Neue Spielwiese für fächerübergreifende Forschung

4. April 2003, 20:40
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Die Mongolei als Ziel praktizierter Feldforschung - physiologisch und molekularbiologisch

Wie sinnvoll sind Forschungsexpeditionen in die Mongolei? Was bietet die Mongolei Naturwissenschaftern, was andere Regionen nicht bieten? Und: Ist sie nicht ein wenig zu weit weg und etwas zu exotisch für österreichische Wissenschafter? Mitnichten, antworteten die Expeditionsleiter der Wiener Universität für Bodenkultur auf die letzte Frage. Und die ersten beiden erläuterten Alfred Pitterle (Integral-Angewandte Gebirgswaldforschung), Hartmut Gossow (Biodiversität, Wildökologie und Jagdwirtschaft) und Rudolf Wegensteiner (Forstschutz) anhand der Ergebnisse einer ersten Fact-Finding-Mission in die Mongolei, der eine weitere wissenschaftliche Expedition folgen soll - fächerübergreifend.

Die Mongolei hat eine Fläche, die 18-mal so groß ist wie jene Österreichs (1,5 Millionen Quadratkilometer) und auf der kaum 2,8 Millionen Menschen weit verstreut leben (in Österreich rund acht Millionen), bis zu 60 Prozent ein nomadisierendes Volk. Ausgangspunkt war eine Machbarkeitsstudie über Aufforstung und Wiederaufforstung dieses Landes, die Pitterle bereits erstellt und im Auftrag und Namen Österreichs bei entsprechenden Stellen zur Finanzierungsunterstützung eingereicht hat. Dabei konnte er österreichisches Wissen um Wald, Waldbewirtschaftung, Holzbau, Aufforstungsmaßnahmen bei Bodendegradation, Bodenerosion, aber auch über Klimaveränderung und Wüstenbildung einbringen und eine Nutzung der 17 Leistungen des Waldes - etwa Schutz der Wasserressourcen, Sandfixierung, Hochwasserschutz, Windschutz für Weidevieh und Erosionsverhinderung - anregen.

Doch auch andere Facetten dieser Vegetations- und Klimazone waren zu erforschen: Gerade in jüngster Vergangenheit wurde über einen besonders heftigen Befall des Waldes mit (angeblich) sibirischen Motten geklagt, die sogar in dichten Wolken über die Hauptstadt Ulan Bator hergefallen waren, und über riesige Waldbrände, die immer wieder aufflammen - allein im Jahr 2002 wurden von 168 Bränden 54.000 Hektar verwüstet - und die das Klima ebenso wie den Bewuchs und die Fauna verändern. "Was hier so beeindruckend ist, ist die Möglichkeit, die natürlichen Regulationsmechanismen ohne jegliche menschliche Eingriffe zu beobachten. Nur so kann man zum Beispiel verstehen, welche biologischen Schädlingsbekämpfungsmaßnahmen langfristig erfolgreich sein könnten. Darüber hinaus ist aber auch ein Vergleich unterschiedlicher Arten oder derselben Arten zwischen der Mongolei und Österreich interessant", erklärt Wegensteiner, der einige interessante Beobachtungen auf seinem Gebiet der Insektenforschung (Entomologie) machen konnte.

"Meine Erwartungen waren nicht vorgeprägt, da ich bei völlig fremden Ländern und Kulturen erst vor Ort versuche, mir unmittelbar einen konkreten Eindruck zu machen. Bezogen auf die kurze Zeit und den aus entomologischer Sicht relativ ungünstigen Zeitpunkt habe ich mir nur erhofft, dass ich überhaupt noch irgendwelche Insekten finde." Doch Wegensteiner wurde immer wieder fündig in den ausgekratzten Borken, zwischen Steinen und im Gestrüpp. Immer wieder konnte er Larven, Puppen und Falter in seine Filmdöschen stecken. Wo Laien öde Flächen abgebrannter Baumstümpfe sehen, sieht er "eindrucksvolle Waldbrandflächen" und zeigt sich begeistert über die Größe der Schadflächen: "Etwas, das man bei uns in diesem Ausmaß niemals zu Gesicht bekommt."

So konnte er auch auf entlegenen Felsen Schmetterlingsweibchen entdecken, die hierzulande niemals dort hinaufkämen: In Europa können diese Schwammspinner nämlich nicht fliegen, in der Mongolei schon. "Besonders spannend ist es zu vergleichen, wie sich diese phytophagen Insektenarten bei unterschiedlichen Entwicklungsbedingungen verhalten, was im Falle einer Verschleppung von Arten und der Abschätzung der daraus resultierenden Risken von großer Bedeutung ist: Nachhaltige Naturkatastrophen sind schon durch den meist unfreiwilligen Export einzelner Insektengruppen entstanden."

Doch nicht nur er persönlich findet diesen "weißen Fleck" auf der Landkarte mit fast 150.000 Quadratkilometer Wald, den noch keines Menschen Fuß betreten hat, ein reizvolles wissenschaftliches Abenteuer. "Ich glaube, dass es für sehr viele Studenten und Wissenschafter noch viel zu forschen gibt. Ob physiologisch oder molekularbiologisch, prinzipiell wäre das bei allen in der Mongolei bedeutenden Insektenarten interessant."

Doch nicht nur in der Insektenforschung hat sich durch diese Kleinexpedition ein neues Fenster zum Unbekannten aufgetan. Auch in der Ökologie finden sich viele Möglichkeiten, wie etwa die Waldbrandforschung, die Gossow nun intensivieren will. Und selbst die Beobachtung der Klimaveränderung, die in dieser menschenleeren Region ohne Regionaleinflüsse objektiv messbar ist, zeichnet sich für - nicht nur vom Wissenschaftsministerium und heimischen Universitäten geförderte und beauftragte - lohnende Forschungen ab.

Wann das nächste österreichische Wissenschafterteam die Mongolei durchforschen wird, steht noch nicht fest, Geschmack daran gefunden hätten laut Expeditionsleitern aber schon etliche Kollegen aus der Science-Community. (Elisabeth Hewson/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6. 4. 2003)

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