Im Inneren des grauen Riesen

7. April 2003, 10:40
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Sie sind unzerstörbar. Und unbetretbar: Die Wiener Flaktürme gehören zu den letzten unerforschten Stadträumen.

Wien - Corn mag keine Tauben. Schon im normalen Leben nicht. Und darum findet es Corn nicht lustig, als ihn einer der Statiker - im Scherz - fragt, unter welchen Bedingungen er, der Fotograf, bereit wäre, hier drin zu bleiben.

"Hier", das ist Corns Albtraum. Das Innere des runden Flakturmes im Augarten. Jener Turm, der - DER STANDARD berichtete - zu einem Hochsicherheitsdatenbunker umgebaut werden soll. Und um zu erheben, wie tragfähig die alten Mauern im Inneren überhaupt noch sind, luden die Projektbetreiber, die Firma DCV, Statiker und STANDARD zur Begehung. Man trug Atemschutz. Wegen des Staubes. Vor allem wegen dem von toten Tauben und Taubenkacke. Die liegt stellenweise tatsächlich meterhoch.

14-stöckiges Taubenklo

Ein 14-stöckiges Taubenklo, fluchte ein Statiker beim knirschenden Anstieg über Kadaver, Nester und Eier im geländerlosen, rutschigen Stiegenhaus. An der Innenseite geht es senkrecht ins Dunkle. Fünfzig Meter tief.

Bis zu 40.000 Menschen suchten unten Schutz. Oben, am Dach und auf den Plattformen, ballerte die Flak. Vier Geschütze. Alle vier Sekunden ein Schuss pro Geschütz. Jeder Schuss mit einen Rückstoß von 150 Tonnen. Sogar im einige Hundert Meter entfernten Feuerleitturm wackelten die Wände, sagen Zeitzeugen. Im Augarten schlugen 300 Fliegerbomben ein.

Kleine Absplitterungen

Die von den Nationalsozialisten in den letzten Kriegsjahren hochgezogenen Stahlbetonriesen haben alles überstanden. Unbeschadet. Dort, wo am Dach Bomben aufschlugen, die sonst ganze Häuser zerstörten, sind kleine Absplitterungen zu sehen. So, als hacke ein Pickel auf Granit.

Im Inneren ist der Turm dennoch zerstört: Kinder haben gezündelt. Kurz nach Kriegsende. Dabei sind zwei Eisenbahnwagonladungen Flakmunition hochgegangen. Noch Hunderte Meter weiter barsten die Scheiben. Der Oberteil des Turmes wurde hochgehoben - setzte sich aber wieder auf seinen Sockel: Jene Stipfel, die man auch vom Park aus aus dem Riss in der Hülle ragen sieht, sind Hülsen der explodierenden Granaten. Der Turm hat sie wieder eingefangen.

Statiker

Im Inneren ist die nördliche Hälfte vom vierten bis zum 14. Geschoß eingestürzt. Die Trümmer türmen sich zu einem archaisch-anarchischen Berg: Die Statiker sollen auch das Schuttvolumen und den Aufwand des Abtransportes berechnen.

"Irrsinn", entfährt es einem von ihnen, als die Gruppe endlich am - trotz der Wucht der Detonation - unversehrten Dach steht und einen der spektakulärsten Blicke über den Park und die Stadt genießt. DVC-Projektleiter Wolfgang Bleim nickt: "Bisher hat sich keiner drübergetraut." Bis zu 50 Millionen Euro will Bleim hier investieren. Woher das Geld kommen soll? Bleim schweigt.

Unten, im Schutt beim Ausgang, findet Corn alte Soldatenstiefel. Fast scheint es, als würde er beim Abdrücken unsicher. Nicht wegen der Tauben, sagt er nachher. Sondern wegen der Menschen. Hier drin, sagt Heribert Corn, waren Menschen. In Todesangst. Und das wiederhole sich. Jetzt. Nur anderswo. (Thomas Rottenberg,DER STANDARD Printausgabe 5/6.2003)

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    foto: rott
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