Der Vogel, den sein Nest beschmutzt

16. September 2003, 17:45
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Fronten in der transatlantischen Auseinandersetzung: Die inneramerikanische Kritik

Politiker in Louisiana erwägen, den französischen Präsidenten von den Feiern im Dezember auszuladen, die an den Verkauf des Staates durch Frankreich an die USA vor 200 Jahren erinnern soll.

Nicht mehr als 53 Prozent der Franzosen hoffen auf einen Sieg der Vereinigten Staaten im Irakkrieg, mit denen ihr Land immerhin in der Nato verbündet ist.

Die belgische Regierung schlägt ein Gipfeltreffen zum Thema Gemeinsame EU-Außen-und Verteidigungspolitik vor, an dem Großbritannien und Spanien nicht teilnehmen sollen.

Kluft wird immer tiefer

Auf allen Ebenen, im Trivialen wie im Grundsätzlichen, wird die Kluft, von der in dieser Serie anfangs mit einem kleinen Fragezeichen die Rede war, immer tiefer und anscheinend unüberbrückbar - und immer verzweigter: Sie frisst sich in innereuropäische Verhältnisse hinein und verkompliziert sich durch die Positionen der zukünftigen Beitrittsländer und Russlands. Im Kern aber fußt sie auf den Differenzen zwischen Washington und Paris bzw. Berlin.

Unterhalb dieser diplomatischen Ebene, zwischen Intellektuellen, Experten, kirchlichen und akademischen Instanzen verlaufen andere Grenzen. Der Krieg hat die Entwicklung nur beschleunigt und die neuen Gräben wie auch neuen Dissens deutlich gemacht - die ALBUM-Serie stellte bereits einige Exponenten vor.

Auffallend, weil aus der offiziell erwünschten Phalanx fallend, sind die KritikerInnen im eigenen Land (die man in Zeiten wie diesen gern als Nestbeschmutzer bezeichnet; dazu fällt einem Karl Kraus ein, der sich einmal als Vogel definiert hat, den sein Nest beschmutzt). Allem Augenschein nach - im internationalen Feuilleton, im Internet, in Podiumsdiskussionen - sind sie in Amerika relativ zahlreicher als in den meisten europäischen Ländern. Das dürfte an der Sache liegen, wenn auch die veröffentlichte Meinung dafür nicht unbedingt der beste Gradmesser ist. Jedenfalls äußert sich die Kritik an den gegenwärtigen Verhältnissen in den USA - von den Maßnahmen der neuen Regierung bereits vor dem 11. September bis zur Kriegsführung - im Land selbst vehement und in allen Spielarten.

New York: Zentrum des Dissenses

Ein Zentrum des Dissenses ist, kaum überraschend, New York. Die Stadt war immer schon attraktiv für Intellektuelle, Linke, Gewerkschafter. Hier wuchsen die red diaper babies heran, deren Windeln schon rot gefärbt waren. Auch der hohe Anteil an Nichtweißen bedeutet, dass man mehr Distanz zu einer bellizistischen Politik erwarten kann - keine 20 Prozent der Wähler in New York haben übrigens für den Kandidaten Bush gestimmt.

Die Stadt ist zwar die Heimat von Massenmedien durchaus hetzerischer Machart, aber auch der New York Times, die eine vergleichsweise - im europäischen Sinn - liberale Haltung vertritt. In ihren Editorials hat sie in den letzten Monaten immer entschiedener gegen den Unilateralismus Washingtons argumentiert. Und unter den regelmäßigen Kolumnisten der Times gibt es neben Falken und Realpolitikern auch Tauben, Liberale - und einen ganz normalen Wirtschaftsprofessor von Princeton, Paul Krugman, der innerhalb kurzer Zeit zu einem der profiliertesten - und vehementesten - Bush-Kritiker geworden ist. Wegen der Medien, schloss er kürzlich einen Beitrag, hätten "die meisten Amerikaner keine Ahnung, warum der Rest der Welt den Motiven der Bush-Regierung nicht traut".

Denn es gibt zwar links von der New York Times noch etliche Publikationen wie etwa The Nation, die dank ihrer radikalen Oppositionshaltung mittlerweile die größte Auflage ihrer langen Geschichte hat, nämlich fast 130.000 pro Woche. Nur ist das natürlich ein Klacks im Vergleich mit proamerikanischen, flächendeckenden Medien wie dem Fox-Fernsehkanal des Rupert Murdoch oder seinem Boulevardblatt New York Post.

