Manchmal führt der Weg auch in die Höh'

4. April 2003, 20:41
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Die neue Wiener Hauptbibliothek am Gürtel hat ein bisschen was von M. C. Escher - Ein Lokalaugenschein von Ute Woltron

Von außen betrachtet ist das Ding seltsam, keine Frage. Es liegt mitten in den Verkehrsspuren des Wiener Gürtels, als sei es ein enormes Krokodil – angeschwemmt, das Maul am Boden, der Schwanz zu einem Doppelstummel abgehackt. Eine schwere Angelegenheit, zum Teil auf Stützen aufgestemmt, damit unten die U-Bahn durchfahren kann und mittendrin quer durch die Straßenbahn.

Maulseitig

Maulseitig, wenn man so sagen darf, erstreckt sich über die gesamte Hausbreite eine enorme Treppenanlage, die ganz hinaufführt bis auf das flache Dach. Ein rundliches Krönlein dort oben bildet ein Café. Die Flanken des Leibes sind schuppig mit Keramikfliesen verkleidet, sienabraun und sehr regelmäßig.

Soweit der erste, flüchtige Eindruck der neuen Wiener Hauptbibliothek, die kommende Woche nach dreijähriger Bauzeit der lesefreudigen Bevölkerung der Bundeshauptstadt übergeben wird. Flüchtig der Eindruck deswegen, weil die meisten Wiener das Haus vor allem im Vorüberhasten wahrnehmen, wenn sie den Gürtel mit dem PKW oder der Straßenbahn befahren. Denn als Ort zum Verweilen lädt die Gegend rund um den Urban-Loritz-Platz wahrlich nicht ein. Die Architektin Silja Tillner hat zwar ihr Bestes gegeben und den dort befindlichen Verkehrsknotenpunkt mit freundlich gespannten Dächern geschützt, trotzdem überwiegen Lärm, Gestank und der Wille zur ehestmöglichen Flucht in freundlichere Gefilde.

Eigenwilliges Stiegenkonstrukt

Doch das, so darf man hoffen, könnte dank diesem seltsamen, eigenwilligen Stiegenkonstrukt der Vergangenheit angehören. Wo vorher hektisches Wegstreben zu bemerken war, entsteht plötzlich konzentriertes Verweilen. Diese krokodilmaulartige Treppe – sie hat es offenbar in sich. Obwohl das Haus noch nicht einmal eröffnet ist, wird sie rege von allerlei fröhlichem Volk besiedelt. Studenten sitzen dort mit Skripten in der noch nicht einmal besonders warmen Frühlingssonne, gemischte Grüppchen nehmen auf den Stufen eine Jause ein, blaubefrackte Arbeiter ruhen von den Mühen des Steinplattenverlegens, Touristen blättern in ihren Reiseführern – noch – vergeblich nach, was das denn sei, auf dem sie hier rasten. Diese Stiege erfüllt offensichtlich den ihr zugedachten Zweck: Sie ist Treffpunkt und Freiluftfoyer, sie ist ein verkehrsumbraustes Landmark, das man sich merkt.

Sie passt gut zu ihrem Konstrukteur, dem Architekten Ernst Mayr. Der ist auch so ein fröhlicher Geselle, und er wollte diese Treppe unbedingt haben, als, wie er sagt, "benutzbare vierte Fassade des Hauses". Das Dach beugt sich also bis zum Straßenniveau herunter, es wird zum Aufstieg oder Abstieg, je nachdem, und obwohl das sonderbar M.C.Escher-mäßig ausschaut – je länger man es betrachtet, umso sympathischer wird es.

Bibliotheksreptil

Über das Äußere dieses Bibliotheksreptils kann man also getrost ein wenig streiten. Innen jedoch entwickelt das Haus enorme Qualitäten. Man bemerkt: Hier ist alles der Welt des Wissens, des Buches und der milden Weltentrücktheit des Lesers geweiht – und vor allem auch, in dienender räumlicher Logik, dem schwierigen Leben der ewig schlichtenden und ordnenden Bibliothekare.

Zuerst das Grobe: Architekt Mayr bündelte jegliche Verkehrsströme, die unter dem Haus in eine U-Bahn-Station münden und davor in diverse Straßenbahnhaltestellen. Der große, eher kalte, karge Raum unter der Treppe bildet ein Foyer, sowohl für die Bibliotheksbesucher als auch für die Passagiere der diversen öffentlichen Verkehrsmittel. Rolltreppen geleiten alle, die zu den Büchern, CDs und Zeitschriften wollen, in den Bibliothekseingangsbereich. Die anderen speit das Krokodilsmaul aus. Im Bibliotheksfoyer können Bücher zurückgegeben und allerlei administrative Bibliotheksgeschäfte an einer freundlichen Theke abgewickelt werden, und dort befindet sich auch sogleich für die raschen Konsumenten des täglichen Weltgeschehens eine geräumige Zeitungs- und Magazinlounge mit rund hundert verschiedenen Periodika.

