Friede den Bauern, Krieg den Händlern

4. April 2003, 21:43
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Im Gespräch mit Antonio Maria Costa, Exekutivdirektor des Büros für Drogen- und Verbrechens- bekämpfung der Vereinten Nationen (ODC) in Wien

Dem Ziel der UN-Sondergeneralversammlung (UNGASS) von 1998 sind wir bis zur Halbzeit nicht wirklich näher gekommen.

Antonio Maria Costa: Ich möchte Ihnen da widersprechen. Ich sehe ermutigende Fortschritte auf dem Weg zu weit entfernten Zielen. In Kolumbien haben wir im zweiten Jahr in Folge eine deutliche Reduzierung der Kokaproduktion, ohne dass es in den Nachbarländern zu einem vergleichbaren Anstieg gekommen wäre. Beim Opiumanbau haben wir eine Reduzierung im "Goldenen Dreieck" in Südasien, wenn auch einen Zuwachs in Afghanistan. Diese Fortschritte sind bemerkenswert, müssen aber fortgeführt werden.

Der Erfolg in Kolumbien ist jung und seine Nachhaltigkeit fraglich.

Costa: Richtig. Es kann keine nachhaltige Reduzierung des Angebots geben ohne eine Reduzierung der Nachfrage. Und ich sage auch: Es kann keine Angebotsreduzierung geben ohne wirtschaftliche Alternativen für die Bauern.

Welche Erfolge und welche Probleme gibt es auf der Konsumseite?

Costa: Es gibt hier unterschiedliche Präferenzen, eine Art "Arbeitsteilung" im Konsum. Bei Kokain liegen die Nordamerikaner vorne, während Heroin vor allem in Europa und Russland konsumiert wird und Amphetamine weltweit, besonders aber in Asien und Südostasien. In den USA kann man von einem spürbaren Rückgang beim Kokainkonsum sprechen. In Europa hat sich der Heroinmarkt stabilisiert. Es gibt weniger Todesfälle im Zusammenhang mit Heroin. Es gibt hingegen einen Anstieg beim Heroinkonsum in Osteuropa, besonders in Russland.

Welches sind für Sie die wichtigsten Herausforderungen der Zukunft?

Costa: Der Zusammenhang zwischen dem Spritzen von Drogen und Aids. Das ist ein großes und wachsendes Problem in Osteuropa, vor allem in Russland, aber auch in Zentralasien.

Welche Veränderungen halten Sie persönlich für wünschenswert?

Costa: Viel mehr Nachdruck auf Prävention und auf die Nachfrageseite. Doch auch im Bereich der alternativen Entwicklung sollten wir einen stärkeren Schwerpunkt setzen. Es geht nicht allein um Gesetzesvollzug. Die Lösung kann nur in einer Änderung des Lebensstils liegen. Ferner lege ich Nachdruck auf die Integration von Drogen- und Verbrechensbekämpfung. Ich habe Mitleid mit den Bauern. Ich habe Mitleid mit den Drogenabhängigen. Aber ich habe kein Mitleid mit den kriminellen Organisationen des Drogenhandels. Die müssen wir mit allen Mitteln bekämpfen. (DER STANDARD Printausgabe 5/6.4.2003)

Die Fragen stellte Robert Lessmann
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