Aufstand gegen Diktat krank machender Gene

6. April 2003, 14:12
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Ein neues Buch von Markus Hengstschläger

Markus Hengstschläger hat einen Traum. Die Wissenschaft, sinniert der aus Oberösterreich stammende Genetiker, wird von der Bevölkerung endlich nicht mehr als unbegreiflich und fremd aus dem alltäglichen Leben ausgegrenzt, sondern als identitätsstiftend und Teil der Kultur akzeptiert. Wie das gehen soll? "Die Forschung muss sich der Öffentlichkeit erklären", konstatiert der Leiter des pränatalmedizinisch-genetischen Labors am Wiener AKH.

Aber auch die Vermittlung von Wissen und Wissenschaft braucht ihre Anlässe. Der laufende Monat bietet dem 35-jährigen Uniprofessor einen der besten: Vor genau 50 Jahren publizierte das Fachmagazin Nature eine offen gelegte Molekularstruktur, deren gesellschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Auswirkungen an Nachhaltigkeit kaum zu überbieten sein werden: April 1953 erschien unter dem Titel "A Structure for Deoxyribose Nucleic Acid" jener historische Artikel von James Watson und Francis Crick, in dem die beiden Jungforscher und späteren Nobelpreisträger die Spiralisierung doppelsträngiger Desoxyribonukleinsäure (DNA) beschrieben und so menschliches Erbgut in seine Form brachten.

Wer selektiert wie?

Damit legten sie die Grundlage für das bisherige Verständnis für Replikation und Vererbung von genetischem Material, Vielfalt und Evolution der Spezies - und für molekulare Schäden und deren Reparatur. Allein: Sind "kranke Gene" tatsächlich krank? Wer selektiert angeblich kranke und vermeintlich gesunde Gene und ihre Träger? Und nach welchen Kriterien?

Hengstschläger vertritt in seinem am Montag erscheinenden Buch Kranke Gene dazu folgende Meinung: Der sich in den vergangenen 50 Jahren über die Genetik etablierte Determinismus von Gesundheit und Krankheit gehört aufgebrochen: "Nicht nur, weil die Umwelt den Menschen und damit auch seine Gene bestimmt, sondern vor allem, weil der Mensch diese Umwelt ständig verändert." Die Evolution habe sich aus dem starren Darwinschen Korsett der Molekularbiologie befreit, vollziehe sich inzwischen auf einer soziokulturellen Ebene. Hinzu komme, dass der Mensch aufgrund des inzwischen - nicht zuletzt genetisch - Machbaren seine Evolution längst selbst mitbestimme. "Vieles, das vor Jahrzehnten noch gesund war, ist heute krank und wird in Zukunft vielleicht wieder als gesund betrachtet." Und wozu macht er dann pränatale Gentests, die - je nach Ergebnis - als medizinische Indikation für Schwangerschaftsabbrüche gewertet werden können?

"Ob ein Mensch krank ist oder nicht, entscheidet sich nicht im Labor. Die Hoffnung für die Zukunft ist, dass durch die heutige umsichtige Anwendung von Gentests die Voraussetzungen für neue Therapien geschaffen werden, die es dem Menschen ermöglichen, selbstbestimmt dem Diktat seiner krankheitsauslösenden Gene, seiner ,kranken Gene', zu entkommen."

Für Laien sehr verständlich beschreibt Hengstschläger die Welt der Genetik, wägt Chancen und Risken von Gentests ab und verheimlicht weder gemachte Fehler noch verantwortungslose Studien. Und gesteht auch ein, dass die Genetik falsche Hoffnungen geweckt hat und die entsprechende Forschung "erst in den Kinderschuhen steckt". (Andreas Feiertag/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6. 4. 2003)

Markus Hengstschläger: Kranke Gene
Facultas 2003
250 Seiten; 24,90 Euro
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