Hebung der Kampfmoral

7. April 2003, 19:42
3 Postings

... aber nicht Steigerung des zivilen Vergnügens: Über Drogen im Dritten Reich

Dur Funktion und Einschätzung von Drogen, legalen wie illegalen, im Dritten Reich gab es die längste Zeit mehr Vermutungen als gesichertes Wissen. Die Klischeebilder von saufenden SA-Männern oder von Trommlern für die Volksgesundheit bestätigten nur die jeweiligen Vorurteile. Um die dahinter stehende Komplexität zu erkennen, musste man sich näher an den Stoff und die vielen Stoffe wagen. Der Verleger Werner Pieper dürfte der Erste sein, der es genau wissen wollte. Er tat, was man von ihm in ähnlichen Fällen kannte: Er sammelte, interviewte, recherchierte, grub aus und brachte auf eigene Faust Nazis on Speed heraus.

Speed - also Amphetamine, Muntermacher, zum Beispiel Pervitin zur Hebung der Kampfkraft der Wehrmacht auch noch in den letzten Wochen des Kriegs - ist nur die Spitze dessen, was Pieper alles zum Vorschein brachte. Es geht natürlich auch um Alkohol, um Modedrogen vor und hinter den Kulissen - und vor allem um die ambivalente Einschätzung des Phänomens durch den Nazi-Apparat. Einerseits gab es ideologische Vorbehalte gegen alles den Körper "Überfremdende", gegen Degeneration und undeutschen Luxus. Andererseits konnte man Drogen, nicht nur Speed, gut für eigene Zwecke einsetzen bzw. sie, da sie unausrottbar waren, adaptieren. So wurde aus dem eigentlich doch fremdländischen Nikotingift ein wehrhafter Zeitvertreib, und mit Coca-Cola machte man Geschäfte, bis der Sirup-Nachschub (erst 1942!) ausblieb. Der findige Cola-Vertreter erfand daraufhin einen Ersatz aus Abfällen der Fruchtsaftherstellung. Er nannte ihn Fanta ...

Die beiden Speed-Bände holen weit aus, vom Ersten Weltkrieg und noch früher bis zu neuer Forschung. Sie zitieren eine Fülle von Originalquellen - Gesetzesverordnungen, Arztprotokolle, Kriminalstatistiken, aber auch Belletristik - und verknüpfen sie zu einem zu Recht sehr uneinheitlichen Ganzen. Ein besonderes und gut, wenn auch manchmal etwas schnoddrig argumentiertes Anliegen war es Pieper, die Kontinuität in der deutschen Drogenpolitik zu zeigen: wieder keine Stunde Null im Jahr 1945.

Und was immer in der nächsten Zeit an Horrormeldungen von Drogen an der Front zu hören sein wird: Das Buch belegt, dass fast alles schon da gewesen ist. Schon allein deswegen lohnt die Lektüre. (Michael Freund/ DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6. 4. 2003)

Werner Pieper (Hg.), Nazis on Speed. Drogen im 3. Reich. Zwei Bände. Bd.1: € 20,60/350 Seiten, Bd.2 € 12,90/230 Seiten.
Edition Rauschkunde, Löhrbach 2002. Vertrieb in Österreich: A.S.Höller, Schaldorferstraße 16, 8641 St. Marein, Tel.: 03684-6777.
  • Artikelbild
    montage: derstandard.at
Share if you care.