alles erzählen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 7.4.2003)

Von
Ronald Pohl

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    Volker Braun

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