Absurde Melodramatik zweier Gambler

5. April 2003, 12:07
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Hitler und Stalin, den modernen Vorboten der Apokalypse, sind zwei aufregende Neuerscheinungen gewidmet

Zwei Bücher, die sich durchaus zur Parallellektüre eignen, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Die neue Hitler-Biografie von Ralf Georg Reuth (Hitler. Eine politische Biographie.) und Lew Besymenskis Stalin und Hitler. Das Pokerspiel der Diktatoren.

Vor allem das Buch des 1920 geborenen russischen Historikers, der Stalin noch persönlich als Dolmetscher und Aufklärungsoffizier der Roten Armee kennen gelernt hat, erfüllt die Vorgaben mehrerer literarischer Genres: Es kann gleichermaßen als hervorragende historische Dokumentation und als Politthriller gelesen werden, wobei einmal mehr die dramaturgische Binsenweisheit bestätigt wird, dass die Realität der Fiktion bei weitem überlegen ist - vor allem, wenn ihre Darstellung aus so authentischen Quellen schöpft wie hier.

Besymenski konnte auf bisher unveröffentlichte Dokumente aus Stalins persönlichen Archiven zurückgreifen, die bis in die späten 90er-Jahre unter Verschluss gehalten wurden. Folgt man der sowjetischen Logik auch der poststalinistischen Ära, zu Recht: Denn was hier ans Licht gekommen ist, räumt nicht nur die verbliebenen Reste vom Mythos Stalins als schlau taktierender und kühl rechnender Feldherr und Kämpfer für den Sieg der Weltrevolution ab, es enthüllt auch das gesamte Ausmaß seiner verheerenden Fehleinschätzung des Gegenspielers Adolf Hitler. Die Sowjetunion, so wird auch dem letzten möglicherweise vorhandenen Anhänger der kommunistischen Orthodoxie klar, die Stalin hartnäckig den Nimbus des Befreiers vom faschistischen Joch erhalten will, hat den Krieg nicht dank, sondern trotz des georgischen Tyrannen gewonnen.

Er selbst, so zeigen die Aufzeichnungen aus seinen Archiven, hat nämlich - bewusst oder unbewusst, ob den schwer einschätzbaren Wechselfällen der europäischen und überseeischen Machtpolitik ausgesetzt oder den leichter absehbaren und dennoch stur ignorierten Folgen eigener Fehlentscheidungen - alles dafür getan, den Preis dieses Sieges so hoch wie möglich zu schrauben. Stalin, so lernen wir staunend, war tatsächlich ein Politiker, der keinen Fehler zweimal hintereinander beging: Er wiederholte ihn im Gegenteil so oft, dass in der Addition tatsächlich ein, zwei Posten auftauchten, die im Kontext mit dem Rest schließlich in das positive Gegenteil der Intention umschlugen.

Dabei ist, betrachtet man die Wirkungsperiode des Diktators von seinem Aufstieg bis zum einsamen Ende, der siegreiche Einzug der Roten Armee im niedergerungenen Berlin zwar die herausragende Zwischenbilanz, nicht aber das faktisch abgesicherte Endergebnis. Doch auch für diesen Höhepunkt seines politischen Daseins hat Stalin teuer bezahlt, genauer: bezahlen lassen. Denn dass Hitler bei seinem Überfall auf die Sowjetunion auf eine Armee stieß, die der Wehrmacht in keiner Weise Paroli bieten konnte, war, so belegt Besymenski glaubwürdig, vor allem Stalins Werk. Zu rigoros hatte er in den 30er-Jahren die Offizierskader gesäubert, zu gnadenlos die alten Eliten, die sich in der Armee gehalten hatten, vernichtet und das Nachwachsen neuer verhindert, vor allem aber: Zu viel Zeit hatte der verfolgende Paranoiker mit diesem Blutgericht hinsichtlich des notwendigen Umbaus der veralteten Bürgerkriegsarmee in ein modernes, bewegliches Heer vergeudet.

Dass er mit dem Abkommen von München Zeit gewinnen wollte, ist für den Autor offensichtlich, doch die Strategie, die zur Aufteilung Polens und der Erweiterung der sowjetischen Einflusssphäre nach Westen und mit der Eingliederung der baltischen Staaten nach Norden verfolgt wurde, offenbart sich in der Dokumentation als Kette haarsträubender Fehleinschätzungen, die Stalin seinem Gegner in Berlin angedeihen ließ.

Vom Glauben an die eigene Unfehlbarkeit konnten Stalin weder die allein in den letzten zwei Jahren vor Hitlers Angriff zu Hunderten eingehenden Depeschen seiner Diplomaten noch die ausgezeichnet arbeitenden, ebenfalls lückenlose Belege für die aggressiven Pläne Nazideutschlands vorlegenden Geheimdienste abbringen. Stalin erwartete Hitlers Angriff frühestens 1943, und bis dahin wollte er seine Armee technisch und personell auf dem letzten Stand haben. Dass ihr Fiasko im finnischen Winterkrieg Hitler zu einem möglichst früheren Angriff verleiten könnte, wollte Stalin trotz eindringlicher Warnungen der wenigen kritischen Generäle nicht einsehen. Vor dem fatalen Glück, dass Hitlers hybride Selbstüberschätzung seine eigenen analytischen und strategischen Fehlleistungen zumindest aufwog, hat Stalin wohl bis ans Lebensende die Augen verschlossen.