Unmittelbar hinter diesem Entree erstreckt sich über drei Geschoße das eigentliche Bibliotheksreich. Was sofort auffällt: Hier kennt man sich schon nach einem ersten flotten Rundgang vorzüglich aus. Dank tief eingeschnittener Lichthöfe in der Mittelachse sowie wechselseitig angelegter luftiger Treppen hinauf und hinunter weiß man stets, wo genau man sich befindet, was auf einer Gesamtfläche von über 4000 Quadratmetern ziemlich viel wert ist.

Mehrgeschoßige Lufträume

Wichtig auch, dass Mayr immer wieder mehrgeschoßige Lufträume eingeschnitten hat, die zum einen für diese lockere räumliche Transparenz sorgen, zum anderen jeweils so liegen, dass zu jeder Tageszeit entsprechende Lichtmengen in das 144 Meter lange und 26 Meter breite Haus sickern können. Das Licht in seiner gedämpften Form spielt hier in diesem Haus eine Hauptrolle.

Das Wichtigste bleiben natürlich bei alledem die Bücher. Sie ruhen in langen Stahlregalen und befüllen die Wände. Etwa eine Viertelmillion Exemplare werden hier gehütet. Mayr – und damit zum Feinen – hat das Innenleben des Hauses sehr ruhig, freundlich, stellenweise gemütlich gestaltet. Alle Möbel und auch die Stirnseiten der freistehenden Buchregale sind aus hellem Ahornholz gemacht. Ahorntäfelungen verkleiden die Wände, zum Teil klettern sie sogar über mehrere Geschoße. Und Brüstungen und Stiegengeländer entwickeln sich ebenfalls zu Möbeln in Form von Tischen, Regalen und den für jede Bibliothek so wichtigen Abstellflächen.

Der Vorzug jeder Freihandbibliothek liegt auf der Hand: Die Besucher können gustieren, das Lesematerial aus den verschiedensten Fach- und Sachbereichen zusammentragen und blätternd entscheiden, was ausgeborgt und was zurückgelegt werden soll. Für diesen Zweck stehen diverse Erkerzimmer zur Verfügung, mit eselsgrau bespannten angenehmen Sitzbänken und Ahorncouchtischchen. Die Erker kragen ein wenig aus, sodass das Licht über schmale Fenster in Richtung Gürtel-Verkehrsfluss fällt. Die gegenüberliegenden Hausfassaden bleiben ausgeblendet. Draußen also ein ständiges Bewegen, Fließen, Vorbeifahren. Drinnen erstaunliche Ruhe.

Die dient nicht zuletzt den Benutzern der 148 Kunden-PCs, die hier überall verstreut verwendet werden können, den Zugriff auf das Wiener Bildungsnetz und an die 90 Datenbanken gewähren und zum Teil mit besonderen Programmen ausgerüstet sind. Neben 37.000 CDs steht eine enorme Schallplattensammlung bereit sowie 23.000 Videos und DVDs.

Bau mitten im Verkehrsgetümmel

Der Bau selbst hat ohne Einrichtung 26 Millionen Euro gekostet, die die Stadt Wien offenbar gern in das Wissen ihrer Bürger investiert. Die Bibliothek, auch das darf festgestellt werden, steht nur scheinbar an einem absurden Ort – mitten im Verkehrsgetümmel einer der meistbefahrenen Straßen der Bundeshauptstadt. Denn dank der zahlreichen öffentlichen Verkehrsmittel, die unter und neben ihr halten, ist sie perfekt an das Stadtleben angebunden. Da das Haus schöne Räumlichkeiten für kleinere Kongresse und andere Veranstaltungen bereithält, dürfte das Leben in der Bibliothek auch nach Dienstschluss weitergehen. Fazit: kein schönes Haus, aber ein sympathisches, und eines, dessen Qualitäten sich, wie die eines guten Buches, im Inneren erschließen. (Ute Woltron, DER STANDARD Printausgabe 5/6.4.2003)

Die neue Wiener Hauptbibliothek am Gürtel hat ein bisschen was von M. C. Escher: Seine Bilder sind auch nicht schön, dafür aber nachhaltig faszinierend

Büchereien

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