Die Dichter, die Nähe und das Dorf

6. April 2003, 21:13
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Eindrücke von den 33. Rauriser Literaturtagen: Vieles liegt hier nah beisammen

Rauris - Vieles liegt bei den Rauriser Literaturtagen nah beisammen. Es ist nicht weit vom Neuwirt zum Gasthaus Grimming oder vom Rauriser Hof zum Alpina, wo die Lesungen stattfinden, und nah sind sich hier in diesen vier Tagen auch ästhetische Moderne und ländlicher Raum, Bauernmarkt und Poesie.

Gering ist die Distanz zwischen "Dichtern" und studentischen Arbeitskreisen, die sie über ihr Werk befragen, und klein der Abstand zum Nebenmann bei den überlaufenen Lesungen, die mittlerweile für Publikum und Autoren den diskreten Charme der Sardinenbüchse verströmen. "Subversive Normalität", so hat Raoul Schrott diese Stimmung einmal auf den paradoxen Punkt gebracht, vom "Meuchelmord am Elitären der Literatur" sprach die NZZ.

Weit weg scheint hingegen im idyllischen Pinzgauer Bergdorf der Krieg im Irak, doch brach er sich von den vermeintlichen Rändern her seinen Weg ins Zentrum. Schon bei der Eröffnungsfeier der in ihrem 33. Jahr unter dem Motto "Versuchte Nähe" stehenden Veranstaltung, schlug deren Leiterin, Brita Steinwendtner, vom "Handwerk des Lebens", dem legendären Autorenbrotbacken beim Örgbauern, den Bogen zum Geschehen am Golf. (DER STANDARD, Printausgabe vom 7.4.2003)

Differenziert äußerte sich der ohne seine erkrankte Frau Inge, mit der er seit 50 Jahren verheiratet ist ("und es ist immer spannender geworden"), angereiste Walter Jens zum Thema. Jens, Jahrgang 1923, Mitbegründer der Gruppe 47, Philologe, lange Jahre Professor für Rhetorik in Tübingen, Aktionist in der Friedens- und Anti-Atomwaffen-Bewegung, ist das, was man in den USA einen "public intellectual" nennt, und er verwies wie Josef Haslinger, der am Samstag las, auf die Tatsache, es habe immer schon zwei Amerikas gegeben, jenes der Toleranz und eines der Superpatrioten.

"Die Entfernung ändert nichts an der Nähe", sagt Alfred Kolleritsch, der das Programm Donnerstagmittag eröffnete. Davon, dass manchmal Nähe nichts an der Entfernung zwischen zwei Menschen ändert, handelt hingegen der Text von Katharina Faber, die mit dem 7300 Euro dotierten Rauriser Literaturpreis für die beste Prosa-Erstveröffentlichung in deutscher Sprache ausgezeichnet wurde (der Förderpreis ging an Gabriele Neudecker).

Dass der 51-jährigen Debütantin Faber für einen Roman, der mit dem sperrigen Titel Manchmal sehe ich am Himmel einen endlos weiten Strand im kleinen Zürcher Bilger-Verlag erschien und sich formal anspruchsvoll mit der Verzweiflung einer vitalen Frau und der 68er-Bewegung auseinander setzt, ein renommierter Literaturpreis verliehen wird, ist bemerkenswert. Und es lässt einen wieder ein klein wenig an den viel geschmähten Literaturbetrieb glauben.

Entdeckung

Apropos Betrieb, neben den Verlegern Rico Bilger und Michael Krüger, der die Verlage Hanser, Zsolny und Nagel & Kimche leitet, war auch Max Droschl zugegen. Die bei ihm publizierende Rosa Pock-Artmann, die formal strenge und doch organisch leichte Texte vorstellte, war eine Entdeckung. Auch der subtile Anselm Glück, in dessen Lesung hoch verdichtete auswendig gesprochene Kunstsätze mit umgangssprachlich erzählten Erlebnissen wechseln, ist Droschl-Autor.

Indem er scheinbar Disparates gleichberechtigt nebeneinander stellt und so in Beziehung setzt, erschließt Glück die Vielfalt, das Nebeneinander und die Gleichzeitigkeit in einer meist wenig erfreulichen Lebenswelt. Das war gerade im Kontrast zu dem vor ihm lesenden Monomanen Uwe Dick ein Höhepunkt des "langen Samstags der Literatur", den neben Josef Haslinger und Erica Pedretti auch Kathrin Röggla und der genialische Helmut Krausser bestritten.

Röggla las aus Unveröffentlichtem, nämlich aus ihrem Roman wir schlafen nicht, der im Unternehmensberatermilieu spielt und kommendes Jahr bei Fischer herauskommt, Krausser aus dem eben erschienenen Roman Ultrachronos. Neun Stunden dauerte der "lange Samstag der Literatur", das ist trotz des exquisiten Programms und der wie immer hervorragenden Organisation der Veranstaltung zu lang. Hingegen: Wenn es einem nicht passt, kann man ja spazieren gehen. Gleich neben dem Gasthof Grimming, in dem die Marathonlesung stattfand, stößt man auf den Kirchhof - und eine Grabplatte: Geboren 1920 in Rauris, gestorben am 24.10.1942 in El Alamein. Vieles lag an diesen Rauriser Literaturtagen nah beisammen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 7.4.2003)

Von
Stefan Gmünder
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