Die Rückkehr der Marinettis

4. April 2003, 21:05
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Kommentar der anderen: Von der Wahrnehmung des Kriegs in Zeiten des "Fin de siècle" - und warum die Gegner des Bellizismus heute auf ebenso verlorenem Posten wie einst an der Wende zum 20. Jahrhundert stehen

In den späten 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts widmete man sich in intellektuellen Zirkeln mit Hingabe einem populären Gesellschaftsspiel - die damals anstehende mit der vorangegangenen Jahrhundertwende zu vergleichen. Prinzipiell gab es dem Spiel gegenüber zwei Haltungen: Die einen hielten es für eine irrationale Unternehmung, die anderen insistierten darauf, dass Jahrhundert- oder gar Jahrtausendwenden symbolisch derart aufgeladen seien, dass sie vergleichbare kollektive Reaktionen provozieren könnten.

Das ist kein überzeugender Gedanke, die Suche nach Analogien in den kollektiven Mentalitäten war tatsächlich ein Spiel und das Ergebnis hat scheinbar der ersten Fraktion Recht gegeben: Die vielfältigen Ängste der letzten Jahrhundertwende standen bei der diesmaligen einfach nicht am Programm, und selbst die Computer überlebten den Wechsel ohne größere Probleme. Nichts Gravierendes geschah, die Menschheit absolvierte die Zeitenwende mit gemäßigten Optimismus, und das Jahrhundert- bzw. Jahrtausendwende-Problem schien definitiv abgehakt.

Wendepunkt 9/11

Überraschenderweise kam unter denen, welche die beiden Jahrhundertwenden verglichen, keiner auf die Idee, den 11. September in diesen Kontext zu setzen. Doch tatsächlich scheint sich die Geschichte nun zu wiederholen, wir werden Zeugen einer - verspäteten und wie im Zeitraffer ablaufenden - Neuauflage des letzten Fin de Siécle:

Auch in unserer immer noch währenden Jahrhundertwende erleben wir in den Industriestaaten eine vielschichtige Krise, nicht mehr Nationen fühlen sich anderen überlegen, wohl aber Kulturen, viele Regionen der Welt sind von einem sich teilweise aggressiv artikulierenden Gefühl der Zurücksetzung beherrscht, internationale Regelungsmechanismen verlieren an Legitimität.

Die damalige Krisenstimmung hatte einen siamesischen Zwilling: den Bellizismus. Der Krieg, die authentische Reaktion auf eine als bedrohlich erlebte Welt, seinerzeit vom Futuristen Marinetti als "einzige Hygiene der Welt" gepriesen, war in der Fin de Siécle-Mentalität allgegenwärtig und avancierte in der Wahrnehmung vieler zur "höchsten Prüfung für den Geist und damit zur Bewährungsprobe für die Vitalität und Stärke der eigenen Kultur."

Damals wie heute war es auch sinnlos, gegen den Bellizismus zu argumentieren: Es gehört zur Moderne, dass der jeweils gerade anstehende Krieg als einzigartig - sozusagen als erster seiner Gattung - gedacht wurde.

Das Phantasiesystem, das der moderne Krieg regelmäßig produziert, ist eng mit den Fortschritten in der Waffentechnologie verbunden - Karl Kraus hat dafür die treffende Charakterisierung vom modernen Krieg als "technoromantisches Abenteuer" gefunden. Politiker und Militärs haben ein Jahrhundert lang eine erstaunliche Vertrauensbereitschaft gegenüber den Versprechungen der Waffenindustrie an den Tag gelegt - es scheint nachgerade ein zwingendes Gesetz zu sein, dass jede militärische Generation ihre spezielle "Enttäuschung des Krieges" neu erleben muss.

Die offensichtlich erfahrungsresistente Illusion vom Bewegungskrieg mit den ihm eigenen Möglichkeiten zu raschen Entscheidungen und das Vertrauen auf die Stärke und die Präzision der neuen Waffe beherrschten schon die Politiker und Militärs am Vorabend des ersten Weltkrieges. Deutschland, das im Jahr 1914 in mehreren Bereichen analog handelte wie die heutigen USA, orientierte sich an der Idee eines "präventiven Krieges", mit dem man den angeblich aggressiven Absichten der feindlichen Mächte zuvorkommen wollte, hatte aber sonst kaum konkrete Kriegsziele, sondern vor allem eine Strategie und eine Vision.

Der Historiker Modris Eksteins beschreibt diese Vision so: "Die Eisenbahn würde die Männer rasch und pünktlich an die Front befördern; beim Angriff würde man das Maschinengewehr einsetzen; mächtige Schiffe und eine mächtige Artillerie würden dem Feind ohne viel Federlesens den Garaus machen." Und dann würden die Jungfrauen die heimkehrenden siegreichen Helden feiern.

Tatsächlich bewegten sich in den ersten Kriegsmonaten buchstäblich Millionen von Soldaten durch Europa, doch der Bewegungskrieg verwandelte sich rasch in einen ekligen Stellungskrieg, in dem um jeden Meter gekämpft wurde. Das hatte keiner auf keiner Seite vorhergesehen.

In Frankreich, England und in den USA gab es eine ergänzende Illusion: die Vorstellung von einem Millennium, einem tausendjährigen Reich des Glücks und des Friedens, dem Krieg der - so Woodrow Wilson - "die Welt sicher für die Demokratie machen" (vgl, unten stehenden Beitrag von Chantal Mouffe, Anm. red.) und letztlich den Anlass für künftige drohende Kriege aus dem Weg räumen sollte. Gerade diese ja auch eine Verpflichtung enthaltende Idee von einer zivilisierenden Wirkung des Krieges hat, wieder gestützt durch die Versprechungen der Waffenindustrie, eine neue Illusion geschaffen: die Idee vom Krieg, der nicht nur schnell, sondern auch sauber ist, Krieg "light" sozusagen, ein zivilisierter Krieg ohne Grausamkeiten.

Doch gegen diese Illusion hat schon der "klassische" Kriegstheoretiker Clausewitz in einer scharfsinnigen Analyse argumentiert: Der Grad der in einem Krieg eingesetzten Gewalt hängt nicht vom Grad der Zivilisierung ab, sondern "von der Wichtigkeit und Dauer der feindseligen Interessen". Und Raymond Aron fügt hinzu: "Die Gewalt als solche kennt keine inneren Grenzen und, da jeder Kämpfer dem anderen sein Gesetz aufzwingen will und da keiner von beiden weniger als der andere tun kann, werden sie beide logischerweise dazu gezwungen, ihr Äußerstes zu tun."

Aber Clausewitz scheint man im Pentagon und den ihm verbundenen Medien nicht zu lesen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 5./6.4.2003)

Der Autor Alfred Pfabigan lehrt Sozialphilosophie und Politologie an der Universität Wien
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