"Der Weiblichkeitswahn" oder tote Lebende

9. April 2003, 01:00
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Vor 40 Jahren sorgte das Buch der US-Frauenrechtlerin Betty Friedan für Aufregung

Vor 40 Jahren, im Jahr 1963, hat sich in den USA die Frauenbewegung formiert. Anstoß dazu lieferte letztendlich die Veröffentlichung eines US-Regierungsberichts über die Stellung der Frau. Daraufhin wappneten sich Feministinnen zum Kampf gegen die geschlechtsspezifische Diskriminierung vor allem in der Arbeitswelt. Mit gewissem Erfolg. Denn bereits Ende des Jahres 1963 gab der Kongress in Washington den "Equal Pay Act" heraus, der gleiche Bezahlung von Frauen und Männern forderte.

"Millionen von Frauen lebendig begraben"

Genau in diesem Jahr, als in Österreich von Frauenbewegung noch lange keine Rede war, publizierte die Journalistin Betty Friedan den "Weiblichkeitswahn", in dem sie die Mechanismen einer besonders stark in den 50er und 60er-Jahren allgemein gesellschaftlich anerkannten Ideologie, die Frauen auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter beschränkt, enthüllte. Grundlagen ihrer Recherche bildeten Umfragen aus den 50er-Jahren, die Friedan durch Interviews mit Frauen aller Altersklassen, sozialer Schichten und Bildungsniveaus in den USA "auffrischte". Der Grundkonsens der Aussagen war erschütternd: "Der Weiblichkeitswahn", so Friedan, "hat es geschafft, Millionen von Frauen lebendig zu begraben".

Unerfüllte Sehnsucht nach der "heilen Welt"

Zwischen Unzufriedenheit, Verzweiflung und Depression fühlten sich die Frauen in ihrer alltäglichen Isolation in gepflegten Vororte-Häuschen bei nichts außer Hausarbeit und Kindern, während die männlichen Ernährer nur abends in das traute Heim zurückkamen. Die ideologisierte Arbeitsteilung verurteilend, sprach Betty Friedan den Frauen eine gewisse Mitschuld jedoch nicht ab. Wenn auch mit Einsicht dahin gehend, dass nach dem Zweiten Weltkrieg die Sehnsucht nach der "heilen Welt", nach Geborgenheit und Sicherheit, einem Rückzug ins Private durchaus verständlich war.

Dabei übersah sie eine grundsätzliche politische Strategie der patriarchalen Gesellschaft. Denn die Frauen, gleich ob in den USA oder sonstwo, hatten und haben nicht wirklich die Wahl, sie waren und sind die ökonomische Reservearmee schlechthin, die je nach konjunktureller Notwendigkeit ins Arbeitsleben geholt oder aus diesem verstoßen werden. Weil sie als "Dazuverdienerinnen" gelten, besonders dann, wenn sie Kinder haben.

Betty Friedan war jedoch optimistisch. Eine neue Lebensplanung könnte die Frauen motivieren, Selbstbewusstsein und Mut herstellen, den sie vornehmlich in Gruppen der feministischen Bewegung finden sollten. Ein Optimismus, der leider bis heute nur ansatzweise aufgegangen ist. (dabu)

Betty Friedan
Der Weiblichkeitswahn oder Die Selbstbefreiung der Frau. Ein Emanzipationskonzept
301 Seiten
Rowohlt Tb.
ISBN: 3499167212
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    Feministin, Autorin und Journalistin Betty Friedan in den 70er-Jahren.
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    buchcover
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