Absurdes Theater

15. August 2003, 21:00
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Seit dem New Yorker Septemberdatum lautet einer der dümmsten Aussprüche: "Nichts ist mehr so, wie es war."

Als ob das nicht schon immer der Fall gewesen wäre. Trotzdem ist gleichzeitig wohl auch das Gegenteil der Fall - nämlich dass alles letzten Endes doch so bleibt, wie es war.

Über beides weiß mein heutiges Erinnerungsblättchen zu berichten: Am Anfang der Grazer Jakoministraße gab es vor vielen Jahren ein sehr bekanntes Restaurant - Zum wilden Mann. Dem ist heute tatsächlich nicht mehr so. Denn schon seit langen Jahren befindet sich in diesen Räumen eine Dépendance der Grazer Musikuniversität. Das ist zweifellos auch eine feine Sache.

Das war der Wilde Mann aber auch. Vor allem seine Küche. Und weil eben alles nicht mehr so ist, wie es einmal war, waren die Preise anders als heute noch keineswegs so irre, dass man jenen, die sie verlangen, und auch denen, die sie bezahlen, diskret die Adresse eines Psychiaters zustecken möchte.

Kein Wunder also, dass sich der Wilde Mann größter Beliebtheit erfreute. Und weil alles eigentlich schon immer so war, wie es heute ist, gab es kaum eine Berühmtheit, die vor zirka vier Jahrzehnten die nunmehrige Kulturhauptstadt aufsuchte und im Wilden Mann nicht auch getafelt hätte. Traditionalisten wie Robert Stolz und Marcel Prawy und Avantgardisten wie György Ligeti, Ernst Krenek und Krzystof Penderecki gaben sich in diesem Etablissement die Klinke in die Hand.

Da jedoch die Welt der Kunst nicht nur aus Musikern besteht, speiste dort natürlich auch so manches literarische Schwergewicht. Mitte der 60er Jahre, während der Wochen, in denen er im Grazer Schauspielhaus gemeinsam mit Peter Lotschak Der König stirbt inszenierte, also auch Eugène Ionesco.

Armer Ionesco. Knapp vor seiner Abreise aus Paris hatte ihm der Arzt nämlich striktes Alkoholverbot auferlegt - Diabetes. Und seine Gemahlin, die ihn auf Schritt und Tritt eskortierte, wachte gestrenge über dessen strikte Befolgung.

So blieb dem Meister des Absurden nichts anderes übrig, als mit vor Wehmut fast tränenden Augen zuzusehen, wie der Wein und das Bier gläser- und krügelweise durch die Kehlen seiner mit ihm zu Tisch sitzenden Bewunderer floss.

Doch eines längeren Abends schlug die Stunde der Erlösung. Stunde war es keine, es handelte sich nur um jene wenigen Minuten, während derer sich die ihm angetraute Aufsichtsperson auf die Toilette begab.

Doch sie genügten Ionesco, sich blitzschnell von seinem Sessel zu erheben und sämtliche - egal, ob mit Bier, Rot- oder Weißwein gefüllten und halb vollen Gläser in rekordverdächtigem Tempo zu leeren.

Als seine Gemahlin an den Tisch zurückkehrte, saß er wieder sittsam da und nippte an seinem Mineralwasser.  (DER STANDARD, Printausgabe vom 5./6.2003)

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