Andererseits sollte man auch nicht die Wirkungen anderer Kanäle unterschätzen, in denen die Kritik sich organisiert und mitteilt. Zu ihnen zählt etwa die American Civil Liberties Union, eine Vereinigung liberaler bis linker Anwälte zur Verteidigung der Bürgerrechte, die allein aus diesem Grund auf Bushies wie den Justizminister Ashcroft gar nicht gut zu sprechen ist. Oder der ambivalente Einfluss von Hollywood, wo eine Art Eliteliberalismus vieler Schauspieler dem Geschäftssinn der Studiochefs gegenübersteht - bei den diesjährigen Oscars hat man eine Ahnung davon bekommen.

Israel spaltet

Die bisher genannten Gruppen und Strömungen sind überwiegend urban und stark von linken Juden geprägt. Während diese Bevölkerungsgruppe bisher allerdings viele der dissidenten Bewegungen erfolgreich getragen hat, ist sie im Fall des Irakkriegs gespalten. Das hat mit der prekären Lage Israels zu tun. Und eine Folge dieser Uneinigkeit ist, dass die regierungskritische Bewegung viel weniger gut organisiert ist als bei vergleichbaren früheren Anlässen.

Dennoch, es gibt sie, und sie scheint zu wachsen. Ein Indiz, wenn auch ein schwer einzuschätzendes, sind die Aktivitäten im Internet. Ein weiteres: Die amerikanische Tradition des investigative reporting mit unverblümten Schlussfolgerungen ist wohlauf. Star in dieser Liga ist zurzeit Michael Moore, als Dokumentarfilmer, als Bestsellerautor - Stupid White Men - und, das ist nicht zu unterschätzen, als true blue American aus dem Industriegürtel des Mittelwestens, komplett mit Baseballkappe und Übergewicht. Er verkörpert in Reinkultur die pragmatische, unintellektuelle, zupackende kritische Haltung, die sicher einen Teil seines Erfolgs ausmacht. (Sein nächstes Projekt dürfte diesen Ruf festigen: Er plant einen Dokumentarfilm über die Verbindungen zwischen Bush senior und der Familie Bin Laden . . .)

Ebenfalls in der Tradition des Landes verwurzelt sind die ganz anderen, transzendentalistischen Töne. Auch Zweifler berufen sich gerne auf Gott, einen richtig verstandenen Patriotismus und auf die wahren Werte der Nation. Sogar viele Intellektuelle, und die wenigen gegen Bush auftretenden Politiker sowieso. Robert Byrd, sein großer Gegner im Senat, begann seine Antikriegsrede am 19. März mit einem Bekenntnis zu seinem "wunderschönen Land", und er schloss mit den Worten: "Möge Gott die Vereinigten Staaten von Amerika in den schwierigen Tagen, die vor uns liegen, weiterhin schützen!"

Europäer tendieren zum historischen Ansatz

Europäer hingegen tendieren eher dazu, geschichtlich zu argumentieren, bis zum Westfälischen Frieden oder zu Hobbes zurückzugehen, um die Gegenwart zu verstehen. Das gilt auch für die Minderheit, die den US-Standpunkt gegen den europäischen Antiamerikanismus ins Feld führt. Stellvertretend für sie sei der Frankfurter Gesellschafts- und Politikwissenschafter Karl Otto Hondrich genannt, der sich eben in der Neuen Zürcher zum Irakkrieg geäußert hat. Er leitet die Berechtigung der Amerikaner aus "Triebkräften" her, die von jeher den geschichtlichen Gang bestimmt hätten: Macht, Gewalt, Schuld und Sühne. Diesen eigentlich schon metageschichtlichen Ansatz nimmt der FAZ-Feuilleton-Chef Patrick Bahners zum Anlass, Hondrich in die Nähe von Max Scheler zu stellen und ihn damit quasi für die laufende Diskussion untragbar zu machen.

Schon eher von eigenen Erfahrungen getragen ist die proamerikanische Haltung des deutschen Romanisten Hans-Ulrich Gumbrecht, der seit Jahren an der Westküste lebt und lehrt und mit seinem Einwurf vor einem halben Jahr ebenfalls für Aufsehen auf den Kulturseiten gesorgt hat. Ein Interview mit Gumbrecht bringen wir in der nächsten Folge der Serie. (DER STANDARD, Printausgabe, 5./6.4.2003)

Von Michael Freund
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