Klavierdraht zu den Wölfen

8. April 2003, 14:17
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Die französische Konzertpianistin und Tierfreundin Hél`ene Grimaud war in Wien

Es lebte einst in einem Städtchen in Florida ein Einzelgänger mit einer Wölfin. Weil dies an sich verboten war, ging er mit ihr nur des Nachts spa- zieren. Und in einer dieser Nächte begegnete den beiden Hélène Grimaud: "Die Wölfin schaute mich an - das hat etwas in mir berührt." Grimaud legt es auf weitere Begegnungen an, und bei der dritten passiert, was angeblich nur ganz wenigen Menschen passiert. Das Tier wirft sich auf den Rücken - ein eminenter Vertrauensbeweis.

Wie auch immer. Die Faszination für Wölfe bleibt, hat Folgen. Grimaud gibt natürlich ihren Beruf nicht auf - die 1969 in Aix-en-Provence Geborene ist anerkannte und viel beschäftigte Konzertpianistin. Allein, es begann für sie eine systematische Beschäftigung mit den Tieren, Grimaud besuchte zwecks Wissensvermehrung Kurse, nahm Kontakt zu Wildparks auf und besitzt mittlerweile ein Wolfsrudel, das sie in einem Freigehege betreut.

Warum? "Die Tiere geben mir eine Art Distanz zu meinem anderen Leben." Aber warum gerade Wölfe? "Wölfe gehören zu den geheimnisvollen Geschöpfen, fremd und doch vertraut - sie sind unsere Verbindung zu einer Natur, die mehr und mehr eingeengt ist. Mit ihnen entdecken wir das Archaische."

Nun, interessante Hobbys würzen die Künstlerbiografie, das kann nicht schaden. Interessant ist allerdings auch, wie Grimaud mit neun, also eigentlich spät, zum Klavier kam. Nach Selbstdefinition war sie ein hyperaktives Kind, mit den Schulaufgaben immer als Erste fertig. Doch außerhalb der Schule ergaben sich gewisse Probleme, die man in den Bereich des Zwang- haften einordnen kann. Grimaud selbst spricht sogar von "krankhaftem Ordnungssinn und Phobien".

Die Eltern sind besorgt. Sport und Tanz helfen nicht. Aber die Musik, vermittelt durch das Klavier, entfaltet schließlich eine therapeutische Wirkung und hilft, die psychischen Probleme zu lösen. Von da an ging es ziemlich rasch. Mit zwölf geht Grimaud nach Paris, die Eltern erlauben es; mit dreizehn wird sie am Pariser Konservatorium aufgenommen.

Wichtig für die mittlerweile internationale Karriere war 1987: Einem Auftritt bei der MIDEM in Cannes folgten die Einladung zum Klavierfestival La Roque d'Anthéron, ein Solo-Recital in Paris und eine Einladung von Daniel Barenboim und dem Orchestre de Paris. Heute lebt sie in der Nähe von New York City auf dem Land und widmet sich, wenn sie nicht gerade auf Tournee ist, natürlich ihren Tieren.

"Ich schminke mich nie, habe kein Interesse an teu- ren Kleidern, Schmuck und Autos. Mein ganzes Geld geht in die Wölfe", sagt Grimaud, die gerade für die Jeunesse im Wiener Konzerthaus gastierte. Auch eigenwillige Hobbys können also sehr teuer sein. (Ljubisa Tosic/DER STANDARD, Printausgabe, 5.04.2003)

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