Deserteur des Überflusses

5. April 2003, 11:55
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Leopold Federmair lässt die Sprache zwischen Zeiten und Zuständen changieren

Diese Geschichte habe ich zweimal gelesen. Beim ersten Mal überwog Verwirrung: Wer spricht da? Denn Dreikönigsschnee. 1723 ist gar keine Geschichte, sondern ein Monolog, ein innerer, der vielleicht manchmal gemurmelt nach außen dringt.

Es spricht ein Dichter, so viel steht fest. Aber ist es einer aus dem Barock oder ein heutiger? Da kommt bald ein Fürst vor, bald ein Chef. Der da spricht, ist einer am Rande, ein widerwilliger Schmarotzer: "Ich, besoffen? Nicht mehr als die anderen. Wo der Wein doch in Strömen fließt. Wo du gar nicht anders kannst, als deinen Teil abzukriegen."

So beginnt der Text, und "Überfluss" nennt Leopold Federmair auch seine sehr nützliche Gebrauchsanweisung am Schluss. Darin verrät er die Herkunft der Stimme aus dem schlesischen Spätbarock - der Rest ist leicht, denn 1723 starb Johann Christian Günther, jener Dichter, der mit echter Lust und wahrem Schmerz den Schlusspunkt unter die barocke Konvention gesetzt hat. Sein auf nichts als die Dichtung gestelltes Leben liefert das Wirkmuster für diesen Text: Auf Reisen verschlug es Günther einmal, am Bein verletzt, fiebernd und halb verhungert, in ein Armenhaus; dort, wo der Schnee durchs Dach fiel, schrieb er seine besten Gedichte. Motive des Werkes scheinen durch Federmairs Suada. Die Unfähigkeit, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Der Vater, der ihn wegen seines liederlichen Lebenswandels verstieß. Phyllis, die Geliebte, die dem fantasierenden Ich in obszöner Verbindung mit seinem geschwollenen Knie erscheint (bei Georg Groddeck, dem Erfinder der Psychosomatik, ist nachzulesen, was im Knie steckt).

Der Ausgestoßene träumt von der Gnade des Nichtdenkens oder wenigstens von einem Denken ohne Körper: Alle Wesen hätten dann Platz, "die Lebenden und die Toten (. . .), alle wären auf einmal da und auch wieder nicht da".

Der Autor hat diesen Traum in mehrfacher Überblendung verwirklicht: Sein Erzähler heißt Christian und erinnert in seinen unflätigen, lästerlichen Reden auch an den genialen Säufer Christian Grabbe, er ist aus einer Werbeagentur geflogen, liegt im Krankenhaus, es gibt keine Spritzen mehr im Lande (Schnee ist nicht nur ein Aggregatzustand des Wassers), und zugleich liegt er im Straßengraben und hört die Kutschen vorbeirollen, man denkt an das Ende des Jakob Lenz in Russland.

Federmair hat das metaphorische Zusammenspiel von Klöppel und Zunge, von Glied und Schmied genau komponiert. Er lässt die Sprache zwischen den Zeiten und Zuständen changieren, er hat den Mut zum Eisig-Überhitzten, zur Drastik des Verfalls, zum Stilbruch, auch zum barocken Überfluss der Bilder, der in die Ästhetik der Reklame mündet ("natürlich müssen die Bilder Pep haben"). In "So ein Eis!", dem kulinarischen Plakatslogan, den der Erzähler als ein Kollaborateur der Überflussgesellschaft, erfunden hat, spiegeln sich die Motive des Schnees und der Kälte, der sozialen Eiszeit. Von Horaz, seinem geistigen Reisebegleiter, meint das Dichter-Ich, der habe "keinen Winter zu spüren bekommen" - wo doch eine der berühmtesten Oden des Stadtflüchtlings den Schnee auf dem Soracte besingt, das Feuer im Kamin und den Wein in den Krügen. Platen (auch er ein Exponierter) übersetzte: "Frage nicht, was morgen sein wird,/Zieh Gewinn von jedem Tage,/Und verscheuche nicht die süßen/ Musen, Knabe, nicht den Tanz" - der Winter des Epikuräers ist tatsächlich keiner, um den Dichtertypus der heiteren Selbstgenügsamkeit geht es hier nicht. Wer vom Tische der Macht mit Fußtritten verjagt wurde, glaubt nicht mehr an das "Glück der Tüchtigen". An ihm, dem weggeworfenen Glied, zeigt sich die Krankheit des Organismus: "Der einzige, der dem Heer nützt, ist der Deserteur."

Hannah Arendt, auf die Federmair sich beruft, hat das Überflüssigsein der im KZ Ermordeten auf die im Kapitalismus produzierte Sinnlosigkeit zurückgeführt. Über diesem Grundakkord ertönt die Stimme des Miststierers, der mit der Rhetorik des großen Ausmistens abrechnet. Federmairs großartige kleine Schrift ist auf unzeitgemäße Art leidenschaftlich, ist im wörtlichen Sinn hoffnungslos romantisch. Roberta Vassallos römische Hinterhofansichten passen gut dazu.

(Von Daniela Strigl/DER STANDARD; Printausgabe, 5.04.2003)

Leopold Federmair, Dreikönigsschnee. 1723. Fotografien: Roberta Vassallo. €9,80/35 Seiten. edition selene, Wien 2003.

Hinweis: Leopold Federmair liest am 9. 4. um 19 Uhr in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur (Herrengasse 5, 1010 Wien) aus dem besprochenen Text.

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