Die zentrale Frage aber, warum der rote Zar die deutsche Bedrohung "übersah", kann der Autor trotz extensiver und deduktiv überzeugender Auswertung seiner Quellen nicht befriedigend beantworten - ebenso wenig, warum Stalin, obwohl früh genug über den genauen Zeitpunkt des Angriffes der deutschen Wehrmacht informiert, die eigenen Truppen weder in Gefechtsbereitschaft versetzen noch die Reserven mobilisieren ließ. Die Antwort, zu der sich Besymenski durchringt, klingt angesichts der Mengen gesichteten Materials so trivial, dass sie der eisige Hauch historischer Wahrheit umweht: In der hermetisch abgeschlossenen Existenz, in der sich Stalin eingerichtet hatte und die seinen privaten Bewegungsdrang kaum über die Bewältigung der Peripherie hinausführte, welche seine Datsche am Stadtrand mit dem Kreml verband und bisweilen einen Umweg über das Bolschoi-Theater nahm, registrierte er die Welt außerhalb nur mittels der Berichte weniger Vertrauter.

Aber fatalerweise vertraute Stalin kaum jemandem, und wenn er das doch tat, so hütete sich der Betreffende sehr, dem Diktator mit unangenehmen Wahrheiten zu kommen. So wanderten die meisten Informationen von Agenten und Botschaftern entweder ungelesen in den Papierkorb oder, von Stalin selbst als Unsinn abgetan, ins Archiv. Botschafter drangen nicht zu ihm vor, sowjetische Diplomaten noch weniger. Ausländischen Zeitungen vermochte Stalin nicht zu lesen, er begnügte sich mit Zusammenfassungen von Sonderbulletins der TASS. In der Gesetzmäßigkeit seiner abgeschlossenen Welt nahm er jene draußen einfach nicht wahr: An der monströsen Banalität dieser Haltung gingen Millionen Menschen zugrunde.

Über den Verlierer in diesem Poker der Diktatoren hat Ralf Georg Reuth geschrieben. Seine politische Biografie Hitlers hat die Bürde zu tragen, die Joachim Fests klassisch gewordenes Werk jeder Nachfolgerin seither auferlegt hat. Notabene vergleicht man Unzulässiges miteinander: Aufbau und Struktur, vor allem aber Materialiensammlung und -auswertung. Und siehe da, Reuths Buch kann, selbst so unfair betrachtet, nicht nur bestehen, es wirkt auch über weite Strecken frischer, lebendiger und vor allem lesbarer als Fests monumentaler Wälzer. Natürlich ist der unglaubliche Aufstieg des arbeitslosen Streuners zum fürchterlichsten Despoten der Neuzeit längst in allen bizarren Nuancen ausgeleuchtet, sind die Folgen seines Rassenwahns und seiner mit krimineller Energie betriebenen Welteroberungsfantasien in allen Details beschrieben und in allen möglichen Kausalitäten dargestellt worden.

Dennoch schafft es Greuth, in seiner Darstellung die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für die Entstehung dieses Phänomens so gerafft zu halten, dass sie wie aus sich selbst die Biografie eines Mannes ergeben, dem - will man ihm die Ehre jener klassischen Literatur zuteil werden lassen, die er stets verachtet hat - auf Erden nicht zu helfen war. Besonders der Abschnitt, der den Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion behandelt, unterstreicht in Parallellektüre mit Besymenskis Ausführungen die Unterschiede der Politiken beider Systeme: Während Hitler trotz aller Täuschungsmanöver nie zögerte, die Sowjetunion als den schlimmsten, weil ideologisch inkompatiblen Feind Deutschlands zu bezeichnen, war Stalin durchaus bereit, das Naziregime als gleichberechtigten Partner bei der Aufteilung der Interessensphären zu akzeptieren - vorerst zumindest. Das individuelle Ende der beiden fürchterlichen Gambler ist bekannt. Seine absurde Melodramatik lässt das Unheil, das sie angerichtet haben, nur noch größer erscheinen (Von Samo Kobenter/DER STANDARD; Printausgabe, 5.04.2003)

  • Hitler-Biografie von Ralf Georg Reuth:
Hitler. Eine politische Biographie.
    piper/verlag

    Hitler-Biografie von Ralf Georg Reuth: Hitler. Eine politische Biographie.

  • Lew Besymenski:
Stalin und Hitler. 
Das Pokerspiel der Diktatoren
    aufbau verlag

    Lew Besymenski: Stalin und Hitler. Das Pokerspiel der Diktatoren

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